Der Normalo-PrÀsident

Ludwig Ring-Eifel24.03.2012Gesellschaft & Kultur, Politik

Wirtschaftswunder, 1968, Mauerfall und EU-Einigungsprozess: Gauck weist auf die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte hin. Mit einer verquasten Erinnerungskultur will er nichts zu tun haben. Gut so.

Was ist bloß das Besondere, das ganz andere, an der ersten Grundsatzrede des neuen BundesprĂ€sidenten? Irgendwie scheint es, als sei da ein neuer Ton in das Hohe Haus eingezogen. Und das hat weniger mit dem sonoren Bass des Redners zu tun “als vielmehr mit seinem Mut, sich in einer Weise normalsprachlich auszudrĂŒcken, die fast schon altertĂŒmlich wirkt(Link)”:http://theeuropean.de/margaret-heckel/10478-antrittsrede-von-joachim-gauck.

Die Kraft der Erinnerung

Da sind diese SĂ€tze, mit denen Gauck die GefĂŒhlslage des NormalbĂŒrgers und -fernsehzuschauers beschreibt: „Jeder Tag, jede Begegnung mit den Medien bringt neue Ängste und Sorgen hervor.“ Und die nicht nur in der Ă€lteren Generation verbreitete Reaktion darauf: „Freiheit ist fĂŒr die keine Verheißung, kein Versprechen, sondern nur Verunsicherung.“ Und der Kommentar des neuen PrĂ€sidenten: „Ängste vermindern unseren Mut und unser Selbstvertrauen, 
 bis wir Feigheit fĂŒr eine Tugend halten.“ So einfach und klar hat das seit dem verstorbenen Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba (1929 – 2000) niemand mehr gesagt. Gegen Verzagtheit und Verunsicherung setzt Gauck auf die „Kraft der Erinnerung“ und greift darin die bislang disparaten Narrative der letzten 65 Jahre zu einer Nationalgeschichte zusammen: Er lobt die Verdienste der westdeutschen Nachkriegsgeneration („Wirtschaftswunder“ und „Demokratiewunder“) ebenso wie die der 1968er-Generation mit ihrem „mĂŒhsam errungenen Sieg“ in der VergangenheitsbewĂ€ltigung mit Blick auf die NS-Zeit. In einem Atemzug dankt er Adenauer und den Westdeutschen fĂŒr ihr Ja zu Europa und den Ostdeutschen fĂŒr die unblutige Revolution von 1989. Er stimmt zwar nicht ein in den polemischen Zwischenruf Henryk M. Broders („Vergesst Auschwitz“), aber auch er will raus aus der verquasten deutschen Erinnerungskultur. Er betont nicht allein das Versagen und die Katastrophen der VorvĂ€ter, sondern nennt auch die Leistungen der letzten beiden Generationen: Dass es ihnen gelang, „die Herausforderungen der Zeit anzunehmen und sie nach besten KrĂ€ften zu lösen, ist eine große Ermutigung“. So einfach ist das. So wie US-PrĂ€sidenten in ihren rituellen Reden zur „Lage der Nation“ stets die Leistungen, die Tugenden und den Mut der Generationen seit den GrĂŒndungsvĂ€tern beschwören, so tut es jetzt auch Gauck. Wenn amerikanische PrĂ€sidenten BĂŒrgerkrieg, New Deal, Vietnamkrieg und Irakkrieg zu Perlen einer Kette zusammenfĂŒgen, macht Gauck dies nun mit Wirtschaftswunder, 1968, Mauerfall und EU-Einigungsprozess. Scheinbar mĂŒhelos gelingt es dem ersten PrĂ€sidenten ostdeutscher Herkunft damit auch, das Ost-West-Thema nicht abzuhaken, sondern die DDR und ihre Überwindung durch ihre BĂŒrger in einem Kapitel in der deutschen GesamterzĂ€hlung aufzuheben.

Appell an das Vertrauen der „DurchschnittsbĂŒrger“

Wer so redet, vermag vielleicht das verloren gegangene Vertrauen der „DurchschnittsbĂŒrger“ in die Politik zurĂŒckzugewinnen. Jener ganz normalen Deutschen, die es trotz aller PluralitĂ€t und Ausdifferenzierung des neueren Deutschlands immer noch gibt und von denen viele, wegen der grĂ¶ĂŸeren medialen Aufmerksamkeit fĂŒr die „bunteren“ Segmente der Gesellschaft, schon auf dem besten Weg waren, sich als schweigende Mehrheit in eine innere Emigration zu verabschieden.

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