Gesetze des Dschungels

von Lukas Hermsmeier22.01.2012Gesellschaft & Kultur

Deutsche Vereine verzichten auf Spieler aus Südamerika – und gealterte brasilianische Stars wandern ins Dschungelcamp. Die Geschichte eines Abstiegs.

Ein verschuldetes Moppelchen, das im Dschungelcamp größtmöglichem Hohn ausgesetzt ist. Ein psychisch labiler Ex-Häftling, der gegen seinen Verein plärrt. Und ein pubertärer Möchtegern-Bud-Spencer, dem Vergewaltigung vorgeworfen wird. Nur Zufall, dass drei Brasilianer, die einmal mit Fußball zu tun hatten, in dieser Woche zum Fremdschämen gezwungen haben?

Bequemer und wärmer in der Heimat

Anfang Dezember sorgte Karl-Heinz Rummenigge mit einem Satz für Aufsehen: Man wolle in Zukunft keine jungen Spieler mehr aus Südamerika holen, so der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern. Ansage! Dabei war das doch in den vergangenen 20 Jahren eine gelungene Synthese: Bayern und die Spieler vom Zuckerhut. Spieler wie Giovane Elber, Lucio und Zé Roberto bestimmten lange Zeit das Spiel des Rekordmeisters. Auch aktuell stehen noch drei Brasilianer in München unter Vertrag. Das soll bald vorbei sein? Sicher? Nur logisch. Die Bayern stehen nicht alleine da. Sowohl Fredi Bobic, der junge Manager des VfB Stuttgart, als auch sein erfahrener Kollege aus Bremen, Klaus Allofs, kündigten einen Systemwechsel im Scouting an. Lieber Spieler aus Osteuropa oder Asien, am liebsten natürlich Spieler aus der eigenen Jugend, lautet die Devise. 20 Samba-Kicker sind derzeit in der Bundesliga angestellt. Vor gut drei Jahren waren es noch 36. Eine Ära im deutschen Fußball findet langsam sein feucht-fröhlich-trauriges Ende. Gründe dafür gibt es einige: Brasilianische Talente kriegt man nicht mehr für wenige Hunderttausend Euro, sie kosten heute mehrere Millionen. Denn in dem Land, das die Weltmeisterschaft in zwei Jahren austrägt, haben sich die finanziellen Möglichkeiten ausgedehnt. Als Fußballer muss man längst nicht mehr nach Europa wandern, um Geld zu verdienen. Bequemer und wärmer geht es in der Heimat. Außerdem sind brasilianische Spieler für ein gefährliches Geflecht aus mehreren Spielerberatern anfällig. Wer wem zu wie viel Prozent gehört? Oft nicht einfach zu beantworten. Und, dritter Punkt, vielleicht der bedeutendste: Scouts, diese Spiele-Gucker und Spieler-Bewerter, die einen Job haben, von dem jeder Fan träumt, haben ihr Profiling frisiert. Talent, wichtig, klar. Charakter, wichtiger als je zuvor. Die Mentalität der Brasilianer passt den deutschen Managern des 21. Jahrhunderts nicht in den Kram. Sie stehen auf pünktliche, fleißige, artige Profis. Ohne Skandale. Spieler, die nach ihrer Karriere als Jugendtrainer im Verein arbeiten wollen, die zum Wohle des Klubs handeln. So wie Sven Bender oder Serdar Tasci oder Mats Hummels. Zurück zum Intro. Wer sich für Fußball interessiert und derzeit nachts RTL schaut, dem ist zum Weinen und Lachen gleichzeitig zu Mute. Ailton, der 38-jährige Ex-Stürmer, der 2004 mit 28 Treffern Torschützenkönig wurde, krabbelt da halbnackt im Dschungel herum, umrahmt von Erotik-Models und Witz-Schauspielern. Höchst unglücklich auch die Geschichte von Breno, dem Verteidiger des FC Bayern, der vor fast vier Jahren als 18-Jähriger aus Brasilien kam, für 12 Millionen Euro, als Abwehr-Talent gepriesen. In den vergangenen Monaten hat Breno nur skurrile Nachrichten produziert: Haus abgefackelt, Untersuchungshaft, jetzt auf Twitter gegen seinen Verein schimpfend und sich trotz Krankschreibung tätowieren lassen.

Drei Fußballer, drei Tragödien

Am erschütterndsten liest sich die Karriere nach der Karriere von Marcelinho. Er spielte von 2001 bis 2006 bei Hertha BSC, war vielleicht der größte Star, den der Hauptstadtclub je hatte. Schon in Berlin sorgte Marcelinho für Kopfschütteln, so finanzierte er das Leben seiner Tanten, Onkels, Cousins und schließlich der eigenen Familie, lebte mit ihnen auf einer Etage in einem Charlottenburger Wohnhaus. Auch ein paar Prügelattacken erlaubte sich der Mann mit den bunt gefärbten Haaren. Vor wenigen Wochen soll der 36-jährige Mittelfeldspieler in seiner Heimat eine Frau vergewaltigt haben. Er wird sich wohl vor Gericht verantworten müssen, ihm droht eine mehrjährige Haftstrafe. Drei Fußballer, drei Tragödien. Wer Spieler wie Ailton und Marcelinho während ihrer Profi-Zeit beobachtet hat, musste nur ahnen, dass sie so enden. Früher waren die Brasilianer in der Bundesliga nicht nur der Inbegriff des leichten, schönen Spiels, sie waren in ihren Mannschaften oft unersetzbar. Von der Sorte gibt’s nicht mehr viele. Heute tauchen sie vermehrt in den Klatsch-Nachrichten auf.

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