Bundesligatrainer ist ein sehr viel sicherer Job als SPD-Vorsitzender. Christian Wulff

TSG 08/15

Vom Hass-Magneten zum Liga-Durchschnitt. Die TSG Hoffenheim hat sich im Alltag verloren. Mit Trainer Holger Stanislawski sollte der Neustart gelingen. Doch der Klub sucht verzweifelter denn je nach einer Identität.

Ach, wie war das schön, wird sich Dietmar Hopp denken. Als es noch die Fans der gegnerischen Vereine waren, die bei der TSG Hoffenheim für Trubel sorgten. Als Anhänger von Borussia Dortmund ein Plakat mit seinem Gesicht in einem Fadenkreuz hissten. Über drei Jahre ist das mittlerweile her. Der Retortenklub aus dem Kraichgau war gerade aufgestiegen, spielte einen atemberaubenden Tempo- und Trickfußball. Und ganz Fußball-Deutschland nahm es den Hoffenheimern und ihrem Mäzen Hopp übel, dass auf dem Weg dorthin eine Viertel Milliarde (!) Euro verballert wurden. Ach, wie war das schön, werden sie heute denken: die TSG gegen den Rest der Welt.

Wofür steht dieser Klub?

Denn heute schlägt sich der Verein vor allem mit sich und seinen Fans herum. Beim Pokalspiel gegen Augsburg in der vergangenen Woche verirrten sich nur lächerliche 10.375 Zuschauer in die Rhein-Neckar-Arena – Negativrekord. Beim Ligaspiel gegen Berlin am Wochenende (1:1) zuvor waren es nur 25.550 – die vor allem mit Pfiffen auf sich aufmerksam machten. „Ich habe kein Verständnis dafür. Da muss man 5:0 gewinnen, dann stehen sie erst auf und klatschen“, hatte der aufgebrachte Torwart Tom Starke geschimpft.

Das hausgemachte Fan-Problem steht symbolisch für die TSG 2011/2012. Was ist das für ein Klub? Wofür steht er? Ein Verein auf der Suche nach sich selbst.

Über allen steht weiterhin der SAP-Milliardär Dietmar Hopp, einer der reichsten Deutschen. Ohne ihn würde Hoffenheim wohl noch immer in der Kreisliga dümpeln. Doch die sportlichen Architekten des beispiellosen Aufstiegs sind mittlerweile fort. Trainer Ralf Rangnick musste im Januar 2011 gehen, ein halbes Jahr zuvor war Manager Jan Schindelmeiser geflüchtet. Sie hatten das Steuer 2006 übernommen und den Verein dank kluger Transfers (und einem Batzen Geld) ins Oberhaus geführt. Doch die letzten zwei Spielzeiten beendete Hoffenheim ohne viel Beachtung auf Platz 11. Mit Pauli-Legende Holger Stanislawski war deshalb der Neustart im Sommer geplant.

Die trostlose Zwischen-Bilanz: Nach der Hinrunde steht die TSG mit 22 Punkten auf Platz 9, das Torverhältnis 19:19 – mehr Mittelmaß ist kaum möglich. Und die Pfiffe der „Fans“ sind nicht der einzige Brandherd. Trainer Stanislawski beschimpfte seine Mannen zuletzt als dämlich. Weshalb es so unrund läuft, wisse er nicht. Man solle die Spieler fragen. Das klingt fast schon nach Aufgabe. Ob der Mann mit den großen Augen und der Halbglatze die Saison zu Ende führt, ist mehr als fraglich.

Zu trostlos zum Bashen

Selbst die einstigen Hoffnungsträger Marvin Compper, Tobias Weis und auch Kapitän Andreas Beck, allesamt mal Nationalspieler gewesen, sind mit untergegangen. Der Kader ist eine offenbar nicht funktionierende Mischung aus eben jenen gescheiterten Juwelen, einigen internationalen Stars (Babel, Braafheid) und vielen Gesichtslosen (Sigurdsson, Vorsah, Vukcevic). Das überdurchschnittliche spielerische Potenzial konnte Stanislawski bislang in keinster Weise ausschöpfen. Vielleicht passt Stanislawski nicht zu so einem Team. Vielleicht ist Stanislawski auch nicht so ein guter Trainer, wie er zu sein schien. Das Problem in Hoffenheim ist aber mit Sicherheit ein anderes.

Der Verein hat eine erfolgreiche Jugendarbeit. Die A- und B-Junioren spielen jeweils in der Bundesliga. Warum setzt die Profi-Mannschaft nicht mehr auf Spieler aus dem eigenen Stall? Dietmar Hopp hat eine Dorftruppe in Lichtgeschwindigkeit zum Profi-Klub gezüchtet. Dank der sportlichen Belanglosigkeit zieht man nicht mal mehr den Hass auf sich. Hoffenheim-Bashing mag nicht wirklich originell sein. Wofür soll so ein Verein auch stehen? Doch diese Frage stellt man sich zurzeit eben mehr denn je.

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