Wir dürfen nicht nach Hause gehen und denken, dass die Klimakonferenz das Problem gelöst hat. Rajendra Pachauri

Ratzinger war nicht genug Ratzinger

Die Kritiker des Papstes wollen keine perfekte Kirche, sondern ihre Demontage. Den Philosophen auf dem Stuhl Petri treffen die Anfeindungen der vergangenen Wochen hart. Seine Papstkirche könnte mit Einigeln reagieren. Fatal, denn die Welt braucht die Kirche.

Inmitten einer kirchlichen Vertrauenskrise jährt sich zum fünften Mal das Konklave, aus dem Kardinal Joseph Ratzinger als Papst hervorging. Wer in diesen Tagen mit deutschen Bischöfen oder Vatikan-Mitarbeitern spricht, spürt statt Jubiläumsfreude eine tiefe Verunsicherung. Und die betrifft nicht nur den Missbrauchsskandal, sondern den tiefen Graben, der sich zwischen der Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts und der 2000 Jahre alten Kirche auftut.

Selbst “liberale” Bischöfe äußern sich in diesen Tagen erschrocken über die Häme und bisweilen auch den Hass, der ihnen in Pressekommentaren und “auf der Straße” entgegenschlägt. Die bittere Klage des Papstes, der vor einem Jahr in einem Offenen Brief die Haltung von Kritikern beschrieb, die mit “sprungbereiter Feindseligkeit auf mich einschlagen zu müssen glaubten”, wiederholen sie nun mit ähnlichen Worten.

“Die Verdunklung des Glaubens”

2009 standen vor allem der Papst und einige Kardinäle in der Kritik, damals ging es um den missverstandenen Versuch der Wiedereingliederung der Piusbruderschaft in die katholische Kirche. Heute steht mehr auf dem Spiel: Es zeigt sich das feindselige Unverständnis, das weite Teile der Gesellschaft der Sexualmoral der Kirche, der Ehelosigkeit der Priester und dem kirchlichen Rechtssystem entgegenbringen. Erschrocken stellen Bischöfe fest, dass das wechselseitige Misstrauen zwischen Gegenwartskultur und Kirche wieder wächst – und das fast 50 Jahre nach dem Reformkonzil, das die Öffnung der Kirche zur Welt wollte.

Wenn die Umfragen zutreffen, wonach die Zustimmung der Deutschen für den Papst Tiefstände erreicht, mehr als drei Viertel der Katholiken aber ihrer Kirche treu bleiben, kann Benedikt XVI. damit leben. Die Nachricht, dass in einigen bayerischen Orten Kirchen geschändet wurden, dürfte ihn tiefer treffen. Mehr als alles andere zeigt sie, dass die Bilanz der ersten fünf Jahre seines Pontifikats Licht und Schatten aufweist. Der Glaube der Kirche an Jesus Christus ist schärfer konturiert, der Kern des Katholischen sichtbarer. Dass dieser Prozess von Kommunikations-Pannen begleitet war, kann der Papst verschmerzen.

Katholische Wagenburgmentalität

Was ihm aber tief beunruhigen muss, ist die gleichzeitige “Verdunklung des Glaubens”. Und das gilt vor allem für den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Priester. Dieses Verbrechen, das er in seinem Irland-Brief gegeißelt hat als einen Vertrauensbruch, der “das Licht des Evangeliums in einer Weise verdunkelt hat wie es noch nicht einmal Jahrhunderte der Kirchenverfolgung gelungen ist”.

Paradox verhalten sich in dieser Lage manche Kritiker des Papstes. Wenn sie ihn angreifen, weil er als Münchner Erzbischof eine einzelne Fehlentscheidung zuließ oder weil er als Präfekt der Glaubenskongregation erst im Laufe der Jahre die nötige Härte gegen Missbrauchstäter durchsetzte, offenbaren sie einen Selbstwiderspruch. Sie beschimpfen Benedikt, weil Ratzinger in früheren Jahren nicht genug Ratzinger war. Ihre wahren Motive sind offensichtlich: Sie wollen keine vollkommenere, konsequentere Kirche, sondern den moralischen Offenbarungseid dieser Institution.

Eine Folge solcher Attacken ist eine neue katholische Wagenburgmentalität, die jetzt schon spürbar wird. Und auch das schlägt derzeit negativ zu Buche. Denn ein solches Denken ist das genaue Gegenteil von dem, was der Professor auf dem Papstthron erreichen wollte.

Leserbriefe

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