Bedingt abwehrbereit

von Lukas Hermsmeier4.06.2012Gesellschaft & Kultur

Kein Wunder, dass die deutsche Defensive nicht funktioniert. Denn Jogi Löw interessiert sich vor allem für seinen Sturm. Und das ist unsere Chance.

Ist der Fußballprofi von heute dümmer als der von gestern? Ich glaube, nein. Er ist nur unmündiger. Zu stark der Einfluss der Spielerberater, die das Verhalten ihrer Geldgeber in den Medien so pedantisch kontrollieren, dass am Ende beschränkte, nachplappernde Männer gezüchtet werden, die dann eben dumm wirken. „Wir denken von Spiel zu Spiel, ich warte auf meine Chance und will sie nutzen, das nächste Spiel wird schwer genug“ – 0815 – ich kann es nicht mehr hören. Umso überraschender, wenn man von jungen Sportlern offene, ehrliche, kritische Sätze hört. So geschehen im Februar, als Mats Hummels, Verteidiger von Borussia Dortmund, im Berliner „Tagesspiegel“ über die Unterschiede zwischen der Spielweise in der Nationalmannschaft und bei seinem Verein sprach. „Für einen Verteidiger ist es immer einfacher, wenn alle elf mit nach hinten arbeiten. Das kann man sich ja denken. Sonst sieht es so aus wie gegen die Ukraine, als wir in der Defensive oft zu dritt gegen drei Stürmer gestanden haben. Wenn dann schnelle Angriffe auf dich zukommen, wird es schwierig“, sagte der 23-Jährige, der aktuell nur 14 Einsätze für Deutschland vorzuweisen hat. Chapeau!

Versteckte Kritik an Löw

Man braucht nicht lang, um zu erkennen, dass das ein Lob für BVB-Trainer Jürgen Klopp und zugleich eine Kritik an Nati-Trainer Joachim Löw war. Und hier wären wir bei der Europameisterschaft, die in vier Tagen beginnt und so große Sehnsüchte in sich trägt. Um die Offensive, da sind sich fast alle Experten einig, muss man sich keine Sorgen machen. Özil, Müller, Gomez, Klose, Podolski, Götze, hmmmm. Aber die Abwehr, die Abwehr! Alle so unsicher. Wird sie uns den Titel kosten? Das aktuelle Krankheitsbild: Per Mertesacker spielt nicht mehr so wie 2006 und war lange verletzt. Jerome Boateng schludert zu oft, wirkt „schlumpfig“, wie es ARD-Experte Mehmet Scholl so kreativ ausdrückte. Holger Badstuber braucht mehr Erfahrung und etwas Wasser ins Gesicht. Und eben jener Mats Hummels wirkt im Verein viel selbstbewusster. Unser Problem ist also die Besetzung. Oder ist es die Einstellung? Das mutige Löw-System, das Mats Hummels so indirekt-direkt kritisierte.

Die Abwehr ist zweitrangig

Jogi Löw liebt das offensive Spiel. Die Abwehr: nicht unwichtig, na klar – aber eben nur zweitrangig. Was hat uns genau diese Einstellung für Feste beschert: gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) bei der WM 2010 oder zuletzt gegen Holland (3:0) und Brasilien (3:2). Bei der Europameisterschaft 1996 in England, übrigens das letzte Turnier, das Deutschland gewann, wurde das Spiel von Typen wie Matthias Sammer, Dieter Eilts und Stefan Kuntz geprägt: willensstark, eisenhart, diszipliniert. Es war ein anderer Sport. „Wir dürfen trotz unseres gelobten Offensivspiels unsere Defensive nicht vergessen“, mahnte zuletzt auch Mittelfeld-Stammspieler Sami Khedira. Klare Ansage Richtung Jogi. Wenn man sich also Sorgen um die Abwehr macht, darf man nicht vergessen, dass das ein Entweder-Oder-Ding ist. Wer 90 Minuten durch die Windschutzscheibe nach vorne schaut, kriegt von den Unfällen im Rückspiegel nichts mit. Unsere Chance liegt im Sturm, weil Löw alles auf eine Karte setzt. Die Sorgen um die Defensive sind zugleich Vorfreuden auf die Offensive.

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