Ein Bakterium kommt selten allein

von Lothar Wieler18.06.2011Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Suche nach dem EHEC-Erreger krankte höchstens an der mangelnden Kommunikation – nicht an der fehlenden Expertise. Es zeigt sich einmal mehr: Krisenmanagement ist eine besondere Form der wissenschaftlichen Exzellenz. In einer Risikogesellschaft müssen wir uns gerade auf solche Krisenfälle vorbereiten: Die nächste Infektionswelle kommt bestimmt.

Seit vier Wochen hält uns die EHEC-Epidemie in Europa in Atem. Ein bislang wenig bekannter EHEC-Stamm, HUSEC041, hat mehr als 3.000 Menschen infiziert, ein überproportionaler Anteil an Patienten erkrankte am hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), einer lebensbedrohlichen Komplikation. Dank aufopferungsvoll arbeitender Ärzte werden die Patienten intensivmedizinisch betreut und somit viele Leben gerettet.

Wir können nicht für die Zukunft planen

Die aktuelle EHEC-Epidemie belegt einmal mehr die großen Herausforderungen im Kampf gegen Infektionskrankheiten: Infektionserreger wandeln sich, ihre Entwicklung ist kaum vorhersehbar. Die rasche Identifizierung des Erregers ist _die_ Voraussetzung für eine rechtzeitige Intervention, und gutes Equipment sowie kompetente Fachleute sind dann die Basis einer erfolgreichen, flexiblen Bekämpfung. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Meldefristen für Infektionen verkürzt werden müssen, was durch einen konsequenten Einsatz vorhandener internetbasierter digitaler Technologien möglich ist. Es sind weniger die organisatorischen Strukturen als die Kommunikationsstrukturen, die stetig optimiert werden müssen. Fachleute müssen ihr Wissen konsequent untereinander austauschen und diskutieren, um evidenzbasierte Maßnahmen zu treffen. Das ist eine Frage der Transparenz und Netzwerkstruktur – nicht der räumlichen Nähe und Verwaltungsstruktur. Aber was zeigt uns diese verheerende Epidemie mit HUSEC041 darüber hinaus? Da ist zum einen die Erkenntnis, dass es kein Null-Risiko für die Ansteckung mit Infektionserregern gibt. Das wussten wir zwar schon vorher – doch wir werden wieder einmal schmerzhaft daran erinnert und sollten es nie vergessen. Es ist bekannt, dass Keime in roh verzehrten Lebensmitteln besser überleben als in erhitzten. Es sind also das Wissen und die Bildung, die uns lehren, mit Krisen umzugehen und Risiken einzuschätzen. In einem Land wie Deutschland existiert genügend seriöses Wissen. Niemand kann und darf uns einen 100-prozentigen Schutz vor Infektionen versprechen – aber alle Beteiligten müssen hart daran arbeiten, dass die Wahrscheinlichkeit für zukünftige Ausbrüche minimiert wird.

Ein Erfolg der Wissenschaft

Zum anderen erleben wir in Echtzeit die Kompetenz exzellenter Wissenschaftler. Was für eine Leistung, innerhalb von nur zwei Tagen einen bisher extrem seltenen Erreger bis auf die Stufe des Sequenztyps (ST678) zu identifizieren und anschließend einen spezifischen Nachweistest zu entwickeln, der für alle Untersuchungslabors überhaupt erst die Voraussetzung schuf, gezielt nach HUSEC041 zu fahnden! Geradezu unglaublich ist die Tatsache, dass nach wenigen Tagen das vollständige Erbgut des EHEC-Ausbruchsstammes entschlüsselt war, wodurch neue Hinweise auf seine Biologie und Pathogenität geliefert wurden. Und wie weitsichtig war dabei die Arbeit der zentralen Entscheidungsträger, die vorhandene EHEC-Kompetenz in Form eines Konsiliarlabors in Münster zu etablieren und zu fördern. Was lernen wir daraus? Deutschland muss Kompetenz konsequent und nachhaltig unterstützen. Erst in Krisenzeiten zeigt sich immer wieder eindrucksvoll, wie Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung ad hoc in die Praxis umgesetzt werden, was sicher eine besondere Form „wahrer Exzellenz“ darstellt. Natürlich müssen Behörden und Labore über genügend Ressourcen verfügen, aber ohne eine hinreichende Unterstützung und Förderung der Wissenschaft sind diese Instrumente „stumpfe Messer“. Deutschland muss vorrangig in Köpfe investieren – egal, in welcher Infrastruktur sie leben und arbeiten.

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