Satansbraten mit Salami-Röte

Lukas Hermsmeier8.04.2012Gesellschaft & Kultur

Uli Hoeneß ist dominanter Bestimmer, Besserwisser und Wurstproduzent – trotzdem hört Deutschland ihm zu.

Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber, Karl-Theodor zu Guttenberg, Uli Hoeneß. Ach, wie klingt das sinnig. Vier stolze Männer, wichtige Männer, Männer der CSU. Doch einer von ihnen, der Letztgenannte, beharrt darauf, Fußball-Funktionär zu bleiben. Dabei würde Uli Hoeneß einen guten Politiker abgeben, mindestens. Der „Audi Star Talk“ ist eine Sendung, die einmal im Monat auf dem Sportsender Sport1 gezeigt wird. Das Besondere: Hier soll sich nicht alles um Fußball drehen, die Gäste mögen bitte über Privates, Gesellschaftliches und Politisches sprechen. Uli Hoeneß war bei der ersten Sendung im Juli 2009 zu Gast und bei der bislang letzten vor ein paar Tagen. Die Aufzeichnungen dazwischen hätte man sich sparen können, so einschläfernd waren sie im Vergleich zu den Hoeneß-Auftritten. Wenn der Präsident des FC Bayern München spricht, hört Deutschland zu. Und hier wären wir wieder beim (Wunsch-)Bild des geborenen Politikers. Von seiner Reichweite träumen Lindner, Nahles, Künast und wie sie alle heißen. Doch Hoeneß erdrückt diese famose Idee, seit es sie gibt: „Ich habe nie Ambitionen gehabt. Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, was ich nicht kann“, sagte der 60-Jährige zuletzt. Weiß er wirklich, was er kann? Vier Gründe, warum die Bayern-Legende ein perfekter Politiker wäre.

Uli Hoeneß überschätzt sich

Ob über die Finanzkrise („Der Ursprung liegt hier in den USA“), die Piraten („Das ist doch keine Politik“), George W. Bush („Ihn hätte man schon viel früher zum Teufel jagen müssen“) oder über den Veganer an sich („Die sind meistens schlecht gelaunt“) – Hoeneß sagt äußerst gerne, zu jedem Thema dieser Welt, was er denkt. Und er denkt viel. Keine Frage: Ein vielgereister, gut verdienender und sehr erfahrener Mann wie Hoeneß wird auch oft gefragt. Aber wie ein Großteil der Volksvertreter überschätzt der ehemalige Außenstürmer nicht nur sich, sondern eben auch den Anspruch und das Verlangen nach Allwissen. Hoeneß meint, für alles eine Antwort haben zu müssen – was falsch ist. Könnte er sich ruhig bei den Piraten abgucken, diese „Äh, nee, da hab ich jetzt mal keine Ahnung“-Attitüde.

Uli Hoeneß unterschätzt den kleinen Mann.

Im Hoeneß’schen System ist der kleine Mann einer, der nicht viel verdient, genau das aber verdient hätte. Hoeneß, der im Vorstand der Deutschland-Stiftung für Integration sitzt, hat Mitleid mit dem kleinen Mann, setzt sich für ihn ein, hält ihn aber nicht für sonderlich pfiffig. Wie erklärt sich sonst ein Satz, den der 35-malige Nationalspieler in einer ARD-Dokumentation losgelassen hat. „Das ist das Geheimnis, dass ich es in 30 Jahren als eine solche öffentliche Person geschafft habe, dass die Leute mich gar nicht kennen“, sagte er dort. Ein Satz, der schlechtes Gewissen verrät. Jeder halbwegs normal tickende Mensch weiß doch, dass Hoeneß nicht nur der knallharte Manager ist, sondern auch ein fürsorglicher Familienvater. Dass er sich um seine zwei Kinder und seine Frau und Spieler wie Franck Ribery kümmert. Deutschland weiß das, Deutschland kennt ihn, keine Sorge. „Ich habe plötzlich gemerkt, dass meine Person relativ populär ist“, hat Hoeneß im „Audi Star Talk“ erzählt und so sein soziales Engagement begründet. Will der uns veräppeln? Dieser vor Selbstvertrauen strotzende Supermann hat erst kürzlich gemerkt, dass seine Person populär ist? So blöd ist nicht mal der kleine Mann.

Uli Hoeneß ist gern Bestimmer

Im Alter von 27 Jahren wurde Hoeneß Manager des Rekordmeisters und damit zum jüngsten Manager der Geschichte, was zugegeben mehr seinem irreparablen Knorpelschaden geschuldet war. Doch seitdem wird in München das Hoeneß Unser gebetet. Kein Verein wird so von einer einzigen Person dominiert. Muss man mal bei Louis van Gaal und Jürgen Klinsmann nachfragen. Und daran hat sich auch 2009 nichts geändert, als Hoeneß seinen Manager-Posten abgab und sich zum Präsidenten wählte.

Uli Hoeneß wird gehasst, will aber doch eigentlich Gutes

Hoeneß ist für Fans von Schalke, Bremen und Stuttgart das, was Angela Merkel für Umweltschützer, Gewerkschaftler und Linke ist: die Inkarnation des Bösen. Und wer kann ähnlich fesselnde Feindschaften wie die mit Christoph Daum und Willi Lemke vorweisen? Dabei ist Hoeneß insgeheim ein Robin Hood – des FC Bayern. Eine Eigenschaft kann man dem Zwei-Semester-Lehramts-Studenten nicht absprechen: Leidenschaft. Diese Salami-Röte, die sich regelmäßig auf der Tribüne auf das Gesicht des Wurstfabrikanten legt, die ist echt, die kann man nicht spielen. Es gibt eine Tatsache, die Hoeneß wahlweise zu einem Über-Politiker oder eben zu einem Nicht-Politiker macht. Hoeneß ist unter dem Strich cool.

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