Der Ungeliebte

von Lukas Hermsmeier25.03.2012Gesellschaft & Kultur

Was ein einziger Stolperer anrichten kann: Seit der EM 2008 schießt Mario Gomez Tore für das Vergessen. Die Kritik steht in keinem Verhältnis.

Zwei Wochen ist es her, da gab es wieder einen dieser Mario-Gomez-Momente. Bayern hatte Hoffenheim 7:1 weggefegt, der Nationalstürmer drei Tore beigesteuert. Dann, nach dem Schlusspfiff: Ob dieser Erfolg für ihn nach drei torlosen Spielen besonders wichtig sei, wurde Gomez in der Mixed-Zone von einem Fernsehreporter gefragt. „Dass in der Öffentlichkeit die Minuten gezählt werden, in denen ich nicht mehr getroffen habe, liegt ja auch daran, dass ich die Messlatte in den letzten Jahren sehr hoch gelegt habe“, antworte er. Das saß! Und was im ersten Moment arrogant und verbissen klang, hatte verdammt viel Sinn. Kein anderer herausragender Spieler in Deutschland muss sich so oft rechtfertigen wie der 26-Jährige. Immer wieder kommt es zu diesen Selbstverteidigungsszenen wie nach dem Hoffenheim-Spiel, den Mario-Gomez-Momenten. Und zwar seit drei Jahren und neun Monaten.

„Das ist ein Pflichttor“

Juni 2008. Deutschland ist bei der EM noch auf Formsuche. Am letzten Gruppenspieltag ist ein Sieg gegen Gastgeber Österreich Pflicht, dementsprechend die Nerven angespannt. 5. Minute: Miroslav Klose setzt sich rechts im Strafraum durch, passt nach innen, wo Sturmkollege Gomez drei Meter vor dem leeren Tor steht. Der Ball hoppelt, Gomez tritt ihn mit dem Schienbein statt ins Tor in die Luft. Anstatt energisch nachzusetzen, schaut er zu, wie der Verteidiger die Kugel von der Linie köpft. „Das ist ein Pflichttor“, schreit der entsetzte Bela Rethy. Seit diesem Tag ist jedes Tor, das der Halbspanier schießt, ein Tor für das Vergessen. Wie oft muss Gomez noch treffen, damit Deutschland ihn ganzen Herzens lieb hat? Gestern traf Gomez gegen Hannover zum 23. Mal in dieser Spielzeit, er führt die Torschützenliste an. Doch selbst Bayern-Fans nörgeln immer wieder über seine Chancenverwertung, über fehlende Technik. Als Verstolperer verunglimpfen sie ihn und vergessen die herausragende Bilanz. In 329 Pflichtspieleinsätzen hat das 1,89-Meter-Paket 193 Tore erzielt. Doch wie in Dauerschleife ist zu hören: Wer Robben, Ribery und Schweinsteiger im Rücken hat, der trifft automatisch. So wie Ivica Olic, Lukas Podolski und Jan Schlaudraff das getan haben? Und wie erklären sich überhaupt 63 Tore in 123 Einsätzen für den VfB Stuttgart? Da war der Fußballer des Jahres 2007 auf Vorlagen von so Halb-Göttern wie Thomas Hitzlsperger und Roberto Hilbert angewiesen.

Machen, nicht tricksen

Der Torschützenkönig von 2011 ist kein begnadeter Trickser, der durch Abwehr-Reihen tanzt. Muss er auch nicht. Wobei andere Mittelstürmer technisch wesentlich limitierter sind. Warum also wird Mario Gomez so kritisch beäugt? Erstens: Fußball-Fans haben offenbar ein gutes Gedächtnis, die Österreich-Chance verfolgt ihn wie ein Gespenst. Zweitens: Fußball-Fans stehen heutzutage mehr auf Dribbelkönige wie Özil und Götze, als auf Tor-Pragmatiker. Oder ist es Gomez’ selbstbewusste Art? Die Frisur? Egal warum – es ist Zeit, Mario Gomez Respekt zu zollen. Für das überaus erfolgreiche Erledigen seiner großen Aufgabe: Tore schießen.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu