Musikdiktat

von Louisa Löwenstein20.01.2011Gesellschaft & Kultur

Jazz, Funk, Rock, Klassik, Pop, Elektro, Hip-Hop, alles … außer James Blunt. Unsere Kolumnistin wird ein hartes, aber faires Regime führen und in jede Musikrichtung richten. Selbst mit ein paar eigenen Leichen im Keller.

An dieser Stelle wäre es natürlich schön gewesen, mit “Hören Sie“ beginnen zu können. Diese Worte belegt jedoch ärgerlicherweise bereits mein Kollege David Baum, mit dem ich mir von heute an den Donnerstag teilen darf. Ein bisschen mit dem Hintergedanken, dass am Donnerstag zwar noch alle am Computer sitzen, aber niemand mehr ernsthaft daran denkt zu arbeiten. Und in der Hoffnung, vorerst die Krümel von Baums berüchtigtem Ruhm aufzusammeln. Der einzige Kevinismus, der mich jedoch derzeitig beschäftigt, ist die offensichtlich genetisch bedingte poetische Abgründigkeit der Bacon Brothers (“where did she get that body, what she got on that ipod, that gives her hips that swing“??), die momentan in Europa touren. Auf das fragwürdige Bedürfnis von Hollywoodstars, sich musikalisch Gehör zu verschaffen, werde ich ein andermal eingehen müssen.

Ich habe einen exzellenten Musikgeschmack

Denn heute ist vor allem wichtig, dass Sie zwei Dinge wissen. Zum einen, ich habe einen exzellenten Musikgeschmack und habe mich nie eines anderen belehren lassen. Zum anderen finde ich aber sehr wohl, jeder Mensch sollte sich in diesem Bereich getrost von mir belehren lassen. Drittens vielleicht noch, dass ich James Blunt gerne die Stimmbänder mit seiner Zunge verknoten würde. Die Verbreitung dieser Wahrheiten ist bei meinen Freunden und meiner Familie bereits entweder gefruchtet oder kläglich gescheitert. In jedem Fall hört man mir nicht mehr zu, was meine Mission nun hierher führt … Denn „One day baby we’ll be old and think of all the stories that we could have told“. Ich sollte an dieser Stelle vielleicht zugeben, dass ich selbstverständlich mit 14 ein großer Ärzte-Fan war, zu “Alles nur weil ich dich liebe“ geheult und ein lebensgroßes Poster von Jon Bon Jovi über meinem Bett angeschmachtet habe. Außerdem hatte ich einen eigenen Tanz zu “The Sign“ von Ace of Base choreographiert und hielt mich für unglaublich musikverständig, weil ich Take That zu cheesy fand. Später hörte ich dann in Baggy-Hosen und Adidas Superstars mit Fat Lashes (in verschiedenen Farben) das Tupac-Memorial-Album hoch und runter und konnte mich nicht zwischen East Coast und West Coast entscheiden. Viel später habe ich eine beachtliche Zeit lang viel Energie damit verschwendet, bei Abendessen in Berlin-Mitte zu sitzen und mit Menschen hinter lächerlich großen Hornbrillen zur Vorspeise darüber zu diskutieren, ob Bob Dylan gut daran getan hätte, heute bereits tot zu sein. Zum Hauptgang wurden Bands aufgezählt, die mittlerweile so kommerziell seien, dass man sie nun eigentlich nicht mehr hören dürfe, und zum Nachtisch beteuerten alle, im falschen Jahrzehnt geboren zu sein. Heute kann ich es Gott sei Dank nicht mehr ertragen, wenn solche Leute bei einem Konzert vor mir stehend von Anfang bis Ende so schauen, als wäre die Band eine Zumutung, nur um anschließend immer noch leicht gelangweilt “großartig“ zu nuscheln.

Gnädige, genervte Blicke

Besonders komisch wird es dann, wenn selbst die Band dieses Talent perfektioniert. Alle 20 Minuten wird der Menge gnädig ein genervter Blick geschenkt, der sich mit Verachtung tränkt, wenn auch nur einer der zahlenden Zuschauer wagt, um eine Zugabe zu bitten. Der Sänger von The Coral, die ich im November in Berlin gesehen habe und die eigentlich keine schlechte Band sind, hat genau zweimal während seines Konzerts den Kopf gehoben – um sich die Haare zu richten. Das ist das Schöne an dieser Kolumne. Nicht nur gehe ich jede Woche auf etliche Konzerte, bekomme haufenweise Promo-CDs zugeschickt, kann unglaublich wichtig im Backstagebereich verschwinden, sondern auch die Diktatur meines Geschmacks ausüben, im Positiven und Negativen. Watch out, James Blunt. Eines steht meinem Größenwahn aber noch im Wege. Glückliche Leser aus Österreich werden das Problem nicht kennen, wir in Deutschland leben jedoch unter der Knute der Gema und mit dem Youtube-Hinweis, dieses Video sei “in Deutschland nicht verfügbar“. Das ist nicht ganz wahr! Zwar bin ich mir nicht wirklich sicher, ob die Befolgung des kommenden Tipps ausschließlich legal ist (wahrscheinlich eher nicht), und ich schwöre, keine Ahnung zu haben, wofür er sonst verwendet werden kann. Aber angeblich, hat ein entfernter Bekannter von mir gesagt, könne man diese leidige Sperre mit dem Download eines Hotspot Shields sehr einfach beseitigen. Aber ich habe, wie gesagt, keine Ahnung, wovon ich spreche und wo man so etwas möglicherweise herbekommen könnte (Google!). Bevor Sie aber aus freiem Willen und unbekannter Motivation dieses Tool herunterladen, möchte ich diese Woche mit nur einem Musiktipp ohne großes Apropos abschließen. Eine der großartigsten Bands der letzten zehn Jahre, wie ich finde, die zeigt, wir sind im richtigen Jahrzehnt geboren: The Devil Makes Three. Hören Sie!

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