Krieg ohne Schatten

von Luciano Floridi15.07.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Sie sind lautlos, unsichtbar und wir alle können ihnen jederzeit zum Opfer fallen: Konflikte um Informationen sind anders als die alten Kriege.

Informationen sind ein wesentlicher Bestandteil von Konflikten. Als Napoleon die Eroberung Italiens plante, brachte er folgerichtig zunächst das französische Telegrafen-Netzwerk „Semaphore“ auf den neusten Stand. Er prägte nicht nur die Worte von der „Armee, die auf ihrem Magen marschiere“, sondern wusste auch, dass eben diese Armee überhaupt nur auf Basis von Informationen agieren kann. „Mit Informationen meinen wir“, sekundierte von Clausewitz, „also jenes Wissen, das wir vom Gegner und seinen Landen besitzen, gleichsam die Basis aller unserer Ideen und Kriegshandlungen.“ Ob Radar, Computer, Satelliten, GPS-Systeme oder das Internet: All diese Erfindungen wurden daher vom Militär entwickelt.

Im Gegensatz zum konventionellen Krieg, wie man ihn damals kannte, ist die Kriegführung im heutigen Infokrieg viel umfassender, als es sich frühere Generationen jemals hätten erträumen lassen. Informationen wurden zu Waffen, weil sie für die Zielpersonen oder -nationen lebenswichtig geworden sind. Wer von der Ziffer lebt, kann auch an ihr sterben. So viel ist sicher. Wie aber haben wir uns eine solche makroskopische Transformation vorzustellen?

Eine populäre Theorie dazu stammt aus den 1980er-Jahren. Jean Baudrillards Buch „Simulacra & Simulation“ über das Verhältnis zwischen dem Realen und dem Symbolischen erschien 1981 und war später Pflichtlektüre für alle „Matrix“-Darsteller, da es im ersten der Filme auftaucht. „WarGames – Kriegsspiele“, ein amerikanischer Science-Fiction-Film zu Zeiten des Kalten Kriegs, wurde 1983 zum absoluten Kassenschlager. Beide – Baudrillard und „WarGames“ – suggerieren, dass wir die Bedeutung von Informationen in Konflikten unter den Aspekten der Simulation, der Virtualisierung und der Gamifizierung neu betrachten müssen. Das ist verständlich, führt aber in die Irre.

Im virtuellen Bett kann man nicht schlafen

Denken Sie an Ihr Bett. Da gibt es zunächst das tatsächliche Objekt, in dem Sie schlafen – definieren wir es als unser System. Es könnte sich aber auch um die bloße Vorstellung Ihres Betts handeln, wenn Sie beispielsweise im Büro sitzen und an Ihr heimeliges Bett denken – definieren wir dies als unser Modell. Wenn wir etwas für real halten, erwarten wir, dass System und Modell in korrekter Relation zueinander stehen. Falls nicht, machen wir Fehler und stolpern – um im Bild zu bleiben – über das Bett, weil wir dachten, es stünde an einer anderen Stelle.

Das Virtuelle schließlich ist zwar nicht real, aber auch nicht per se falsch. Es ist vielmehr ein Modell ohne dazugehöriges System. Der Ingenieur, der ein Bett ersinnt, arbeitet zum Beispiel mit einem Modell, das so noch nicht besteht; es ist ein virtuelles Bett – wie ein Schatten ohne Gegenstand, der ihn wirft. Man weiß, dass das Bett virtuell ist, da man nicht in ihm schlafen kann.

Diese Entkopplung funktioniert in beide Richtungen. Es gibt also auch den gegensätzlichen Fall: Anstatt eines Modells ohne System haben wir dann ein System ohne Modell. Dies ist so, wenn das Darstellbare nicht dargestellt wird; ein Objekt, das keinen Schatten wirft – wie Peter Pan. Da es kein Wort für so etwas gibt, lassen Sie uns das Adjektiv latent zu seiner Beschreibung verwenden, was in seiner ursprünglichen lateinischen Bedeutung „verborgen“ oder „unbekannt“ meint. Alles in der Welt ist somit entweder real (System + Modell), virtuell (nur das Modell) oder eben latent (nur das System) – und die Welt ist voller latenter Dinge, voller Systeme, die unter der Reizschwelle des Beobachtbaren verbleiben. Die Tätigkeit der NSA war zum Beispiel latent, bevor Edward Snowden sie publik machte. Erst dann wurden sie real für uns alle.

Weniger real – nicht weniger gefährlich

Zurück zur Kriegführung im Infokrieg. In der Vergangenheit war Krieg immer real im Sinne eines Modells mit korrespondierendem System. Real wie das Bett, in dem wir schlafen. Die harsche Realität des Kriegs ging unabänderlich einher mit ihrem informationellen Schatten: Menschliche Schreie, der Geruch von Pferden, tönende Trompeten, das Stakkato der Maschinengewehre, das hohe Pfeifen fallender Bomben, der Geruch von Napalm, Furchen ziehende Panzerketten.

In den 1980er-Jahren verleitete uns digitaler Konsumismus für kurze Zeit zu dem Irrglauben, Krieg könne von der Öffentlichkeit virtuell erlebt werden, als Übertragung oder Computerspiel – fernab jeglicher realer Vorgänge. Wie Schatten ohne Objekte, reine Simulacra, um mit Baudrillard zu sprechen. Folglich argumentierte der Philosoph in seinem 1991 erschienenen „The Gulf War Did Not Take Place“, dass die Hightech-Kriegführung seitens der USA im Golfkrieg den Konflikt in bloße Propaganda transformiert hätte, in eine massenmediale Erfahrung. Krieg als Event statt Realität.

Diese Analyse war insofern korrekt, da sie eine Veränderung ausmachte und diese in der Entkopplung von System und Modell fand. Sie lag allerdings auch falsch, da sie das Modell als neues Schlachtfeld ausmachte. Der globale Infokrieg ist aber nicht virtuell, sondern latent – er ist ein Krieg ohne Schatten. Wir hören und sehen ihn nicht und dennoch findet er statt und kann jeden treffen.

Konflikte in und um die Infosphäre – also auch Handels-, Patent- und Marketingkriege – sind zunehmend weniger real und virtuell, dafür aber latent. Sie werden dadurch nicht weniger gefährlich und sinnlos, aber man benötigt spezielle Aufmerksamkeit, um sie überhaupt wahrzunehmen. Um sie zu verhindern, müssen wir ganz besonders auf der Hut sein.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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