In den Finanzpalästen gibt es mehr Nieten als in den Losen der Jahrmarktbuden. Franz Müntefering

Frühchen

Dass Profivereine auf ihrer Jagd nach Talenten nicht mal die abgeschlossene Grundschulreife der Jung-Fußballer abwarten können, ist bekannt. Trotzdem sorgte dieser Fakt in der zurückliegenden Woche für reichlich Empörung. Wie sinnvoll ist der Transfer eines Kindes?

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Nico Franke ist 13 Jahre alt. Er sieht aus wie die meisten Jungs, die im Verein Fußball spielen. Schlaksig, auf dem Kopf ebenso viele Haare wie Gel, darunter ein Babyspeck-Gesicht. Er trägt modische Klamotten, ums Handgelenk eine schmucke Uhr. Nico könnte auch 16 sein, aber er ist 13. Scouts des Profi-Vereins TSG Hoffenheim haben den Berliner Bub beim Spielen beobachtet, für seinen Klub Tennis Borussia. Sie haben ihn für so talentiert befunden, dass sie ihm einen Platz im sogenannten Leistungszentrum angeboten haben. Mit Ausrüstung, Geld, Gastfamilie – allem, was dazu gehört. Nico wird in den kommenden Jahren zum Profi ausgebildet. Das ist der Plan. Und diesem Plan wird ab sofort alles untergeordnet sein.

Rund um die Uhr auf der Jagd

Der Fall dieses 13-Jährigen, über den jetzt die Zeitungen berichten, ist alles, aber keine Ausnahme. Profi-Vereine sind rund um die Uhr auf der Jagd nach den besten Talenten – und das seit Jahrzehnten. Ende 2011 verpflichtete der englische Traditions-Klub Manchester United sogar einen Fünfjährigen – natürlich ein Extrembeispiel. Auch der göttergleiche Lionel Messi verließ seine Heimat Argentinien im Alter von 13 Jahren, um beim FC Barcelona durchzustarten. Wie gesagt, alles seit Jahren bekannt. Doch manchmal benötigt es eben die detaillierte Erzählung eines Falls, um das Absurde einer Praxis zu erkennen.

Ist es moralisch verwerflich, einen 13-Jährigen zu verpflichten? Ihn aus seiner vertrauten Umgebung reißen. Ihm die Hoffnung von der großen Karriere mit dem vielen Geld machen. In den Fußball-Internaten können sich die Jugendlichen in optimaler Umgebung einzig und allein auf den Sport konzentrieren, lautet die Verteidigung. Ob es überhaupt förderlich ist, wenn sich ein Jugendlicher nach der Schule mit nichts anderem mehr beschäftigt als Sport, steht auf einem anderen Stern.

Es ist interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Funktionäre diese Thematik bewerten. Während die Manager Klaus Allofs (Bremen), Felix Magath (Wolfsburg) und natürlich auch Ernst Tanner (Hoffenheim) von „notwendiger Aggressivität“ und „herkömmlicher Praxis“ sprechen, schimpfen DFB-Sportdirektor Matthias Sammer und Hannover-96-Mann Jörg Schmadtke über eine „katastrophale Entwicklung“. Von Kinderhandel ist die Rede. Auch UEFA-Chef Michel Platini versucht, diesem Treiben seit Jahren einen Riegel vorzuschieben.

Karriere lässt sich nur begrenzt steuern

Welche Frage in der öffentlichen Diskussion bislang zu kurz kam: Ist es überhaupt sinnvoll, einen 13-Jährigen zu verpflichten? Ob aus dem Talent eines Pubertierenden später mal eine Karriere wird, ist nicht unwesentlich von Faktoren wie Glück, Umfeld, Charakter abhängig. Ab welchem Alter ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich das Talent gegen alle möglichen Widrigkeiten durchsetzt, als dass das Talent von eben jenen einkassiert wird?

Fünf Jahre ist es her, da wurde die deutsche Nationalmannschaft der Unter-17-Jährigen bei der Weltmeisterschaft Dritter. Eine Mannschaft voller Juwelen, die besten deutschen Fußballer des 1990er-Jahrgangs. Sie sind heute 21 oder 22 Jahre alt. Von den 21 Jugendlichen hat es nur einer zum Star geschafft: Toni Kroos, Mittelfeldspieler beim FC Bayern. Dann gibt es noch eine Handvoll, die regelmäßig in der Bundesliga zum Einsatz kommen. Vom Rest hört man nichts.

Ein weiteres Beispiel: 1992 wurde die deutsche U-16-Nationalmannschaft Europameister. Lediglich zwei der elf hochgepriesenen Jungs, die im Finale auf dem Platz standen, konnten sich in der Bundesliga etablieren: Kai Michalke und Lars Ricken. Ausgerechnet Ricken, der bis heute als Inbegriff des ewigen Talents gilt. Und es gibt noch die Geschichte von Sascha Nikolajewicz, der 1989 als 15-Jähriger vom VfB Stuttgart zum AC Turin wechselte. Als Supertalent galt Nikolajewicz. Der heute 38-Jährige machte nicht ein einziges Erstliga-Spiel.

Eine Karriere kann nur begrenzt gesteuert werden. Vor allem dann nicht, wenn die Karriere noch weit davon entfernt ist, eine zu sein. Warum ein Klub wie die TSG Hoffenheim nicht damit zufrieden ist, die Jugendlichen und Kinder aus der Region in seinem Leistungszentrum zu fördern, erklärt sich nicht. Warum ein Berliner Junge ans andere Ende der Republik gelockt wird, weil sein Talent minimal größer zu sein scheint als das der Konkurrenten, ebenso wenig.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lukas Hermsmeier: Mut im Bauch

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