Lieber Fußball-Gott

von Lukas Hermsmeier1.01.2012Gesellschaft & Kultur

Was war, was wird sein? Die Glaskugel versagt bei der Sportprognose dramatisch. Stattdessen gibt es ein Wunschkonzert.

Der erste Tag im neuen Jahr. Rückblick oder Vorschau? Da Prognosen – vor allem im Sport – so faszinierend ausnahmslos nicht zutreffen und alle 2011-Zusammenfassungen schon längst rauf und runter liefen: ein ausgesprochenes Wunschkonzert.

Umkleidekabinen

Zuallererst: Kompliment, liebe Bundesliga, lediglich vier Trainer-Wechsel in der Hinrunde! Es war schon deutlich schlimmer. Zum Beispiel 2005 – da mussten acht Übungsleiter ihren Stuhl noch vor Weihnachten räumen. Doch auch das ändert nichts an der Tatsache, dass im System Bundesliga etwas verdammt schiefläuft. Es gibt sie nicht, die perfekte Saison, die gab’s auch nie. Nicht mal beim FC Bayern. Und so gehören kleine Durchhänger, längere Schwächephasen und große Krisen bei den Vereinen dazu. Und die Konsequenz? Ran an den Speck, ran ans Personal, weg mit dem Trainer. Es ist die einfachste Art, etwas zu ändern. Und es ist in vielleicht 90 Prozent aller Fälle Aktionismus. Wie kann es sein, dass ein Trainer, der noch im Sommer als perfekte Wahl galt, nur wenige Monate später das Übel sein soll? „Es ist mit Abstand die beste Lösung“, hatte Freiburgs Sportdirektor Dirk Dufner im Sommer Trainer Marcus Sorg gelobt – ehe er den Coach jetzt vor ein paar Tagen feuerte. Nur ein Beispiel von unzähligen. Es gibt schlechte Trainer, ohne Frage. Und manchmal passen Coach und Team nicht zusammen. Aber das Profi-Geschäft ist keine Umkleidekabine. Aussuchen, anprobieren, wieder zurücklegen. Vielleicht würde eine neue Regel diesen orientierungslosen Rein-raus-Wahnsinn eindämmen: Ein Trainer darf in seinem ersten Jahr beim neuen Klub nicht gefeuert werden. Und falls doch, muss der Manager, der die Verantwortung trägt, mit gehen.

Schuldfragen

Im Laufe einer Saison gleicht sich alles. Ja! Ja! Ja! Kaum eine Fußball-Floskel ist so wahr. Und kaum eine Fußball-Floskel wird so oft vergessen. Wenn der Schiedsrichter ein Foul im Strafraum nicht gesehen oder zu schnell die Rote Karte gezogen, schlichtweg einen Fehler gemacht hat, dann reagieren die Betroffenen oftmals so, als hätten sie die erste Ungerechtigkeit ihres Lebens erfahren. Ich will gar nicht anfangen mit Babak Rafati, dem Schiedsrichter, der sich wegen des großen Drucks das Leben nehmen wollte. Aber ich ertrag diese Trainer wie Thomas Tuchel und Jürgen Klopp nicht mehr, die sich am Spielfeldrand so unverhältnismäßig aufführen. Wie oft müssen Übungsleiter Wutausbrüche in aller Öffentlichkeit ertragen? Wie selten trifft es die Schuldigen? Kein Bundesliga-Schiedsrichter pfeift absichtlich schlecht, kein Verein wird bewusst betrogen. Schuld sind Spieler, Manager, Trainer, Rasen, Wetter.

Skandalsuche

2012 braucht einen Skandal. Und zwar einen mit Konsequenzen! Niemand anderes ist da so prädestiniert wie Joseph „Sepp“ Blatter. Der Fifa-Präsident und damit mächtigste Fußball-Funktionär der Welt hat in den zurückliegenden Jahren wirklich alles dafür getan, dem internationalen Sport die Glaubwürdigkeit zu rauben. Schon seine Wahl 1998 soll der Schweizer gekauften Stimmen aus Afrika zu verdanken haben. Dann die Affäre um den Sponsorendeal mit Mastercard und Visa, die die Fifa 2006 60 Millionen Euro kostete. Und als Krönung die WM-Vergabe an Katar und Russland vor gut einem Jahr. Die Beschuldigungen und Korruptionsvorwürfe gegen Blatter nehmen kein Ende. Zuletzt bezichtigte ihn der ehemalige Vize-Präsident Jack Warner der Bestechung. Es ist die Summe der Geschehnisse, die diesen Mann so unglaubwürdig macht. Nicht mal die faire Organisation eines Jugend-Turniers würde man diesem Macht-Besessenen noch zutrauen. 75 Jahre hat er hinter sich, selten war ein Rentenalter so erreicht. Bis 2015 darf Blatter laut Vertrag noch Fifa-Präsident bleiben. Ein Bundesverdienstkreuz hat er schon, Ehrenmitglied des Deutschen Fußball-Bundes ist er auch. Damit nicht noch mehr ungerechtfertigte Auszeichnungen dazukommen, muss Blatter bitte, bitte 2012 über den Skandal seines Lebens stolpern.

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