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Rausland

Timo Hildebrand kehrt nach vier erfolgslosen Jahren im Ausland in die Bundesliga zurück. Seiner Karriere in der Nationalmannschaft dürfte der Wechsel helfen: Joachim Löw mag Spieler, die sich in Deutschland und unter seiner Führung entwickeln. Das Ausland ist die Abseitsfalle für DFB-Zöglinge.

Timo Hildebrand, Andreas Hinkel, David Odonkor. Drei Spieler, eine Geschichte: Sie waren Hoffnungsträger für die Nationalelf, in der Bundesliga geschätzt. Sie wählten den mutigen Weg ins Ausland, was in allen drei Fällen ein bitterböser Fehler war. Jetzt die Rückkehr nach Deutschland, mit gesenktem Haupt. Was lief schief?

Am Donnerstag vermeldete Schalke 04 die Verpflichtung des 32-jährigen Torwarts Timo Hildebrand. Und äußerlich hat er sich kaum verändert: Die blonden Haare nach hinten gekämmt, Dreitagebart und dazu das verschmitzte Lächeln. Genau so sah Hildebrand auch aus, als er bei der WM 2006 im eigenen Land von der Bank strahlte. Als dritter Torwart hinter Lehmann und Kahn und als designierte Nummer eins. Ihm schien klar: Nur der Schritt ins Ausland fehlt noch zur Weltklasse und so tat Hildebrand im Jahr 2007 etwas, was Schweinsteiger und Lahm seit Jahren nicht wagen: Er wechselte von seinem Heimatverein in ein fremdes Land, zum FC Valencia nach Spanien, nahm dort den unbequemen Konkurrenzkampf auf. Doch Hildebrand zeigte keine stabilen Leistungen, er musste auf der Bank Platz nehmen. Als wäre das nicht schlimm genug gewesen, ließ ihn auch noch Bundestrainer Joachim Löw fallen. Für die EM 2008 wurde René Adler nominiert. Hildebrand, drei Jahre lang fester Bestandteil der Nationalelf – raus und zwar für immer.

Neu gelernte Demut

Was Timo Hildebrand bei der Entscheidung, die Bundesliga zu verlassen, dachte, schreibt er auf seiner Homepage: „Mir wird bewusst, dass mein Weg nun in eine andere Richtung geht. Ich bin unglaublich traurig.“ Bei der Präsentation auf Schalke sagte der Keeper jetzt, viereinhalb Jahre später: „Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken. Jetzt gehe ich mit viel Demut an die Sache heran.“ Zwei Äußerungen, die eine verhängnisvolle Entscheidung umklammern, von der sich Hildebrand nie erholte.

Wer erinnert sich nicht an diesen magischen Moment: WM 2006, Deutschland gegen Polen, Nachspielzeit. Schneider auf Odonkor, der rennt, rennt weiter, schiebt zu Neuville – 1:0. Nicht wenige sagen, dass dieses späte Tor die Geburtsstunde des Sommermärchens war. David Odonkor hatte weltweit den Ruf als Geheimwaffe weg, wenn auch nur für ein paar Monate. Sevilla wollte den Sprinter aus Dortmund und der Sprinter wollte nach Sevilla. Doch das Glück meinte es nicht gut mit Odonkor und so machte er in fünf Jahren in Spanien nur 50 Spiele, eine mickrige Bilanz. Auch bei Löw war schnell Schluss. In diesem Sommer musste der Deutsch-Ghanaer zwei Monate nach einem Klub suchen, ehe er beim Zweitligisten Alemannia Aachen einen Abnehmer für sich fand. Aachen ist Tabellenletzter, Odonkor, heute 27 Jahre alt, darf hin und wieder sprinten. Nicht mehr und nicht weniger. Vom WM-Helden zum Schlusslicht-Mitläufer.

Er war einer der Jungen Wilden: Rechtsverteidiger Andreas Hinkel, ein Eigengewächs des VfB Stuttgart, wirbelte unter Magath in der Champions League, spielte sich 2003 in die Nationalmannschaft. Doch ausgerechnet in der entscheidenden Spielzeit vor der WM 2006 gelang Hinkel nicht mehr viel, sodass ihn Jürgen Klinsmann bei der Kaderwahl ignorierte. Hinkel wollte den Neuanfang – und zwar in Spanien. Doch beim FC Sevilla hatte er die jetzige Barcelona-Größe Dani Alves vor sich und so blieb ihm genau wie Leidgenosse Hildebrand nur die spanische Bank. 2008 der zweite Neuanfang. Diesmal in Schottland, bei Celtic Glasgow. Ein Kreuzbandriss im vergangenen Jahr schleuderte Hinkel ins Aus, sodass er in diesem Sommer wochenlang bei seinem Heimatklub VfB Stuttgart mittrainierte, ohne Geld dafür zu bekommen. Ein Ex-Star in der Arbeitslosigkeit. Umso dankbarer war der Backnanger Jung, als der SC Freiburg ihm jetzt einen Einjahresvertrag anbot. Es ist seine wohl letzte Chance.

Wohlige Bundesliga

Sind das drei Geschichten ohne jegliche Verbindung? Geschichten von soliden Bundesliga-Profis, die zu schlecht für das Ausland waren? Klose, Özil, Khedira beweisen doch, dass man die Bundesliga verlassen und trotzdem Nationalspieler bleiben kann. Und früher funktionierte das sowieso, mit Lothar Matthäus bei Inter oder Bernd Schuster bei Barcelona und Real. Doch diese Männer wurden verpflichtet, um Schlüsselrollen einzunehmen. Hildebrand, Hinkel und Odonkor wurden verpflichtet, um Stammspieler zu ärgern, höchstens. Eher um den Kader aufzufüllen.

Niemand weiß, ob er beim neuen Verein spielt oder auf der Bank versauert. Doch einen Stammplatz in der ersten deutschen Liga aufgeben, um sich weiterzuentwickeln, das ist nur klug, wenn eine Weiterentwicklung auch wahrscheinlich ist. Ich kann Lukas Podolski verstehen. 34 Spiele in Köln sind mehr wert als 10 in Manchester. Joachim Löw ist der Entwicklungsmeister, das habe ich an dieser Stelle vor zwei Wochen geschrieben. Aber Joachim Löw kann man mit Mut nicht imponieren. Lieber in der wohligen Bundesliga verharren, den Bundestrainer als Tribünengast erleben, zum Einsatz kommen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Lukas Hermsmeier: Mut im Bauch

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