Who killed the Radiostar?

von Louisa Löwenstein24.02.2011Gesellschaft & Kultur

Ich besitze kein Radio. Ja, liebe GEZ, ich besitze kein Radio und würde ich eines besitzen, würde ich keinen Cent dafür bezahlen.

Die größten Hits der Achtziger, Neunziger und das Beste von heute, sprich Eye of the Tiger, Shania Twain und Justin Bieber, killed the radio star. Vor einigen Wochen habe ich angesagt, nicht den geringsten Anspruch auf musikalische Vollständigkeit zu erheben, sondern mich ausschließlich auf meinen persönlichen Geschmack zu konzentrieren. Da dieser nicht alle, aber doch den Großteil, der Top 10 ausschließt, hoffte ich, hier einige Namen niemals nennen zu müssen. Am Samstag jedoch, durfte ich mit dem Auto einer Freundin meine kleine Schwester vom Flughafen abholen. Diesem Wagen mangelte es nebst eines funktionierenden zweiten Ganges an jeglichen Möglichkeiten, eigene Musik abzuspielen. Ich war also entweder dazu verdammt, mich vom Leiern der Räder und dem sprotzelnden Motor in Todesangst versetzen oder diese unheilvollen Geräusche im Radiolärm untergehen zu lassen. Justin Bieber und Lady Gaga sind, wie ich feststellen musste, nur die Spitze des Eisbergs (ich dachte bis zu diesem Zeitpunkt übrigens, Herr Bieber sei ein Schauspieler). Unter der Oberfläche des Grauens wabern Lieder, die ich und jeder Dreijährige im Besitz eines Keyboards und minimaler verbaler Fähigkeiten zustande bringen könnten – und damit meine ich nicht Justin Bieber.

Ein wenig, als würde man Guttenbergs Dissertation zitieren

Auch wenn ein monotoner Elektrobeat mit gelegentlichem Einwurf des Namens einer amerikanischen Schauspielerin und Schwulenikone zuweilen noch für Unterhaltung sorgen kann, ist auch dies ein weiterer Sargnagel des globalen Musikgeschmacks. Ein Trend scheint zudem zu sein, bereits in den 90ern schon mäßig begabte Musiker mit eigenen Kreationen zu vermischen (Dr. Alban). Ein wenig, als würde man Guttenbergs Dissertation zitieren. (Der Milli Vanilli der deutschen Politik – Entschuldigung, der musste sein.) Dank dem Wunder der Evolution, das den Menschen gelehrt hat, Schmerz zu vergessen, habe ich leider keine Ahnung mehr, um welche Songs es sich genau handelt. Mir schien aber, ich sei in dieser Stunde der Verzweiflung zwischen Berlin und Tempelhof vermehrt Zeuge einer dilettantischen Zwangsehe zwischen Gangster–Rap, Soul und Hip-Hop geworden. Mit einer Kastratenstimme, die einem die Fingernägel aufrollt, wurde hier im Detail erklärt, was genau der junge Eunuch mit der Dame seiner Wahl im Bett anzustellen gedenke. Wenn man schon all diese Schweinereien loswerden muss, dann tue man dies doch bitte wenigstens in einer annähernd männlichen Stimmlage. Wehmütig musste ich feststellen, dass damals Trash wenigstens noch lustig war und ich mir ein Bein ausgerissen hätte, um in diesem Moment nicht im Auto, sondern in der ersten Reihe von David Hasselhoff aka „The Hoff“ hätte stehen können, der für seine legendäre Europatour (denn nur hier weiß man, wer er ist) Burger und Flasche beiseite gelegt hat, um uns mit seiner Auferstehung zu beglücken. Diesen Samstag war er in Berlin, trotz seiner anhaltenden Entrüstung darüber, zum 20. Geburtstag des Mauerfalls nicht namentlich gedankt bekommen zu haben. Schließlich hatte The Hoff, wie wir alle besser als jedes Geschichtsbuch wissen, damals mit seinem legendären Konzert in Westberlin und seinen Klängen der Freiheit die Mauer ein wenig mit nieder gerissen – „I’ve been looking for Freedom“ sei der Katalysator des 9. November 1989 gewesen, so The Hoff. Bevor ich die Kurve nicht kriege, schnell weg von schlechter Musik, hin zu den großartigen Dingen, die ich in den letzten Wochen habe live hören dürfen. Ich war ein wenig geschockt, dass The Cold War Kids trotz ihres geschichtsträchtigen Namens keinen geringen Schimmer hatten, was gerade in Ägypten vonstattenging. The European: „Was halten Sie von Ägypten im Moment? Schade, dass Musik in modernen Revolutionen kaum eine Rolle spielt, nicht wahr?“ CWK: „Ja, es ist schrecklich, was dort passiert – ich mag es nicht, wenn sich Menschen wehtun.“ (???) Aber vielleicht muss sich eine so großartige Band, und dies stellten sie anschließend im Konzert zweifelsfrei unter Beweis, mit einem noch großartigeren neuen Album Mine is Yours, auch nicht politisch interessieren? Außerdem fand Bassist Matt Maust, meine Hose sei die schönste, die er seit Langem gesehen habe. Also, eh alles wieder gut! Das neue Album ist, was einige sicher schade finden werden, ein wenig leichter zugänglich für die Masse, weniger hart als die vorherigen. Ich habe auch Loyalty to Loyalty und Robbers&Cowards geliebt. Mine is Yours ist anders, vielleicht sogar kitschiger aber dennoch wunderbar! Genauso begeistert war ich von den Schweden Peter, Bjorn and John, die mit einer unglaublich enthusiastischen Show ihr neues Album Gimme Some eingeläutet haben. Selten habe ich eine Band gesehen, die mit so viel Freude jeden Millimeter der Bühne und das gesamte Publikum einnimmt. Mit viel mehr Rock als Indie, wie es dann leider auf dem tatsächlichen Album ausgefallen ist.

James Blunt uncool zu finden ist uncool

Auch wenn meine Hipster-Freunde mich darauf hingewiesen haben, dass es mittlerweile schon wieder uncool ist, James Blunt uncool zu finden, habe ich mir nicht nehmen lassen, PB&J den Kopf zu waschen, weil sie James Blunt erlaubt haben, ihr Lied Young Folks zu covern. Wenigstens Peter ist meiner Meinung, sagt aber zum einen (was ich nie anders behauptet habe), James Blunt sei besonders nett. Zum anderen hätten sie keine Entscheidungskraft, wenn es an Covers geht – entschuldigt. Live leider ein wenig enttäuschend, weil unsicher, aber mit zunehmender Selbstsicherheit zu später Stunde immer besser werdend, war die nigerianische Soul-Funk-Sängerin Asa. Das Album lohnt es sich aber auf jeden Fall anzuhören. Ganz zum Schluss meine beste Neuentdeckung, Nathaniel Rateliff. Der Amerikaner war neun Jahre Trucker, bis ihm auffiel, „dass das nirgendwo hinführte“ (aha), also wurde er Gärtner, um mehr Zeit für Musik zu haben. Gott sei Dank! Zweimal PS: 1. Gerade habe ich mir “Pina”, den neuen Wim-Wenders-Film angesehen. Für jeden, dem Tanz nicht ganz fern liegt: ein großartiger Film mit einem wunderbaren Soundtrack. 2. Neben mir haben gerade vier amerikanische Backpacker angefangen “Wonderwall” zu singen, muss ich etwas unternehmen?

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