Jede Demokratie, die ihre Konflikte nicht austrägt, hört auf, demokratisch zu sein. Günter Grass

Der Normalo-Präsident

Wirtschaftswunder, 1968, Mauerfall und EU-Einigungsprozess: Gauck weist auf die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte hin. Mit einer verquasten Erinnerungskultur will er nichts zu tun haben. Gut so.

Was ist bloß das Besondere, das ganz andere, an der ersten Grundsatzrede des neuen Bundespräsidenten? Irgendwie scheint es, als sei da ein neuer Ton in das Hohe Haus eingezogen. Und das hat weniger mit dem sonoren Bass des Redners zu tun als vielmehr mit seinem Mut, sich in einer Weise normalsprachlich auszudrücken, die fast schon altertümlich wirkt.

Die Kraft der Erinnerung

Da sind diese Sätze, mit denen Gauck die Gefühlslage des Normalbürgers und -fernsehzuschauers beschreibt: „Jeder Tag, jede Begegnung mit den Medien bringt neue Ängste und Sorgen hervor.“ Und die nicht nur in der älteren Generation verbreitete Reaktion darauf: „Freiheit ist für die keine Verheißung, kein Versprechen, sondern nur Verunsicherung.“ Und der Kommentar des neuen Präsidenten: „Ängste vermindern unseren Mut und unser Selbstvertrauen, … bis wir Feigheit für eine Tugend halten.“ So einfach und klar hat das seit dem verstorbenen Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba (1929 – 2000) niemand mehr gesagt.

Gegen Verzagtheit und Verunsicherung setzt Gauck auf die „Kraft der Erinnerung“ und greift darin die bislang disparaten Narrative der letzten 65 Jahre zu einer Nationalgeschichte zusammen: Er lobt die Verdienste der westdeutschen Nachkriegsgeneration („Wirtschaftswunder“ und „Demokratiewunder“) ebenso wie die der 1968er-Generation mit ihrem „mühsam errungenen Sieg“ in der Vergangenheitsbewältigung mit Blick auf die NS-Zeit. In einem Atemzug dankt er Adenauer und den Westdeutschen für ihr Ja zu Europa und den Ostdeutschen für die unblutige Revolution von 1989.

Er stimmt zwar nicht ein in den polemischen Zwischenruf Henryk M. Broders („Vergesst Auschwitz“), aber auch er will raus aus der verquasten deutschen Erinnerungskultur. Er betont nicht allein das Versagen und die Katastrophen der Vorväter, sondern nennt auch die Leistungen der letzten beiden Generationen: Dass es ihnen gelang, „die Herausforderungen der Zeit anzunehmen und sie nach besten Kräften zu lösen, ist eine große Ermutigung“.

So einfach ist das. So wie US-Präsidenten in ihren rituellen Reden zur „Lage der Nation“ stets die Leistungen, die Tugenden und den Mut der Generationen seit den Gründungsvätern beschwören, so tut es jetzt auch Gauck. Wenn amerikanische Präsidenten Bürgerkrieg, New Deal, Vietnamkrieg und Irakkrieg zu Perlen einer Kette zusammenfügen, macht Gauck dies nun mit Wirtschaftswunder, 1968, Mauerfall und EU-Einigungsprozess. Scheinbar mühelos gelingt es dem ersten Präsidenten ostdeutscher Herkunft damit auch, das Ost-West-Thema nicht abzuhaken, sondern die DDR und ihre Überwindung durch ihre Bürger in einem Kapitel in der deutschen Gesamterzählung aufzuheben.

Appell an das Vertrauen der „Durchschnittsbürger“

Wer so redet, vermag vielleicht das verloren gegangene Vertrauen der „Durchschnittsbürger“ in die Politik zurückzugewinnen. Jener ganz normalen Deutschen, die es trotz aller Pluralität und Ausdifferenzierung des neueren Deutschlands immer noch gibt und von denen viele, wegen der größeren medialen Aufmerksamkeit für die „bunteren“ Segmente der Gesellschaft, schon auf dem besten Weg waren, sich als schweigende Mehrheit in eine innere Emigration zu verabschieden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Joachim Gauck, Joachim Gauck, Robert Pausch.

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