Weg, nicht Ziel

von Louisa Löwenstein7.04.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Gebete werden nicht immer erhört. Doch darum geht es auch nicht. Es ist die Kraft, die das Zwiegespräch spendet, und uns durchhalten lässt.

Ich bete sehr selten. Früher habe ich abends alles von meiner Großmutter bis zu meinem Hund in ein Abendgebet gepackt und später regelmäßig Stoßgebete vor Mathearbeiten gen Himmel geschickt. Ich hatte keine Sekunde mit Lernen verbracht, aber einer guten Katholikin muss der liebe Gott doch zur Seite springen, wenn sie so lieb darum bittet. Eine Sechs ist es trotzdem geworden. Wahrscheinlich nicht, weil der liebe Gott sich sonderlich darum schert, ob ich nun meine Geometrieaufgaben mache, sondern schlicht und ergreifend, weil ich nicht gelernt hatte.

Momente der Verzweiflung

So haben wahrscheinlich die meisten schon einmal in Momenten der Verzweiflung den Glauben gefunden und Gott, auch in weit schlimmeren Situationen als letzte Hoffnung “um Hilfe angefleht”:http://theeuropean.de/joachim-schroedel/10548-gebet-und-priestertum-in-der-moderne. Umso unverschämter, dass er nun, da man sich ihm doch endlich zuwendet, nicht zu helfen gedenkt. Ich bin kein Theologe. Und ich habe beim besten Willen und recht religiösem Hintergrund oft Schwierigkeiten, überhaupt an Gott zu glauben. Weder kann ich also wirklich sagen, welches Verständnis die Kirche vom Beten hat, und ich bin mir sicher, andere Kommentatoren werden sich hier ausreichend damit beschäftigen. Noch kann ich aus tiefer persönlicher Überzeugung von einer Verbindung zu Gott durch das Gebet sprechen, an dem ich eben allzu oft zweifle. Eines hat mir vor einigen Jahren jedoch die Kraft des Betens und mein grundsätzliches Missverständnis davon vor Augen geführt. Als ein Freund mit 26 Jahren an Krebs erkrankte, begann er zu glauben, um Heilung zu beten und auf ein Wunder zu hoffen. Nach einem halben Jahr ist er gestorben, trotz Hoffnung, trotz Glauben, trotz aller seiner und unserer Gebete. Aber ein Wunder ist dennoch geschehen. So grauenhaft es, vor allem für seine Familie, war, hat er in den Tagen vor seinem Tod eine unglaublich Kraft und Akzeptanz finden können, die nicht nur ihm geholfen hat, sondern auch seine Familie und seine Freunde durch diese furchtbare Zeit trug. Mir ist klar geworden, dass wir nicht um die Lösung unserer Probleme beten können, aber um die Kraft, sich ihnen zu stellen, und um die Fähigkeit, zu akzeptieren, was nun passieren wird. Unsere Erwartungen an diesen Gott, gleich welcher Religion, sind manchmal etwas absurd. Wir wollen, dass es einen Plan gibt, dass er schon weiß, was er tut, und wir in der ganzen kosmischen Unordnung, in der wir verständnislos untergehen, eben doch einen Sinn ergeben. Gleichzeitig soll Gott aber bitte hier und da und bitte übermorgen noch einmal eingreifen, so lange an seinem allumfassenden Plan herum schrauben, bis er uns passt.

Hingabe kann uns tragen

So ist es eben nicht und wir wissen es. Dennoch wenden wir uns immer wieder einer übergeordneten Kraft zu, wenn unsere eigene Kraft an ihre Grenzen gerät. Und allein durch die Tatsache, dass wir zur Ruhe kommen und uns zuwenden, akzeptieren wir, dass es etwas über uns gibt, das wir nicht verstehen müssen und an dem wir nichts ändern können. Diese Hingabe kann uns durch Situationen tragen, deren einzige Lösung wir in einem Wunder gesehen hätten. Beten und Glauben ist nicht notwendig, um zu überleben, auch nicht über den Tod hinaus. Aber es macht das Leben um so vieles einfacher, im Kleinen und Großen, zu wissen, zu hoffen, zu glauben, dass ich und mein Dasein einen Sinn habe, auch wenn er für mich nicht erkennbar ist. Ich bete sehr selten, aber ich gehe auch viel zu selten zum Arzt, kümmere mich zu wenig um meine Familie oder lasse mich von anderen Dingen beschäftigen, die mir nur halb so viel geben.

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