Wenn es auf dem Weltfinanzmarkt brennt, dann muss gelöscht werden. Selbst wenn es sich um Brandstiftung handelt. Peer Steinbrück

Verschmelzung von Hirn und Vagina

Das Buch Shades of Grey ist nicht der Untergang des Feminismus, auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag. Tatsächlich verfügt die Hauptfigur über eine Menge Macht und zögert nicht, diese einzusetzen.

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„Shades of Grey“ erfreut sich sehr großer Beliebtheit bei Frauen. Es wird gar schon als „Mummy Porn“ bezeichnet, da es viele Leserinnen als Plattform nutzen, um ihre eigenen unterwürfigen Fantasien zu erforschen. Daher stellt sich die Frage: Hilft der Fanfiction-Bestseller der feministischen Sache?

Weltweit erschaudern selbstbestimmte Frauen

„Shades of Grey“ berührt eine langjährige feministische Angst: Ein heterosexueller, weißer, machtbesessener Mann bleibt unangefochten an der Spitze der Gesellschaft und die Frauen um ihn herum verstärken diese Position noch. Klassische „unfeministische“ und hetero-normative Prämissen gibt es in dem Buch zuhauf: James erwähnt das „Bedürfnis-nach-einem-Freund“-Gen und die männlichen Charaktere sind CEOs, Princeton-Studenten, Tischler oder ehemalige Armeeangehörige. Die weiblichen Hauptrollen wiederum sind von der Liebe ganz überwältigt, ihre Augen glänzen und ihre Jobs spielen nur eine untergeordnete Rolle. Mr. Grey verspricht keine intellektuelle Partnerschaft. Er ist vielmehr der „Inbegriff männlicher Schönheit“, der schneidige Bücherheld, nach dem sich die Hauptfigur, Ana, schon so lange gesehnt hat. Und es ist wie bei Disney: Mr. Grey rettet ihr das Leben, als er sie vor einem heranrauschenden Fahrradfahrer rettet, stürzt herbei, kurz bevor sie vergewaltigt wird, und kümmert sich nach einer durchzechten Nacht um sie, ohne zu versuchen – in ihren Worten – „ihre Jungfräulichkeit zu zerreißen“. In meinen Augen macht ihn das zu einem anständigen Menschen. In Anas Augen macht das Mr. Grey außergewöhnlich.

Die Verschmelzung ihrer Vagina (Gefühl) und ihres Gehirns (Denken) zieht sich durch den ganzen Roman hindurch und lässt selbstbestimmte Frauen weltweit erschaudern. Innerhalb weniger Tage nach ihrer ersten Begegnung mit Grey setzt Ana ihre größten Hoffnungen auf die Romanze und nicht mehr auf ihren bevorstehenden Job im Verlagswesen. Ihr Leben liegt in Trümmern, wenn die beiden sich streiten oder nicht zusammen sind.

Trotz allem ist Ana eine verständnisvolle, willige und interessierte Partnerin, die deutlich macht, dass sie mit Grey zusammen sein will. Wir sollten uns die Arbeit von E. L. James aus der Warte der Dritten Welle der Frauenbewegung anschauen, auch wenn das schwerfällt.

„Shades of Grey“ ist ein unerwarteter „Call of Duty“ für feministische Leser. Es testet die Grenzen ihrer sexuellen und praktischen Akzeptanz. Sollten Anhänger der Dritten Welle Anas Entscheidung gutheißen, weil sie das ist, was sie will und letztlich zu ihrem Empowerment führt? Oder sollten wir sie verurteilen und auf die Ideen der Zweiten Welle zurückgreifen, weil Anas Verhalten nicht zur weltweiten sexuellen Emanzipation der Frauen passt? Die zweite Einstellung ist sinnvoll für Frauen, die für sexuelle Gleichberechtigung gekämpft haben. Aber was haben die Leser zu verlieren, wenn sie Erstere anwenden?

Nichts, so scheint es. Beim Experimentieren mit BDSM und Greys dominant-submissiven Fantasien stellt Ana fest, dass sie enorme Macht ausübt – sowohl sexuell als auch intellektuell. Sie benutzt sie immer wieder, um Kompromisse zu erzielen, die Grundlagen von Greys sexuellem Verhalten zu verschieben und letztlich die Beziehung zu kontrollieren. In der Agonie der Leidenschaft sagt sie: „Er ist überall, er erdrückt mich, erstickt mich fast. Aber es ist zu himmlisch. Das ist meine Macht, das ist, was ich ihm antue … und es ist ein triumphierendes Gefühl.“ An dieser wie auch an anderen Stellen gibt sie nicht nur zu, sondern bekennt vielmehr mit Nachdruck, dass sie diese Begegnungen genießt und in ihnen Empowerment findet.

Eine Möglichkeit, um die eigenen Sehnsüchte zu entdecken

Ana stellt sich ihren eigenen unterwürfigen Fantasien und geht sie an. Leserinnen könnten vielleicht aus ihren Erfahrungen lernen. Ist das schädlich für die feministische Sache? Kaum. In den 21 Wochen, die „Shades of Grey“ auf der Bestseller-Liste der „New York Times“ gestanden hat, haben die Anbieter von Sexspielzeug einen beträchtlichen Verkaufsanstieg verzeichnet. Frauen sind also daran interessiert, neue und andere Formen der Freude zu erfahren und bereit, entsprechend zu investieren. Auch wenn es bedauerlich ist, dass dieser Roman mit seiner schwachen Prosa, jugendlichen Sprache, grammatikalischen Fehlern und bestenfalls Wikipedia-Wissen über BDSM als Sprungbrett für weibliche Fantasien fungiert, hilft er Frauen dabei, alle Facetten ihrer Sexualität zu entdecken.

Von dem Buch geht keine Bedrohung aus. Anas Handlungen (Bondage, Augen verbinden, im Stehen eindringen, häufiges Hinternversohlen, Lustkugeln) sind weder komplett außerhalb des Mainstreams noch komplett „unfeministisch“. Es geht um Vertrauen, Lust und die Intensivierung der Erfahrung aller Beteiligten. „Shades of Grey“ ist ein Soft-Porno, und eher als Hardcore-Porno oder der tatsächliche Eintritt in BDSM-Kreise gibt das Buch Frauen eine sichere und gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit, ihre Sehnsüchte zu entdecken.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Melissa Febos, Petra Joy, Alissia Passia.

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