Sein Pläsierchen

von Louisa Löwenstein10.03.2011Gesellschaft & Kultur

Nicht jeder Musiker sollte seinen Beruf ausüben, selbst als Hobby ist manchem sogar lieber abzuraten. Doch jede Musikart hat irgendwie ihre Berechtigung und wenn man es so aufrollt, finden sich auch viele Musiker, die es bleiben sollten.

Vorige Woche habe ich ob der Behauptung, Rammstein sei für mich keine Musik, einige Rüffel einstecken müssen. Ich kann nicht umhin, ein wenig darauf einzugehen. Zum einen will ich diesen Moment nutzen, um noch einmal festzustellen, dass ich keine sonderliche Berechtigung besitze, hier jede Woche meinen Senf zu musikalischen Kuriositäten abzugeben. Weder habe ich in kontemporärer Popmusik graduiert, noch jemals den Nobelpreis für außerordentliche Kenntnisse der größten Hits der Achtziger, Neunziger und dem Besten von heute verliehen bekommen und bin zudem meilenweit von meinem persönlichen Ziel, dem „American Award for singing along with every one-hit wonder there ever was“ entfernt. Ich liebe Musik, höre sie sicher fünf Stunden am Tag, und wenn man mich darüber schreiben lässt, sage ich ja, ungeachtet möglicher fehlender Kompetenzen. Dies ist eine Qualität, die ich mit vielen Kollegen aus dem Politik- und Kultursektor teile. Zu Rammstein sei gesagt, ich kann mich einfach nicht mit Hardcore-Rock anfreunden (sicherlich provoziert dieses Label nun Proteststürme, da Rammstein irgendeiner außergewöhnlichen Musikrichtung angehört, von der ich niemals etwas gehört habe). Ich habe Hardrock versucht, wir waren ein paarmal essen, hatten sogar einige Gemeinsamkeiten. Aber am Ende hat es nicht gefunkt, es hat nicht sollen sein und ich bin zu meinem depressiven Indie-Rock zurückgekehrt.

Jedem Tierchen …

Bei Weitem nicht jeder Musiker hat die Berechtigung, sich seines oft verschätzenden Talents zu bedienen, aber ich glaube schon, dass jede Musikrichtung etwas an sich hat – selbst Jesuslatschen-Panflötenmusik und Hardrock – auch wenn ich nichts damit anfangen kann. Ich werde sicher nicht beginnen, hinter jedem Musiker, den ich hier ausbuhe, in einer Klammer darauf hinzuweisen, dass ich keine Intention hege, persönliche Musikgeschmäcker (ist das ein Wort?) zu beleidigen oder gar zu diskriminieren und dies lediglich meiner eigenen, im musikalischen Universum nichtigen Meinung entspricht. Aber, ich möchte um Verzeihung bitten, dass tatsächlich ein Großteil meiner Musikempfehlungen stark in die Indie-Rock-Richtung gingen. Das ist wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass hier in Berlin ein Überangebot solcher Musik herrscht und ich mich im Taumel freier CDs und Konzertkarten verloren habe. Nichtsdestoweniger ist es ein untragbarer Zustand, so viele großartige Musikrichtungen unerwähnt zu lassen. Seit ich zum Beispiel John Coltranes Album Blue Trainin der neunten Klasse von meinem besten Freund geschenkt bekam, liebe ich Jazz (und jeden zweiten Saxofonisten, den ich zu hören bekomme). Mit meinem Wunsch nach Play That Funky Music von den Wild Cherrys quäle ich jeden DJ, am liebsten wäre ich vor fünf Jahren mit hinter dem Sarg der Soullegende James Brown durch Harlem gezogen und wer, wenn nicht Ray Charles wusste schon immer „The Night Time Is The Right Time“? Wenn wir es von Funk und Soul haben, darf ich Jamie Lidell nicht vergessen, der letztes Jahr auf dem Melt-Festival zwischen fast ausschließlich Elektromusikern Tausende von tellergroßen Pupillen zum Kreisen gebracht hat. Aber auch Elektromusik liebe ich. Hauptsächlich beim Ausgehen und manchmal, wenn ich beim Autofahren durch Berlin das Fenster runterkurbeln will. Außer, dass ich „Berlin Calling“ gesehen habe, und den ohrenscheinlichen Unterschied zwischen, sagen wir Tiefschwarz und I’m Blue dabadidabdei höre, habe ich aber keine weiter erwähnenswerte Ahnung von elektronischer Musik.

I said a hip hop, hippie to the hippie, the hip, hip a hop

Hip-Hop hat mich auf einem etwa zweijährigen Lebensintervall begleitet, den ich heute lieber vergessen will, auch wenn ich nach wie vor das 2Pac-Memorial-Album von damals höre. Auch deutsche Rapkunst wie Blumentopf und die Absoluten Beginner hüte ich seit ich vierzehn bin ununterbrochen in meiner CD-Sammlung, die gleichzeitig nicht mehr Heimat einiger Bravo-Hits ist. Ihren Platz hat er zwar noch nicht eingenommen, aber ganz ab und zu höre ich im Moment auch einmal Chali 2na. Nun ist der Moment gekommen, schwarz auf weiß Zeugnis abzulegen darüber, dass ich gelegentlich meine Nachbarn damit malträtiere „Just The Two Of Us“ von Bill Withers aufzudrehen und herzzerreißend (schief) mitzusingen. Das Ganze kröne ich mit einer hingebungsvollen Interpretation von „You Are The Apple Of My Eye“ von Stevie Wonder und jetzt kommt’s: „Stuck On You“ von Lionel Richie. Nichts davon reicht aus, mir Satisfaction für die stümperhaften Klavierspielversuche aus der Wohnung über mir zu geben.

und, und, und

Ein ähnliches Szenario lässt sich außerdem unter Einfluss von Dean Martin, Van Morrison, Soha, JJ Cale, Marla Glen, David Bowie, Falco, The Fugees, Aretha Franklin und unzählig vielen anderen vorstellen. Nach Unfällen, schlechten Noten und gemeinen Chefs, empfehle ich ein wenig „I got knocked down but I got up again“ dazu eine Brise „Sunny side of the street“ und eine ganze Portion des Oh Brother where art thou Soundtracks. Möchte man einen theatralischen aber nicht kindischen Abgang zelebrieren, wie beispielsweise nach einer Trennung den Koffer packen, sei empfohlen, sich von Mozarts Jupiter Symphonie begleiten zu lassen. Zur klassischen Musik möchte ich abschließend einen längst überfälligen Applaus von mir geben. Vor einigen Wochen war ich in einem Konzert in der Berliner Philharmonie. „Mini Mahler“ nannte sich die Veranstaltung, in der ein siebenköpfiges internationales Ensemble junger Musiker Stücke von Gustav Mahler und Arnold Schönberg spielte, zwei Komponisten, denen ich bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte – zu Unrecht. Wie mir nicht bewusst war, befinden wir uns 2010 und 2011 in den Mahler-Schönberg-Jahren, was uns bald weitere Konzerte des Septetts einbringen wird. Ich werde zu gegebener Zeit kundtun wann, denn das letzte Konzert war trotz einer großartigen Darstellung erschreckend mager besucht.

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