Skeptiker sind Mörder. Peter Singer

Unverstanden zu den Akten

Fragt man Zeitgenossen wenige Wochen nach dem Papstbesuch in Deutschland, was davon geblieben ist, kommt man ins Staunen. Von den etwa 20 Ansprachen, die Benedikt XVI. gehalten hat, sind nur Spurenelemente übrig.

Im Bundestag, das ist Konsens, hat er mit einer brillanten Rede jene blamiert, die ihm die Zuhörerschaft verweigerten. Der Inhalt aber war so anspruchsvoll, dass heute kaum noch jemand zu rekapitulieren vermag, was er sagte. Was hängen blieb, ist das mit Ironie gewürzte Lob für die Grünen. Die von Benedikt vorgeschlagene „Ökologie des Menschen“, für die er warb, um die Denktradition des Naturrechts im 21. Jahrhundert wieder salonfähig zu machen, ging hingegen unter.

Noch ungenauer ist die Erinnerung an die ökumenischen Ansprachen in Erfurt. Bei den wenigen, die sein Lob des Gottsuchers Martin Luther im kleinen Kreis registrierten, machte schnell das Wort von der „überraschenden theologischen Rehabilitierung Luthers“ die Runde. So weit aber war Benedikt nun doch nicht gegangen.

Schlechte Stimmung bei der evangelischen Kirche

Hingegen prägte sich bei den vielen, die dann die Ansprache des Papstes beim ökumenischen Gottesdienst in Erfurt hörten, vor allem ein Satz ein: Er bringe keine „Gastgeschenke“ mit, und der Glaube sei nicht verhandelbar. Dass diese Worte als Absage an die Ökumene missverstanden wurden, ist tragisch – denn es ging ja gerade nicht um ein Ende des ökumenischen Dialogs, sondern um dessen Vertiefung. Auf solche Ansagen sind freilich die Wahrnehmungsorgane vieler Medien nicht eingestellt. Und auch nur wenige evangelische Gesprächspartner griffen den Faden auf: Sie verstanden die fehlenden Gastgeschenke als Affront, gaben sich aber nach außen konziliant und leugneten die schlechte Stimmung, die sie gleichwohl im kleinen Kreis zeigten.

Nicht viel besser erging es dem Papst mit seinen Freiburger Reden an die katholische Kirche in Deutschland. Ein Aufruf zur absoluten Vatikantreue sei das gewesen, titelten die Zeitungen. Und seine revolutionäre Ansage, die Kirche solle sich von Privilegien und Reichtümern lösen, um ihren Auftrag in der Welt freier zu erfüllen, wurde nach Kräften ins Lächerliche gezogen oder verdreht. Während die einen hämisch darlegten, dass der Theologe Ratzinger Ähnliches schon in den 1960er-Jahren gefordert habe, beeilten sich andere, zu betonen, dass der Papst ganz bestimmt nicht die Kirchensteuerfinanzierung und sicher auch nicht den Caritas-Sozialkonzern gemeint haben könne. Erst nach und nach meldeten sich innerkirchliche Wortführer, die dafür warben, die Sätze des Papstes genau zu lesen. Die gehaltvollsten Beiträge dazu lieferten pikanterweise liberale Altmeister wie die Kardinäle Lehmann und Kasper.

Was außerhalb der Kirche von „Freiburg“ hängen blieb, war eine vage Wahrnehmung, der Papst habe die Kirche aufgefordert, sich aus der Welt zurückzuziehen. Doch die falsche Nachricht, dass Benedikt einen Rückzug der Kirche aus der Welt fordere, hat für den liberalen Deutschen zwei große Vorteile: Erstens passt sie zu dem Bild, das er sich schon immer von diesem konservativen Papst gemacht hat. Und zweitens ist eine solche Ansage so offensichtlich indiskutabel, dass man sie getrost ungelesen zu den Akten legen kann.

Unverstanden trotz Muttersprache

Die engsten Mitarbeiter von Benedikt XVI. sind schockiert von der holzschnittartigen Wahrnehmung der päpstlichen Botschaften in den deutschen Medien. In der Kurie ist zu hören, man habe sich einfach nicht vorstellen können, dass es möglich wäre, so wenig zu verstehen – und das, obwohl der Papst in seiner Muttersprache und in klaren Sätzen gesprochen habe.

Übrigens hat es in englisch- und französischsprachigen Blogs eine sehr viel intensivere Debatte über die Papstworte in Deutschland gegeben. In anderen Kulturkreisen wird der deutsche Papst offenbar besser verstanden als in seiner Heimat.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Kerstin Porzner, Ludwig Ring-Eifel, Paul Badde.

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