Daten erzählen Geschichten. Jure Leskovec

Vom Elfmeter- zum Nullpunkt

Glückwunsch Dortmund. Nach dem 1:0-Sieg steht der Deutsche Meister fest. Glückwunsch auch an die Bayern, denn diese Niederlage ist ihre große Chance.

Lang waren die Erwartungen vor einem Bundesligaspiel nicht mehr so groß wie vor dem gestrigen. Wurden sie erfüllt? Ich würde sagen, zu 90 Prozent. Spannend war es, mit einigen spektakulären Momenten (Elfer, Aluminium) und herausragenden Einzelaktionen (Neuer, Weidenfeller, Lewandowski). Aber keine 90 Minuten Power-Unterhaltung. Etwas viele, wenn auch kurze, Durchhänger-Phasen.

Die überfällige Zäsur für den FC Bayern

Die Dortmunder tangiert das nach dem 1:0-Erfolg herzlich wenig. Sechs Punkte Vorsprung bei noch zu vergebenen zwölf werden reichen. Die Borussia wird also zum zweiten Mal in Folge Deutscher Meister – und zwar jeweils mehr als verdient. Eine atemberaubende Bestätigung der Leistung der Vorsaison und eine Bestätigung dafür, dass der BVB ein Spitzenteam auf Dauer ist.

Für die Bayern bedeutet diese Niederlage eine längst überfällige Zäsur.

Zwei Jahre ohne Meistertitel, das gab es für den Rekordmeister aus München 16 Jahre nicht. Auch damals (1995 und 1996) waren es die Schwarz-Gelben, die den Bayern das Leben schwer machten. Anschließend gab es zwar bayerische Krisenjahre, die von Überraschungsteams wie Kaiserslautern, Stuttgart oder Wolfsburg genutzt wurden. Doch den Status der Alleinherrschaft wollte niemand anzweifeln, erst recht nicht die Münchener selbst. Und so klammerten sich die Akteure des FCB (unter anderem Sportdirektor Nerlinger und Mittelfeldmann Kroos) auch vor dem gestrigen Spitzenspiel an ihre scheinbar von Natur aus gegebene Dominanz. Seit spätestens gestern 21:55 Uhr ist dieses Naturgesetz widerlegt.

Wenn die Saison vorbei ist, werden sie sich in München genau mit dieser Zeitenwende beschäftigen müssen. Und erkennen: Es reicht nicht, die teuersten Profis zu besitzen. Es reicht nicht, die Erfolge der Vergangenheit und das spielerische Potenzial gebetsmühlenartig zu wiederholen. Es reicht nicht, einen Trainer zu haben, der aus seinen Spielern das Nötige herausholt, aber nicht das Mögliche. Dortmunds Trainer Jürgen Klopp sagte gestern nach Schlusspfiff etwas Schönes: „Ich glaube, wir sind hier alle ein bisschen in den Verein verliebt.“ So romantisch, so wahr. Typen wie Weidenfeller, Hummels, Großkreutz und Kehl freuen sich über BVB-Tore so wie die Jungs auf der Südtribüne. Und genau das fehlt den Bayern derzeit, die Leidenschaft. Robben und Ribery: ohne Frage, tolle Spieler. Doch spielen sie für den Verein oder vor allem für sich selbst?

Bayern ist nicht mehr automatisch Deutschlands Nummer eins

Hoeneß, Rummenigge und Nerlinger sind schlau genug, um ihren Stolz und ihr Selbstbewusstsein einmal abzulegen und die Macht-Verschiebung der vergangenen zwei Jahre kritisch zu hinterfragen. Der FC Bayern ist nicht mehr automatisch Deutschlands bester Verein. Nur wenn er das erkennt, kann er es wieder werden.

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