Bei mir bist du schön

von Louisa Löwenstein14.04.2011Gesellschaft & Kultur

Oh komm doch, komm zu mir, komm gib mir deine Hand … Dafür, dass Deutsch eine so grausame Sprache sein soll, haben sich ihrer erstaunlich viele englischsprachige Musiker bedient.

Auf Toytown Germany – Germany’s Englisch Speaking Crowd, einer Website mit gar nicht unansehnlich vielen Anhängern und Lesern, bin ich soeben über einen bereits drei Jahre alten Post gestolpert: „Should singing in German be forbidden? Doesn’t it always sound awful?“ Angesichts Heintje und Hansi Hinterseer eine nicht ganz unberechtigte Frage. Die erste Antwort: „Eins, Zwo, Drei! Oberkörper frei! What’s wrong with that?“ beweist auch nicht unbedingt das Gegenteil. Über vier Seiten findet kaum jemand aus der _english speaking crowd_ ein freundliches Wort zur deutschsprachigen Gesangskunst. Selbst „Stille Nacht, Heilige Nacht“ werde im Original (Deutsch) als Ohrenschmerz empfunden.

Unterm Strich

Würde man das Musikantenstadl, Berliner Gangsta-Rapper und jede Après-Ski-Hütte abfackeln, finde ich, bleibt unterm Strich doch viel Brauchbares übrig. Viel bedenklicher ist Lena Meyer-Landruth, die sich irgendwo zwischen Hannover und Oslo einen englischen Akzent angeeignet hat, der jedem Briten die Nägel aufrollt. Dennoch ist die Eurovisionärin momentan einer unserer am besten laufenden Musikexporte, nebst Rammstein und Tokio Hotel. Letzte waren im Ausland sogar bereits erfolgreich, als „Through The Monsoon“ noch „ Durch den Monsun“ hieß. Die „New York Post“ nannte sie damals “New Kids on The Rock”, was immer das heißen mag. Damit stehen sie in einer Reihe mit Scooter, die auf Englisch die prägenden Worte „How much is the fish“ sangen, Nenas „99 Luftballons, Falcos „Der Kommissar“ und nicht zuletzt DADADA von Trio. Außerdem erfüllt es mich jedesmal mit Patriotismus und Stolz für die deutsche Sprache, wenn mir auf der Oranienburger Straße in Berlin ein Haufen besoffener Engländer „1, 2, Polizei …“ darbietet. Zudem mussten wir dafür mit Roy Black und Roger Whittaker leben.

Guttural groaning

Es herrscht also ein reger und gesunder Austausch an musikalischen Delikatessen zwischen deutschsprachigen Ländern und der Welt. Viel interessanter aber als die Herkunft(Schuld-)frage von Roger Whittaker ist das Bedürfnis fremdsprachiger Musiker, sich in unserem, ich zitiere Toytown Germany, „guttural groaning“ zu versuchen. Die Beatles produzierten nicht nur einige ihrer Songs in Deutschland, sie sangen sie auch hingebungsvoll in unserer Sprache. „Komm, gieb miir deinei Hand“ „Sie liebt dig“. Schöiner kann es gar nigt sein. Mehr noch als nur Produktionserfahrung sammelte David Bowie in Deutschland. 1976 zog er gemeinsam mit Iggy Pop nach West-Berlin oder, in seinen Worten, in die „Welthauptstadt des Heroin“. Hier nahm er in zwei Jahren nicht nur zwei Alben, sondern auch eine deutsche Version von Heroes (Helden) auf.

Musidenn

Elvis Presley, der während seines Aufenthaltes mit der amerikanischen Armee in Deutschland 1958 bis 1960 beachtlich viele Anneliesels und Gretels um den Schlaf brachte, erreichte hier dennoch nie ähnlich massenhysterische Teenieaufläufe wie er sie aus den USA gewohnt war. In Deutschland galt er eher als perfekter Schwiegersohn und potenzieller Ehemann. Um so mehr Hoffnungen auf den American Dream Boy zerbrachen, als er nach zwei Jahren wieder zum Städtele hinaus ziehen musste. Einige Jahre vorher fand auch Johnny Cash seine Inspiration auf der deutschen Militärstation. „Viel zu spät, wie so oft im Leben, hab ich es bereut“, „besser so Jenny-Joe besser so, irgendwann kommt dein Amigo wieder“.

Bei mir bist du schön

1937 stand das jiddische Lied „Bei Mir Bistu Shein“ Pate für den Swingsong „Bei mir bist du schön“. Nebst 76 weiteren, bis auf Nina Hagen nicht deutschsprachigen Musikern, interpretierte auch Ella Fitzgerald den Klassiker. „Bei mir bist du schöin, means that you’re grand“. Unter jüngsten Musikwerken habe ich allerdings nur eine Spur deutscher Sprache in englischen Songs finden können. Nick McCarthy, Gitarrist der schottischen Band Franz Ferdinand, wuchs, trotz englischer Herkunft, in Bayern auf und gilt mit ziemlicher Sicherheit als Urheber der deutschen Version von „Tell Her Tonight“und des Satzes „Ich heiße superfantastisch! Ich trinke Schampus mit Lachsfisch!“ in „Darts Of Pleasure“ Da sich also Justin Bieber noch nicht zu einem deutschen Duett mit Tokio Hotel hat hinreißen lassen, scheint es, _guttural groaning_ habe im internationalen Popgeschehen an Beliebtheit verloren. Ein Zustand, den es aus der Welt zu räumen gilt, wie ich finde.

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