Endstation Kiew

Lukas Hermsmeier4.03.2012Gesellschaft & Kultur

Das deutsche Team kann dieses Jahr den Titel holen – Löw sollte jedoch die Bühne verlassen, wenn’s am schönsten ist.

Drei Monate sind es noch. Die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine wird das erste Turnier seit Jahrzehnten sein, das die deutsche Nationalelf als Favorit betritt. Daran ändert auch die 1:2-Niederlage gegen Frankreich vom Mittwoch nichts. Im Gegenteil: Ein kleiner Warnschuss, Konzentration bitte, Brust raus. Denn wir haben ja Bundestrainer Joachim Löw. Der 52-Jährige ist das Beste, was dem deutschen Fußball passieren konnte. Doch nach der EM sollte Löw gehen.

Ein Favorit muss gewinnen

Seine Bilanz ist überragend, 2,22 Punkte holt Löw im Schnitt, 52 Siege in 76 Spielen. Als Assistent von Jürgen Klinsmann (und eigentliches Gehirn) brachte er von 2004 bis 2006 Schönheit und Leidenschaft zurück ins deutsche Spiel. Und sowohl 2008 als auch 2010 gab es nur eine Truppe, die besser war als Löws Mannschaft: die verdammten Spanier. Deshalb scheint es absolut konsequent und richtig, dass der DFB den Vertrag mit Löw und dessen Team (Bierhoff, Flick, Köpke) vor rund einem Jahr bis 2014 verlängert hat. Vielleicht wurde dabei unterschätzt, wie stark diese Mannschaft mittlerweile ist. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie die Europameisterschaft ausgeht: Entweder Deutschland kriegt noch schnell das Abwehr-Problemchen in den Griff und holt den Titel. Oder Deutschland wird nicht Europameister. Und das wäre, so undifferenziert das jetzt auch klingen mag, in jedem Fall eine Enttäuschung. Egal ob Vorrunden-Aus oder Final-Schlappe, Deutschland ist – wie schon erwähnt – Favorit. Und ein Favorit muss gewinnen. Was bedeutet das für Löw? Sollte der Badener am 1. Juli den Henri-Delaunay-Pokal in Kiew in den Händen halten, hätte er sein Meisterstück abgelegt. Es wäre nach einer langen Phase des Kurz-vor-Schluss-Scheiterns für Deutschland und für Jogi der gerechte und folgerichtige Erfolg. Löw würde sich keinen Gefallen tun, wenn er versuchen würde, das zu toppen. Nein, Löw sollte versuchen zu gehen, wenn’s am schönsten ist – und das wäre genau dann. Das hätte er sich verdient.

90 oder 100 Prozent Erfolg

Sollte Deutschland jedoch nicht Europameister werden, müsste man festhalten: Dieser Trainer, so kompetent, clever und sympathisch er auch ist, schafft es nicht, aus einem Kader voller Granaten eine Sieger-Mannschaft zu formen. Dann wäre es Zeit, einem neuen Trainer (Klopp? Favre? Hiddink?) eine Chance zu geben. Ich kann nichts weniger leiden als schnelle und von Aktionismus angetriebene Trainerwechsel. Aber genauso denke ich, dass es bei jedem Trainer dieser Welt den Moment des Abnutzens gibt. Der SV Werder Bremen hätte schon vor zwei Jahren erkennen müssen, dass es mit Thomas Schaaf, seit 13 Jahren an der Seitenlinie, nicht mehr vorangeht. Bundestrainer Löw hat für das Geschäft unüblich viel Zeit bekommen. Seit acht Jahren bastelt er an der Nationalelf. In diesem Sommer wird sich zeigen, ob seine Arbeit zu 90 oder zu 100 Prozent erfolgreich war. Beides gut – wenn er den Abgang schafft.

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