Die Uhr tickt

von Lukas Hermsmeier20.05.2012Gesellschaft & Kultur

Bayern München hat den FC Chelsea geradezu irritierend dominiert – am Ende verloren Lahm, Schweinsteiger und Co. dennoch. Für die Spieler wird es nur noch wenige Chancen geben, ihre Karriere zu vergolden.

Respekt vor dieser Leistung. Kein Journalist, kein Sportler, kein Fan kann den Bayern Willensstärke absprechen. Fast schon irritierend dominant spielten die Mannen von Jupp Heynckes im Champions-League-Finale das blau-weiße Taktik-Monster Chelsea an die Wand. Ausgerechnet die Defensive funktionierte so stark. Doch am Ende fehlt Cleverness und Glück. Und am Ende geht es nicht um das Wie, sondern um das Was. Den wichtigsten Vereinswettbewerb der Welt gewinnen die Londoner. Verdient, weil destruktives Spiel kein unfaires Mittel ist. Weltklasse-Spieler wie Manuel Neuer, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Mario Gomez weinen. Bleibt das der ewige Makel einer verdammt starken Generation?

Verpasste Großchancen häufen sich

Uli Hoeneß ist nicht der Typ Mensch, der per se Mitleid hervorruft, so arrogant er sich gerne gibt. Doch wie der Präsident des Rekordmeisters gestern nach dem Aus auf der Tribüne stand, den rot-weiß gestreiften Schal schlaff um den Hals, so unendlich enttäuscht, wohl zu enttäuscht, um weinen zu können, da tat er einem doch leid. Es war sein Finale. Finale dahoam. Der Tag, von dem er die letzten 1000 Nächte träumte. Was bleibt: Schock dahoam, koan Titel. Und dennoch: Hoeneß’ Karriere, schwarz auf weiß, wird nie ein Mensch betrachten und nach etwas suchen. Hoeneß gewann als Spieler dreimal den Europapokal der Landesmeister, wurde Welt- und Europameister. Er hielt die wertvollsten Pokale, die es gibt, in der Hand. Genau das fehlt den jetzigen Stützen der Bayern-Elf. Und die verpassten Großchancen häufen sich. Neuer, Lahm, Schweinsteiger und Gomez, allesamt im besten Fußballeralter, zwischen 26 und 28 Jahre alt, gehören auf ihren Positionen zur Weltspitze. Sie verfügen über eine verhältnismäßig riesige Erfahrung von zum Teil über 400 Pflichtspielen (Lahm). Diese vier brachten die Münchner in diesem Jahr ins Pokalendspiel und ins Champions-League-Finale, führten sie in der Bundesliga an. Überall wurden sie Zweiter. Wie immer, wenn es bislang um einen großen Titel ging. Lahm, Gomez und Schweinsteiger scheiterten bereits 2010 gegen Inter Mailand, alle vier unterlagen mit der Nationalelf 2008 und 2010 den Spaniern. Wie oft werden diese Profis noch die Chance haben, Europa- und Weltmeister zu werden oder die Königsklasse zu gewinnen? In 50 Jahren wird sich niemand an Spieler erinnern, die zwar regelmäßig Deutscher Meister wurden, auf internationaler Bühne jedoch immer nur Zweitbester waren. Auch bei der EM werden diese vier das deutsche Spiel prägen. Hoffentlich wird die enttäuschende Bayern-Spielzeit nicht zum Bremsklotz für die Nationalmannschaft. Die Niederlage von gestern könnte diesen Spielern alle Brustmuskeln genommen haben. Warum sind die verdammten vier unfähig, den letzten Schritt zu gehen? Gestern zählten Neuer und Lahm zu den Besten. Fehlt einfach nur Glück? Kommt das Glück noch? Eine Niederlage, womöglich eine knappe, bei der EM in Polen und der Ukraine und alle Bayern-Teilnehmer fühlen sich so wie die Leverkusener 2002, als sie in Champions League, Meisterschaft, Pokal und WM nur Zweiter wurden. Vizekusen war geboren.

Vom Heldentum weit entfernt

Es ist Neuer, Lahm, Schweinsteiger und Gomez zu wünschen, dass sie in den kommenden Jahren noch mal die Chancen bekommen, ihre Karriere zu vergolden – und die dann auch nutzen. Auch weil sie alle ausgesprochene Mannschaftsspieler sind, nicht so wie der Holländer Arjen Robben, den Kommentator Marcel Reif gestern fälschlicherweise als tragischen Helden bezeichnete. Vom Heldentum ist er weit entfernt. Bei Robben hat man stets das Gefühl, dass ihm seine Tore wichtiger sind als der Erfolg des Teams. Für die Bayern gilt trotz der großen Leistung: Im Sommer müssen Leute geholt werden, die nicht nur gegen Real um 20.45 Uhr funktionieren, sondern auch gegen Mainz um 15.30 Uhr.

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