Killing me softly

von Louisa Löwenstein7.04.2011Gesellschaft & Kultur

Ian Curtis hat sich mit einer Wäscheleine erhängt, Jeff Buckley ist im Mississippi ertrunken und Falco kam betrunken aus einer Touristendisko, als er sich totfuhr. Der Mythos ist ihnen sicher, aber ein paar Jahre mehr wären doch auch schön gewesen.

Als ihn am 10. April 1994 ein Elektriker in seinem Haus am Lake Washington fand, war er bereits über zehn Tage vermisst. Unter dem Vorwand, eine Zigarette rauchen zu wollen, war er über den Zaun seiner Entzugsklinik in L. A. und in ein Taxi gestiegen. Im Flugzeug kam er zufällig neben Duff McKagan von Guns N’ Roses zu sitzen. Dieser sollte später behaupten, er habe mit all seinen Sinnen gespürt, dass etwas nicht in Ordnung sei. Zehn Tage später erschoss sich Kurt Cobain nach bereits mehreren gescheiterten Suizidversuchen. Der Sänger von Nirvana hat damit nicht nur sich und seiner Band zu zweifelhaftem Ruhm verholfen, auch seine Frau, die dem Tod selbst immer wieder von der Schippe fällt, zehrt nach wie vor vom Mythos Cobain.

„Muss ich denn sterben um zu leben“

Das Gleiche gilt beispielsweise für Falco, der 1998 mit Koks und Alkohol im Blut vor der „Turistic Disco“ in der Dominikanischen Republik in einen Reisebus fuhr. Die Strophe „muss ich den sterben um zu leben“ aus dem Song „Out Of The Dark“ wurde anschließend über Jahre weltverschwörerisch analysiert. Eine andere sehr beliebte Verschwörung ist nach wie vor die einer einsamen Insel, auf der Elvis, Falco und Bob Marley, der übrigens einigermaßen natürlich an Krebs starb, Skat spielen und Mojitos trinken. Seit Neustem spielen sie Rommé, das kann man zu viert spielen und keiner will Michael Jackson die Skat-Regeln erklären müssen. Gibt es aber tatsächlich eine solche Insel, und ich möchte gerne daran glauben, muss es dort langsam eng werden. Auch wenn sich Gestalten wie Simon and Garfunkel und die gesamte Besatzung der Rolling Stones weigern umzusiedeln, gibt es genug andere Kandidaten. Ein wenig Recherche zeigt, Musiker sein ist unglaublich gefährlich. Neben den gelegentlichen East Coast/West Coast Hip-Hop-Opfern wie Tupac Shakur und den obligatorischen Überdosierten, gibt es vor allem erstaunlich viele Mordopfer unter Musikern. John Lennon ist selbstverständlich einer der bekanntesten Fälle. Am 8. Dezember wurde er von Mark David Chapman in Anwesenheit von Yoko Ono erschossen. Während Lennon auf den Stufen des Dakota-Gebäudes 80 Prozent seines Blutes verlor, lehnte sich sein Mörder gegen eine Säule und las den „Fänger im Roggen“. Die Polizei fand später in Chapmans Hotelzimmer eine Bibel, „Gospel According to John“ stand auf dem Einband, erweitert durch das mit Kugelschreiber daruntergekritzelte Wort „Lennon“. Auch der Soulsänger Sam Cooke wurde erschossen. Unter mysteriösen Umständen von Bertha Franklin, der Managerin des Hotels, in dem er eingecheckt hatte.

Mord aus Neid

Marvin Gaye fand allerdings weniger mysteriös durch die Hände seines eigenen Vaters den Tod. Dieser erschoss seinen Sohn am 1. April 1984, am Tag vor dessen 45. Geburtstag in der Folge eines Streits, der Spekulationen zufolge aus Neid rührte. Gaye Senior habe seinem Sohn dessen Ruhm nicht gegönnt, heißt es, und sei nie darüber hinweggekommen, selbst nicht erfolgreich gewesen zu sein. Wieder mysteriös, dafür aber nicht durch Fremdverschulden, kam Jeff Buckley 1997 ums Leben. Am Abend des 29. Mai sprang Buckley in voller Montur in den Wolf River Harbor, wo er bereits etliche Male geschwommen war. „Whole Lotta Love“ von Led Zepplin singend, entfernte er sich vom Steg, auf dem ein Musiker seiner Band Radio hörte. Als der nach ihm Ausschau hielt, war Buckley verschwunden. Fünf Tage später zog man seine Leiche aus dem Mississippi River. Im Unterschied zu vielen seiner Kollegen stellte sich bei der Obduktion heraus, dass Jeff Buckley vollständig nüchtern war. Nicht so Dennis Wilson von den Beach Boys, der mit Valium, Koks und Alkohol im Blut versuchte, persönliche Habseligkeiten aus einem Hafenbecken zu tauchen, in das er sie zuvor versenkt hatte. Um eine sonst nur Kriegsveteranen zugestandene Seebestattung für Wilsons Leichnam zu erreichen, musste ein Gefallen bei Ronald Reagan persönlich eingefordert werden.

Fly me to the moon

Neben überraschend vielen Ertrunkenen und Mordopfern, ist aber auch die Zahl der Flugzeugabstürze in der Musikszene verdächtig. Wir erinnern uns an die vor nun schon zehn Jahren gestorbene R&B-Sängerin Aaliyah, aber auch Jim Croce in den Siebzigern und fast zur gleichen Zeit Steve und Cassie Gaines von Lynyrd Skynyrd. Die Frage bleibt, ob es dem Mythos, dem Ruhm dient, vorzeitig auf die Insel zu ziehen. Ian Curtis, der Sänger von Joy Division, hatte mehrere Gründe, sich 1980, einen Tag vor ihrer Welttournee, das Leben zu nehmen. Neben einer eingereichten Scheidung durch seine Frau, seiner Flugangst (die, wie ich wohl eben bewiesen habe, berechtigt war) und seiner Epilepsie, konnte er vor allem nicht mit seinem Ruhm umgehen. Der verzehnfachte sich ironischerweise durch seinen frühen Tod. (Seine Noch-nicht-Ex-Frau ließ später „Love will tear us apart“ auf Curtis’ Grabstein meißeln.) Auch Freddie Mercurys Aids-Tod, der durch dessen Verschleierung seiner Krankheit für die Fans abrupt auftrat, formte den Mythos um Mercury und Queen. Andere Musiker, wie Bob Dylan, werden indessen oft schon für tot gehalten oder erklärt. Ihrem Mythos schadet das, ihrer Musik auch, wenn man sich die letzten Konzerte ansieht. Aber ob das wirklich schlimmer sein soll, als an seinem eigenen Erbrochenen zu ersticken wie Jimi Hendrix, oder wie Cass Elliot von The Mamas & The Papas nach fünf ausverkauften Konzerten alleine im Hotel einem Herzinfarkt zu erliegen, bezweifle ich.

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