Eine Summe von Nullen kann durchaus eine stattliche Zahl ergeben. Guido Westerwelle

Papa ante portas

Der Papst kommt im Herbst zum ersten Mal auf Amtsbesuch nach Deutschland. Kritische Stimmen legen Benedikt XVI. nahe, nicht im Parlament zu sprechen, immerhin sei er Europas letzter Potentat. Doch die Argumentation läuft ins Leere, wenn man genau hinschaut.

Spät, aber nicht zu spät hat in Berlin eine Debatte darüber begonnen, was wir vom Papstbesuch im September dieses Jahres erwarten. Die Debatte teilt sich in unterschiedliche Ströme: Es diskutieren Berliner Bürger im Allgemeinen und die katholische Minderheit im Besonderen über die Frage, ob, wo und vor welchem Publikum der Papst im religionsfernen Berlin einen Gottesdienst feiern sollte. Unter Katholiken gibt es den Wunsch nach Bescheidenheit (der Papst möge einen für alle Glaubensrichtungen offenen Wortgottesdienst feiern), aber auch den nach einem kraftvollen, sichtbaren Auftritt mit “großer” Messe, etwa im Olympiastadion.

Eine nicht weniger interessante Debatte köchelt im politischen Berlin auf bemerkenswert kleiner Flamme. Im Zentrum steht die mit Spannung erwartete Bundestagsrede des Papstes. Nachdem es Parlamentspräsident Norbert Lammert gelungen war, die Zustimmung der Fraktionen zu diesem Auftritt des Pontifex im Schnellverfahren zu sichern, wagten sich zunächst nur die Grünen Volker Beck und Christian Ströbele mit ablehnenden Äußerungen aus der Deckung. Sie ließen sich aber rasch wieder von der Fraktionsdisziplin einfangen.

Der Papst, der letzte Monarch Europas?

Doch dann brachte der Journalist und Verfassungshistoriker Christian Bommarius mit einem fulminanten Kommentar in der Berliner Zeitung Leben in die Debatte. Er legte – sinngemäß – dar, dass man den Papst eigentlich nicht vor einem frei gewählten Parlament sprechen lassen sollte, denn er sei einer der letzten absoluten Monarchen Europas. Zudem herrsche er über einen Staat von Mussolinis Gnaden und das von ihm regierte Gebilde sei dank der Vatikanbank ein unmoralisches Offshore-Paradies für Schwarzgeld. Und schließlich widersprächen die vom Papst vertretenen Werte und Normen in Sachen Ehescheidung, Homosexualität und Abtreibung der Werteordnung des Grundgesetzes.

Das Echo auf die steilen Thesen blieb verhalten – was vielleicht auch daran liegt, dass sie keinem zweiten Blick standhalten. Allein die Tatsache, dass es im Vatikanstaat kein Parlament gibt, macht den Papst noch nicht zum Potentaten und die rund 500 Bürger nicht zu rechtlosen Untertanen. Und die Vatikanbank wegen der dort oft unkontrolliert geparkten italienischen Schwarzgelder als "kriminelle Vereinigung“ einzustufen ist auch knapp vorbei gezielt.

Der Verfassungsboden ist dehnbar

So richtig daneben geht der Rundumschlag gegen den Pontifex, wenn ein Gegensatz zwischen katholischer Moral und Grundgesetz behauptet wird. Das ist nicht nur historisch bizarr, wenn man bedenkt, dass einige Väter dieses Grundgesetzes überzeugte Katholiken waren. Wer so argumentiert wie Bommarius, verwischt auch großzügig die Unterschiede zwischen staatlichem Gesetz und Moral, zwischen Sünde und Straftat. Wenn der Papst verlangen würde, dass Ehescheidungen unter Strafe gestellt und praktizierende Homosexuelle eingesperrt werden müssten, hätte Bommarius vielleicht Grund, Alarm zu schlagen. Aber verfassungswidrig wäre selbst eine solche fundamentalistische Forderung nicht. Der Verfassungsbogen war und ist ziemlich weit dehnbar. Das weiß niemand besser als die katholische Minderheit in Deutschland. Als einst der Schutz von Ehe und Familie Verfassungsrang erhielt, war die Intention der Autoren vermutlich näher an der vom Papst vertretenen Morallehre als an jener libertären Werteordnung, die mittlerweile von vielen für die des Grundgesetzes gehalten wird.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ludwig Ring-Eifel, Kerstin Porzner, Paul Badde.

Leserbriefe

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