Die Millionen-Maschinen

von Lukas Hermsmeier2.09.2012Gesellschaft & Kultur

Mit kalkulierten Minusgeschäften machen englische Vereine den Fußball kaputt. Der Sport braucht schärfere Regeln – aber nicht erst in zwei Jahren.

Vor zwei Wochen überraschte mich der „Kicker“. „Jack Rodwell ist 21 Jahre jung, zweimaliger englischer Nationalspieler – und der einzige Sommerneuzugang von Meister Manchester City. Der Scheich-Klub hat das Transfertreiben in diesem Sommer tatsächlich aus der Ferne beobachtet, er ist zufrieden mit dem, was er hat“, schrieb ein Redakteur des Sportmagazins in einer Vorschau auf die englische Premier-League-Saison. Interessant, dachte ich. Lobenswert, dass der Verstand nach Manchester zurückgekehrt ist. Dachte ich.

Traurige Rekorde

Am Freitag vermeldete City die Verpflichtung von Javi Garcia, Maicon, Scott Sinclair und Matija Nastasic. Vier neue Spieler für 50 Millionen Euro. Und das alles in einer Hauruck-Aktion kurz vor Ende des Transferfensters. Wie naiv und uninformiert muss dieser Schreiberling gewesen sein, so etwas zu schreiben. Wie naiv und uninformiert bin ich, so etwas zu glauben. Ein Ende des Transfer-Wahnsinns ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Liste der Vereine in Investoren-Hand wird länger. Und somit auch die Liste der Vereine, die Jahr für Jahr absurde Millionen-Beträge zahlen und den Fußball krank machen. In der englischen Liga, in der jeder zweite Klub immense Schulden hat, wurden in diesem Sommer 334 Millionen Euro mehr für Transfers ausgeben als eingenommen. Noch mal zur Erinnerung: Die Bosse von City, die da in wenigen Stunden 50 Millionen Euro verfeuerten, vermeldeten erst im Mai ein Jahresdefizit von 245 Millionen. Ein kalkuliertes Minusgeschäft – an dem sich niemand so wirklich stört. Ein Verein wie Paris St. Germain, der in den vergangenen Jahren im Mittelfeld herumdümpelte, fast abgestiegen wäre und das Geld mit Sicherheit nicht durch Erfolg erspielte, nahm vor der Saison 140 Millionen Euro für neue Spieler in die Hand. Besser gesagt: Eine Investorengruppe aus Katar nahm das Geld in die Hand. Ein Teil davon wurde für den Schweden Zlatan Ibrahimovic bezahlt, der jetzt einen Rekord aufstellte: Ibrahimovic (von Ajax zu Juventus zu Inter zu Barcelona zu Mailand zu Paris) ist der Umsatz-Krösus des Fußballs. Die Summe aller Ablösesummen beläuft sich auf 170 Millionen Euro. Ein trauriger Rekord. Selbst der sonst recht zurückhaltende Moralapostel FC Bayern hat sich in diesem Jahr anstecken lassen. 40 Millionen Euro für einen Spanier namens Javi Martínez, den 99 Prozent der Fans bis dato nicht kannten. Ob Uli Hoeneß, der die Transfer-Vernunft seit Jahrzehnten predigt, insgeheim ein schlechtes Gewissen hat? Eher nicht, sind die Münchener noch immer ein gesundes Unternehmen. Im Gegensatz zum Hamburger SV. Woher der untergehende Traditionsverein das Geld für Rückkehrer Rafael van der Vaart hat, will man gar nicht wissen.

Scheichs und Oligarchen fernhalten

Ich verstehe nicht, dass das von der UEFA initiierte und “als Heilsbringer gefeierte Financial Fairplay”:http://theeuropean.de/hans-joachim-watzke/12064-bewusstseinswechsel-durch-financial-fairplay erst mit der Saison 2014/2015 in Kraft treten soll. Warum nicht jetzt schon? Das Financial Fairplay soll sicherstellen, dass die Vereine am Ende eines Jahres eine ausgeglichene Bilanz vorweisen. Weil diese Idee so brutal mit dem Status quo kollidiert, glauben die Wenigsten, dass das Financial Fairplay funktioniert. Doch immerhin ist es ein Ansatz. Und ich glaube UEFA-Präsident Michel Platini, wenn er sagt, dass ihm dieses Projekt am Herzen liegt. Für Investoren wird Fußball dann langweilig, wenn sie nicht wahllos mit Scheinen wedeln können. Das soll Financial Fairplay bewirken: Scheichs und Oligarchen fernhalten. Doch warum erst in zwei Jahren? Ein Blick auf den Transfermarkt 2012 zeigt, dass man auf neue Regeln nicht weiter warten kann.

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