Nordic by Nature

von Louisa Löwenstein27.01.2011Gesellschaft & Kultur

Neben sehr – sagen wir – speziellen Bands wie Abba kommt bemerkenswerte Musik aus den Gebieten oberhalb von Kiel. Wie sich bei so guter Musik alle umbringen können, kann unsere Kolumnistin nicht verstehen.

Dass Ace of Base auch mich schon in jungen Jahren zu gymnastischen Verrenkungen bei Chips-Cola-Partys in Gemeindeturnhallen verführt hat, habe ich ja bereits zugegeben. Und auch wenn ich diese Leiche letzte Woche gern aus dem Keller geholt habe, um meine für manche vielleicht fragwürdige Berufung zur Musikkolumnistin zu relativieren, verfolgt sie mich jetzt. Ace of Base ist nämlich tatsächlich wieder da. “I saw the sign and didn’t open up my eyes.“ Wie auch Fools Garden und Take That haben sie lange an ihrem Comeback aus der Hölle geschneidert. Um einige Falten, OPs und keine Unze Talent reicher, treten sie also wieder als Botschafter der nordischen Musik auf.

Mit viel Humor hatten selbst Roxette ihre Sternstunden

Gott sei’s gelobt sind sie aber nicht die Einzigen. Ganz im Gegenteil entzücken nordische Bands abseits von Ace Of Base schon seit Jahrzehnten. Zugegeben, auch wenn selbst Roxette mit viel Humor ihre Sternstunden hatten und Musikkritiker Abba gern als unantastbar erklären, sind diese leider von jeglicher Entzückung ausgenommen. Selbst Meryl Streep kann “Mamma Mia” nicht erträglich machen. Auch HIM und The Cardigans halten meine Begeisterung eher in Schach. Doch gerade in den letzten Jahren haben sich einige nordische Bands auf meiner Meist-gehört-Liste platziert, die, wie ich finde, niemand missen sollte. Tatsächlich habe ich nach einigen aussichtslosen Versuchen, meinen weisen Eltern ein Tote-Hosen-Konzert abzuschwatzen, und nachdem ich nur knapp einer Tic-Tac-Toe-Show entgangen bin, mein erstes Konzert erst mit 18 erlebt – Kashmir. Diese dänische Band begann Anfang der 90er unter dem großartigen Namen Nirvana Musik zu machen, nur um kurze Zeit später festzustellen, dass in Amerika angeblich eine gleichnamige Band zur gleichen Zeit unvergleichlich mehr Erfolg hatte. Man ließ also den Namen fallen und entschied sich für einen noch, diesmal ihrerseits unvergleichlich, besseren. Kashmir eben, nach einem hochgesteckten Song-Vorbild von Led Zepplin. Zwei Jahre, nachdem ich mich in der zweiten Reihe stehend in den vollbärtigen Leadsänger Caspar verliebt hatte, hatten sie auf ihrem Album “No Balance Palace” bereits Songs mit Lou Reed und David Bowie aufgenommen. In den folgenden Jahren hätte ich meine mehr oder weniger erfolgreichen Anstalten, mich bei Kashmir hinter die Bühne zu mogeln, lieber sein lassen. Gerade haben sie ein Konzert in Berlin gegeben. “Lassen Sie mich rein, ich bin Musikjournalistin fragwürdiger Kredibilität“, hätte wohl, selbst Jahre später, kaum etwas bewegt. Stattdessen habe ich also die siebenköpfige isländischen Band Seabear getroffen. Deren Gründer, Sänger und Frontman Sindri Sigfússon, schaut ein wenig aus wie ein Zwölfjähriger, der Zeit seines Lebens wach war. Und auch seine Musik hört sich, ganz besonders gut gemeint, genau so an. Am liebsten hätte er mal ein Konzert für Astrid Lindgren gespielt und war ganz begeistert, dass Seabear auf Deutsch tatsächlich eine Bedeutung hat. Seabear auf Englisch heißt nämlich rein gar nichts. (Interview)

“Please come back to the quiet generation“

Direkt nach diesem Konzert musste ich, die Beine unter den Armen, einige Blocks sprinten, um noch die letzte Hälfte von Teitur zu hören. Mit Louis Louis ruft der Färinger (Dänemark) Louis Armstrong dazu auf zurückzukommen, um uns von der heutigen Chart-Knechtschaft zu befreien. “Louis, Louis, The stage is aching for one. Please come back to the quiet generation. We don’t have any representation.” Teitur selbst erzielte seine höchsten Verkaufszahlen sehr unerwartet mit einem Album in seiner Muttersprache Faröisch (oder so). In unserem Interview holte auch er eine Leiche aus dem Keller, eine mir unangenehm bekannte. Außerdem und zu guter Letzt rate ich dringendst dazu, sich die schwedische Band Miike Snow anzuhören. Und vielleicht auch The Amplifetes, die ich gestern entdeckt habe. Die ebenfalls beiden schwedischen Bands Peter Bjorn and John und Friska Viljor gehen übrigens beide im Februar in Deutschland auf Tour. Und noch eine Landsmännin, die wunderbare Lykke Li im April!

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