Lieber Klum als Kakerlake

Louisa Löwenstein10.03.2012Gesellschaft & Kultur

Nicht die Emanzipation ist in Gefahr, die menschliche Würde ist es. Ob es dabei nun um Topmodels, Brigitte Nielsens Hintern oder Kakerlaken im Dschungel geht.

Ich habe keinen Fernseher. Jedes Mal, wenn ich ihn anschalten würde, müsste ich mir Brigitte Nielsens Hintern beim Fettabsaugen auf RTL ansehen, Germany’s Next Topmodels dabei zuhören, wie sie die deutsche Bevölkerung (wie in der ersten Staffel passiert) auf ganze zwei Millionen schätzen und mir Liliana Matthäus’ Selbstinszenierung beim perfekten Promi-Dinner antun. Die Klatschzeitschriften gestern beim Friseur haben mich mit der wiederholten Erkenntnis, nichts verpasst zu haben, up-to-date gebracht.

Lieber Klum als Kakerlake

Mit Emanzipation hat das allerdings nichts zu tun, wie ich finde. Formate wie „Germany’s Next Topmodel“ sind ebenso menschen- und nicht frauenverachtend wie ein „Dschungelcamp“, „Big Brother“ oder jede andere Sendung, die sich durch Fremdscham und Erniedrigung finanziert. Ich selbst würde mich sogar fast lieber von Heidi Klum zur Hungerkur zwingen lassen, als Kakerlaken zu essen oder Tine Wittler in meine Wohnung zu lassen. Gott sei Dank muss ich weder das eine noch das andere tun. Ich kann sogar noch weiter gehen und auch noch darauf verzichten, mir diese Geschmacklosigkeiten überhaupt anzusehen. Zugegeben, es hat seinen Reiz, zu Hause in Jogginghose mit Lockenwicklern im Haar und Aufbackpizza auf dem Schoß anderer Leute Problemzonen zu analysieren, und wenn ich irgendwo vor dem Fernseher lande, fesselt mich die menschliche Erniedrigungssucht genauso sehr. Es braucht schon ein wenig Willenskraft, sich von Brigitte Nielsens Hintern abzuwenden, um sich wichtigeren Dingen, heißt jedem erdenklich anderen, zu widmen. Das Problem und die Lösung liegt bei den Zuschauern und nicht bei den Sendern. Wenn ich mich mit einem Stand auf die Straße stelle und Tüten mit klarem Inhalt und der Beschriftung „Fäkalien“ verkaufe, kann man mich kaum jemand dafür verantwortlich machen, wenn Menschen allen Ernstes dafür Geld ausgeben. Ob ich mein Leben tatsächlich mit einer solchen Tätigkeit vergeuden will, sei mein Problem. „Germany’s Next Topmodel“ als Beispiel des Rückschritts der Emanzipation zu nehmen, ist auch deswegen falsch, weil hier tatsächlich nur das gezeigt wird, was in den Modelagenturen, bei Castings und im gesamten Modebusiness schon seit jeher gang und gäbe ist. Bei der Fashion Week im Publikum zu sitzen, kann einem jegliche Freude an der Mode rauben. Heidi Klum und ihre „Mädels“ sind geradezu adipös im Gegensatz zu den armen Mädchen, die dort als Kleiderstangen über die Laufstege staksen. Ich habe selbst erlebt, wie sich 15-Jährige ein Abendessen verwehren, um gleich auf dem Laufsteg die Form zu bewahren. Die Agenturen, Designer und Caster sind tatsächlich sogar um einiges direkter und brutaler, als man es bei „GNTM“ zu sehen bekommt. Auch die viel verteufelten Knebelverträge, die der Sender und das „Über-Model“ ihre Kandidatinnen unterschreiben lassen, sind nicht unbedingt eine Ausnahme.

Verquickung von Missständen

Die meisten Agenturen nehmen ein Model zwar in ihre Kartei auf und zahlen ihr Headshots, Reisen und Unterkunft in den Modemetropolen. Diese Kosten wandern aber geradewegs auf das Schuldenkonto der Mädchen, das sie wiederum an die Agentur bindet. „Germany’s Next Topmodel“ ist also eine Verquickung zweier Missstände in unserer Gesellschaft. Im Modebusiness werden junge Mädchen, wie übrigens auch Jungs, hinter den Kulissen wie Fleisch behandelt und auf Pro7 genießt es halb Deutschland, sich dieser Fleischbeschauung anzuschließen. “Nicht die Emanzipation ist in Gefahr(Link)”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/10209-feministischer-offenbarungseid, die menschliche Würde ist es – und das nicht erst seit „GNTM“.

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