Wem gehört der Fußball?

Lukas Hermsmeier26.08.2012Gesellschaft & Kultur

Die Bundesliga geht in ihre 50. Saison und selten standen die Fans so sehr im Fokus wie in diesem Jahr. Seit längerer Zeit wird eine Frage diskutiert, ohne dass sie ausgesprochen wird.

Es ist an der Zeit, gewisse Fußball-Mythen aus der Welt zu kicken. Und den Anfang machen wir mit Otto Rehhagel. Sein „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ gilt schon lange nicht mehr. Oder galt das noch nie? Denn ein Teil der Wahrheit, ein sehr großer sogar, liegt neben dem Platz. Genauer gesagt: hinter den Toren, wo sich die Fankurven ausbreiten. Wo die billigen Plätze liegen, die denen, die sie besetzen, so wertvoll sind: die treuesten Anhänger, die Ultras. In Deutschland wird seit längerer Zeit eine Frage diskutiert, ohne dass sie ausgesprochen wird: Wem gehört der Fußball? Und die Diskussion, zwischen Fans, Funktionären, Sponsoren, Spielern, Vereinen und Gremien, die eben zu oft keine wirkliche Diskussion ist, lässt sich gut an drei Punkten erklären.

Den eisenharten Fans fehlt die Toleranz

Da wären die wild beschrienen Pyrotechnik-Vorfälle aus der vergangenen Saison. Jeder erinnert sich an das Spiel Düsseldorf gegen Hertha. Für viele Fans in der Kurve sind bengalische Feuer „ein Teil der oft zitierten südländischen Atmosphäre“ – so beschreibt es die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren“. Doch einer Umfrage zufolge sind 85 Prozent der Fußball-Fans für ein Verbot. Das Problem ist: Der Rest, die 15 Prozent, sind wichtiger für den Sport, als von vielen gewünscht. Sie organisieren Choreografien, sie denken sich Gesänge aus, sie reisen zu allen Auswärtsspielen, sie heizen die Stimmung ein. Und zu ihnen laufen die Spieler nach Abpfiff, um sich zu bedanken. Doch so wichtig diese eisenharten Fans auch sind, ihnen fehlt Toleranz. Sie maßen sich zu viel an. Sie wollen nicht einsehen, dass im Stadion auch Menschen sitzen, die Angst vor Feuerwerk haben. Leute, die auf der Haupt- oder Familientribüne sitzen, sind lästig, so die Denke. Entweder 100 Prozent oder gar nicht. Doch wem gehört der Fußball? Nur den Stimmungsmachern oder der gesamten Gesellschaft? Da wäre der Streit um das Wappen. Die Fans des VfB Stuttgart und von Hertha BSC, seit Jahren verfeindet und doch in einer Sache vereint: dem Wunsch nach dem alten Vereinslogo. Beide Fanlager kämpfen seit Jahren dafür, dass die Trikots ihrer Mannschaft wieder mit dem alten Emblem bedruckt werden, das vor Jahren einem moderneren weichen musste. Und der Kampf gilt jeweils gegen den eigenen Klub. Es ist ein verzweifelter Wunsch nach Tradition und Mitsprache. In Zeiten, in denen es Vereins-Kondome und mehr Logen als Stehplätze gibt, in denen jedes Fußballspiel auf Sky live zu verfolgen ist, also Fußball für wirklich jedermann zugänglich ist, suchen die Ultras, die gleichermaßen wichtig sind und sich wichtig nehmen, nach einer Daseinsberechtigung. Alte Wappen, Farben, Gründungsjahre sind in ihren Augen das Unerschütterbare. Und wenn diese Symbole von Vereinsseite ausgetauscht und verändert werden wie die Figuren an der Taktiktafel, ob aus Marketingzwecken oder finanziellen Gründen, wird der persönliche Stolz verletzt. Doch wem gehört der Fußball? Den Stimmungsmachern oder den Vereinen?

Neues Feindbild Red Bull Leipzig

Und da wäre das Projekt Red Bull Leipzig. Ein Klub, gegründet im Mai 2009. Für viele Fans anderer Vereine lächerlich. Und insgeheim gefährlich. Ein Klub, der nicht Geld durch Erfolge einnahm, sondern Geld für Erfolge bekommt. Ein Klub, der wie kein anderer für die Kommerzialisierung des Sports steht. Für die neue Saison konnte man den erfahrenen und renommierten Trainer Ralf Rangnick einkaufen. In fünf Jahren will der Viertligist in der Bundesliga mitmischen, so hat es sich der Investor in den Kopf gesetzt. Und sollte es dazu kommen, haben die Dortmunder und Gladbacher und Frankfurter und der ganze Stammtisch ein neues Feindbild. Wird ja auch Zeit, der Aufstieg von Retortenklub Hoffenheim liegt ja auch schon etwas zurück. Doch wenn Fans gegen Investoren und Groß-Sponsoren schimpfen, vergessen sie oft, dass die es sind, die ihre Stars bezahlen. Fußball: ein Geschäft – nichts Neues. Wie sollte ein normaler Bundesligaklub überleben, ohne dass Stadion, Trikots usw. gesponsert werden? Wem gehört also der Fußball? Den Stimmungsmachern oder denen, die alles bezahlen?

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