Magier a.D.

von Lukas Hermsmeier13.11.2011Gesellschaft & Kultur

Erst war er Retter der Hoffnungslosen, dann Anführer der Jungen Wilden, später Meistermacher. 15 Jahre lang war die Bundesliga in Felix-Magath-Hand. Und heute, was ist geblieben?

Es klingt wie ein schlechter Witz. Im Sommer entscheidet sich Felix Magath, Trainer und Manager in Personalunion, für einen Umbruch beim VfL Wolfsburg. Er holt stolze zwölf Spieler, schleudert 22 Millionen Euro dafür heraus. Unter anderem für Überflieger wie Hasan Salihamidzic (34), Thomas Hitzlsperger (29) und Sotirios Kyrgiakos (31). Böse Zungen behaupten, die Resterampe war danach leer. Und nach zwölf Spieltagen, die Wölfe stehen mit nur 13 Punkten auf einem enttäuschenden Platz 13, stellt sich Magath vor die Mikrofone und sagt: „Man muss überlegen, ob der eine oder andere genügend Qualität und Einstellung mitbringt, um unsere Ziele, die wir haben, tatsächlich umsetzen zu können.“ Als wäre er gänzlich unbeteiligt, als wären es gar nicht seine Entscheidungen gewesen. Und die angezählten Profis? Die beklagen sich gegenüber den Journalisten, natürlich ohne genannt werden zu wollen, über falsche Taktik, kontraproduktive Trainingsmethoden, fehlenden Zusammenhalt. Früher – und selten war dieser Satz so berechtigt – hätte es das nicht gegeben. Spieler, die es wagen, den gefürchteten Quälix infrage zu stellen. Denn früher konnte man gegen Magath haben was man wollte – er war erfolgreich. Nichts ist geblieben. Magath, der Magier a.D.

Feuerwehrmann und Meistermacher

Acht Vereine in 15 Jahren, fast die halbe Liga hat er durch. Nein, Konstanz war nie Magaths Ding. War auch gar nicht gefragt. In Hamburg, Nürnberg, Bremen und Frankfurt wurde der Aschaffenburger geholt, um den scheinbar besiegelten Abstieg abzuwenden. Es gelang in allen vier Fällen. Der Feuerwehrmann war geboren. Dann kam Stuttgart, wo es Magath drei Jahre aushielt und den VfB 2003 in die Champions League führte. Die Jungen Wilden waren geboren. Bayern schnappte sich schließlich den Erfolgstrainer und in zwei Jahren holte er vier Titel. Und dann gewann Magath mit dem VfL Wolfsburg, einem bis dato gräulichen Mäuschen, 2009 phänomenal den Titel. Der Meistermacher war geboren. Schließlich der Wechsel nach Schalke, Platz zwei in der ersten Saison, beachtlich! Ein Ritt durch die Liga, von Erfolg zu Erfolg. Magath erarbeitete sich schnell großen Respekt – den er noch schneller wieder verlor. Der Wolfsburger Autokonzern und Hauptsponsor VW hat bereits angekündigt, dass Magath in der Winterpause den Kader weiter aufhübschen darf. Sechs Spieler sollen verschwinden, bis zu fünf verpflichtet werden. Seit zwei Jahren das gleiche Spiel. Magath kauft und kauft und kauft, bis der Kader aufgebläht, das Platzen unumgänglich ist. Und nach einer Probezeit von wenigen Wochen, mal Monaten, entscheidet der Chef dann, wer von den unzähligen Transfers taugt und wer nicht. Dass es vielleicht auch andersrum – erst Leistung einschätzen, dann verpflichten – geht, hat sich bis zum unverbesserbaren Magath nicht herumgesprochen.

Magath darf alles. Doch kann er es noch?

Magath führt eine Personalpolitik, die des Namens nicht würdig ist. In den vergangenen vier Jahren gingen und kamen bei Wolfsburg und Schalke unter Magaths Diktatur insgesamt 179 Profis. Die Bilanz: 70 Millionen Euro minus. Eine Vorliebe hat der Mann, dessen Vater aus Puerto Rico kommt, für die Gescheiterten. Beispiele? Ali Karimi, Chris, Angelos Charisteas. Und Sotirios Kyrgiakos, den Magath im August zum VfL lockte – und jetzt vor wenigen Tagen aus dem Kader strich. Der 32-Jährige wird wohl kein Spiel mehr für den Werksverein absolvieren. Eine Geschichte mit Symbolcharakter. Eine Geschichte von vielen. Das Problem ist, dass Magath darf. Wie schon in Stuttgart und auf Schalke, ist er auch in Wolfsburg Trainer und Manager zugleich. Über Magath nur die Sonne, so das Motto. Natürlich, mit dieser Doppelfunktion war er bei den vorherigen Stationen erfolgreich, jeweils drei Mal wurde er Deutscher Meister und Trainer des Jahres. Doch das war mal. Spätestens seit seinem kurios-peinlichen Blitz-Wechsel im März, als er nur zwei Tage nach seiner Entlassung auf Schalke in Wolfsburg anheuerte, hat Magath verloren. Vor allem an Respekt und Ausstrahlung. Die Teams des Quälix bestechen nicht mal mehr durch ihre Fitness. Magath ist nur noch eine Karikatur seiner selbst. Der Mythos ist aus.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Die GroKo versagt in der Migrationspolitik

Die Bilder aus Lesbos sind ein Menetekel: Der „Türkei-Deal“ ist gescheitert. Die Balkanroute ist wieder offen, aber die Regierung verschließt die Augen. Die GroKo versagt auf ganzer Linie, nicht nur in der Migrationspolitik.

Deutschland investiert kaum noch und unsere Infrastruktur wird marode

Die schwarze Null und die Schuldenbremse sind einer der Götzen neoliberaler Politik. Seit einem Jahrzehnt weisen wir auf die verheerende Wirkung dieser Politik hin: unsere Schulen und Straßen sind in schlechtem Zustand, Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, Brücken und Bahnhöfe verfallen. D

Auf welchem Stern lebt Peter Altmaier?

Ich frage mich wirklich, auf welchem Stern unser Wirtschaftsminister lebt, um einen solchen Unfug abzusondern. Aber es ist die typische Haltung von Regierenden im Raumschiff Berlin, fernab von der Lebenswirklichkeit, nichts mit den Menschen vor Ort im Sinn, überheblich und unverbesserlich.

Mobile Sliding Menu