Lauschangriff

von Louisa Löwenstein27.04.2011Gesellschaft & Kultur

Die meisten Menschen haben den Anstand, nur in ihren eigenen vier Wänden zu singen, denn die meisten können es nicht. Dies hat aber Generationen von schauerlichen Stimmen nicht hindern können. Allen voran Florence Foster Jenkins.

Die meisten von uns tun es. Im Auto, unter der Dusche, in der Küche. Selbstverständlich spreche ich von Mitsingen. Dem klassischen Duschgesang habe ich noch nie etwas abgewinnen können – die Akustik ist grausam und wenn man mit der erforderlichen Hingabe singt, bekommt man Schaum in den Mund. Beim Kochen hingegen und vor allem im Auto, singe ich mit größter Freude und Lautstärke mit. Vielmehr noch finde ich es äußerst beleidigend, wenn Mitfahrer sich erdreisten, sich dem Mitsingen zu enthalten. Schließlich singt man ungern alleine, wenn „Unbreak My Heart“ die Stimmbänder kitzelt. Eine Frechheit ist es, wenn also Radio Paradiso, eine wahre Schatzgrube solcher _Chord Teaser,_ läuft, man sich aber angestrengt in vermeintlich interessanten Gesprächen ergehen muss. Anstatt, wie es die Natur eigentlich will, den Kopf zurück zu werfen und „When you walked out the door And walked outta my life – Un-cry these teeeears“ zu wimmern. Ein geradezu physischer Schmerz, der sich fast so anfühlt, wie wenn auf dem Laufband plötzlich „Black Or White“ vorbeishuffelt. Jeder Muskel schreit danach, sich hier und jetzt mit einer Tanzeinlage zu blamieren, während man sich krampfhaft auf den Kalorienzähler zu konzentrieren versucht. Auch wenn also jeder, ob er es zugibt oder nicht, gelegentlich in den Kochlöffel, Fön, Duschkopf oder Autoäther grölt, haben die meisten von uns den Anstand, ihre Stimme eben nur in diesem privaten Umfeld erklingen zu lassen. Trotzdem ist die Theorie nicht ganz abwegig, dass eine miserable Stimme meist im Paket mit einem ebenso schlechten Gehör und übernatürlicher Hybris einhergeht. „Deutschland sucht den Superstar“ und das allsonntägliche Karaoke im Berliner Mauerpark sollten oft Beweis genug sein.

Fremdscham-Junkies

Eben dieses Paket bringt aber auch Fremdscham-Junkies auf den Plan, Menschen, die sich in der Pein anderer suhlen, vor allem wenn diese selbst es noch nicht einmal mitzubekommen scheinen. Anstatt mich heute aber über talentfreie Castingbands und James Blunts quäkiges Organ auszulassen, möchte ich eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte über die wohl schrecklichste Stimme und ihren unvergleichlich großen Erfolg. In einem Artikel von „The Daily Beast“ im Juli vorigen Jahres hieß es, ach so wahr: „In Zeiten, in denen talentlose Nobodies berühmt werden und zu, nach wie vor talentlosen, Somebodies werden, ist es Zeit, Florence Foster Jenkins zu gedenken, der Schutzheiligen dieses Genres.” Schon mehr als siebzig Jahre tot, sucht die Sängerin nach wie vor nach Ihresgleichen. Niemand, und das in der heutigen Popwelt, hat jemals so schrecklich gesungen und hat dabei sein eigenes Talent dermaßen fehlgeschätzt. Aber auch niemand tat dies mit so charmanter Überzeugung. Schon als Kind, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, verspürte Jenkins das Bedürfnis, zu singen und ihr Talent der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ebenso knauserig wie weise, weigerte sich jedoch ihr Vater, eine Gesangsausbildung zu finanzieren. Auch in ihrem späteren Ehemann fand sie weniger einen Unterstützer ihrer Kunst als vielmehr einen Realisten wie ihren Vater. Nachdem sie sich 1902 von ihrem Mann getrennt hatte und sechs Jahre später ihr wohlhabender Vater starb, waren zwei große Steine aus Jenkins Weg zum Erfolg geräumt. Die zwei einzigen Menschen, wie es schien, die den Anstand hatten, diesen zu versperren.

Eine Karriere beginnt

Mit dem geerbten Vermögen ihres Vaters nahm Florence von nun an Gesangsunterricht und arrangierte öffentliche Auftritte. Weder fehlender Rhythmus noch ihre schwache Stimme konnten das verhindern. Anders als jedoch von ihrer Familie (oder jedem Menschen mit der Gabe des Hörens) erwartet, wurde Florence Foster Jenkins zu einer Ikone. Für was sie genau stand, konnte weder damals noch heute jemand sagen, aber das Publikum liebte sie. Ob sie nun Mozarts Arie der Königin der Nacht vergewaltigte oder Verdis Erbe besudelte, die Hallen waren ausverkauft. Begleitet von ihrem treuen Manager und Lebensgefährten St. Clair Bayfield, gab sie seltene, doch regelmäßige Auftritte vor erlesenem Publikum. Auf vermehrte Anfragen hin, krönte sie schließlich ihre Karriere am 25. Oktober 1944 mit einem grausamen Konzert in der legendären Carnegie Hall in New York. Nicht nur war diese bis auf den letzten Platz ausverkauft, die Karten wurden selbst noch auf dem Schwarzmarkt für horrende Summen gehandelt. Das offensichtliche Gelächter aus den Rängen der Carnegie Hall sah die vollständig verblendete Sängerin damals als die Reaktion eifersüchtiger Neider.

Tod aus Gram

Dennoch gingen selbst an ihr die hämischen Kritiken und Beleidigungen nicht gänzlich vorbei. Als sie im November des gleichen Jahres starb, kamen Gerüchte auf, sie habe den Gram über die Zeitungsverrisse ihres Auftrittes nicht verkraften können. Umso großartiger ist ihr berühmtestes Zitat und gleichzeitig die Inschrift ihres Grabsteins: „People may say I can’t sing, but no one can ever say I didn’t sing.“ Am Ende ist es wohl egal, warum sie trotz ihres verhaltenen Talents Erfolg hatte. Sie hatte ihn und sie tat, was sie liebte, gegen alle Kritik und mit größter Hingabe, was will man mehr vom Leben?

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