Die Doppelnull

von Louisa Löwenstein5.11.2012Gesellschaft & Kultur

50 Jahre James Bond sind zu viel. Action, Sex und Martinis gibt es zwar immer noch, aber auch jede Menge Pseudo-Tiefgründigkeit. Die Serie hat ihr einziges Alleinstellungsmerkmal verloren.

Ich habe den neuen „James Bond“ noch gar nicht gesehen. Obwohl ich es wirklich vorhatte. Aber nachdem man keine Zeitschrift aufschlagen, nicht durchs Fernsehen zappen oder das Radio anschalten kann, ohne dass Daniel Craig einem irgendetwas verkaufen möchte, ist mir ein wenig die Lust darauf vergangen. Ich sehe ja ein, dass „James Bond“ und Product Placement traditionell eng miteinander verbunden sind. Meinetwegen können so viele schöne Autos durchs Bild fahren und Martinis getrunken werden wie es braucht, um die angeschlagene Produktionsfirma MGM wieder auf Vordermann zu bringen. Dass man der Doppelnull aber schon außerhalb des Kinosaals nicht entkommen kann, dämpft die Vorfreude auf eine Werbesendung mit Überlänge enorm.

„Ehrliche“ Gewalt

Wie gesagt, ich habe den Jubiläumsbond noch nicht gesehen. Alle Welt spricht davon, wie gut und vor allem „noch besser“ als die letzten beiden mit Daniel Craig er sei. An den Kritiken der letzten Filme hochgerechnet, müsste das vor allem noch mehr „ehrliche“ Gewalt heißen. Eine meiner liebsten Begriffsschöpfungen. Als der erste „James Bond“ mit Daniel Craig herauskam, schwärmten Feuilletonisten von „FAZ“ bis „Bild“ von dem „ehrlich gewalttätigen“ englischen Agenten. Ein paar Seiten weiter hatte mal wieder ein Teenager seine Schule zusammengeschossen, weil er vermutlich zu viele gewaltverherrlichende Videospiele konsumiert hatte. Aber hach, wie der Daniel dem Bösewicht voll Rachwut den Schädel in einem Pissoir zertrümmert, so ehrlich und echt und fast kunstvoll. Da kann man es sich auch leisten, Eva Green hoch emotional in der Dusche zusammensacken zu lassen und Daniel Craig gleich hinterher – so ehrlich mit Gefühlen, ganz echt und so aus dem Leben gegriffen.

Ich möchte keinen ehrlichen James Bond, ich möchte einen James Bond, der nicht aus diesem Leben ist. So viel ich weiß, ist James Bond im Smoking zur Welt gekommen und mehr möchte ich über seine Herkunft nicht wissen. Er ist einfach da, im Auftrag seiner Majestät. Er trägt keine Hawaii-Hemden, fährt nicht Ford und wenn er von einem Zug springt, ist sein Smoking nach wie vor fehlerfrei. Das ist nicht ehrlich, aber James Bond. James Bond ist immer höflich und lässig, und stilvoll. Er hat keine aufgepumpten Muskeln und keinen Pitbullnacken. Und vor allem und zuallervorderst möchte ich mir nicht vorstellen, wie James Bond mit einem Ladyshaver unter der Dusche steht und sich sein obligatorisches Brusthaar rasiert. Metrosexuelle suche ich im Fitnessstudio und nicht im MI6. Vor allem die Diskrepanz zwischen der ehrlichen Gewalt und dem babyweichen Bauch von Daniel Craig verunsichert mich.

Angeblich soll „Skyfall“ schon sehr viel mehr in diese Richtung gehen. Man trägt plötzlich anständige Anzüge (Tom Ford!) und trinkt seinen Martini geschüttelt. Diese Pseudo-Tiefgründigkeit, mit der sich James Bond jetzt langsam zu dem entwickelt, wie wir ihn kennen, brauche ich nicht. Dann lieber ehrliche Gewalt. Warum muss James Bond unbedingt an seiner Lebensführung zu knabbern haben, alles hinterfragen, lieben, leiden, Tiefe zeigen? Warum dürfen wir nicht einmal einen Mann genießen, der ohne Gepäck kommt, alles hat, was ein Mann haben soll, inklusive Brusthaar, und dabei stilvoll die Welt rettet. Ist denn das zu viel verlangt?

Mythos statt Actionfigur

Verstehen Sie mich nicht falsch. Offensichtlich habe ich alle von Daniel Craigs „James Bond“-Streifen gesehen und ziemlich sicher werde ich mir auch den dritten antun. Es sind alles gute Actionfilme. Aber eben keine „James Bonds“. Sie sind spannend, es fliegt viel in die Luft und Sex gibt es auch – ein perfekter Kinoabend. Allerdings: geächtet, vom eigenen Staat und Arbeitgeber verfolgt, einsamer Racheengel. Hört sich bekannt an. Hatte ich eigentlich mit „The Bourne Identity“ abgehakt. Explodierende Hubschrauber, halsbrecherische Stunts erledigt Tom Cruise mit „Mission Impossible“ seit gefühlten 20 Jahren.

Vielleicht sind 50 Jahre einfach genug. Vielleicht hat James Bond im Auftrag ihrer Majestät ausgedient und hätte schon vor Pierce Brosnan verschwinden müssen, wie er gekommen ist – ins Nichts. Dann wäre James Bond heute ein Mythos und keine Actionfigur. Die „James Bond“-Sequels haben jedenfalls ihr einziges Alleinstellungsmerkmal verloren: James Bond.

_Anmerkung der Redaktion: In der ersten Fassung des Textes war vom MI5 die Rede, natürlich muss es MI6 lauten. Außerdem handelt James Bond im Auftrag ihrer Majestät, nicht seiner. Wir bitte die Fehler zu entschuldigen._

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