Obama hat bei Weitem nicht so viel erreichen können, wir er es sich gewünscht hatte. Stephen Wayne

„Negativer Nationalismus“ oder Wahrheitssuche? Revisionisten am Werk!

Bleibt ein Verbrechen, das aufgedeckt worden ist, nicht auch noch nach über einem Jahrhundert ein Verbrechen? Und wie ist es mit dem klar dokumentierte Kriegswillen des deutschen Militärs im Juli 1914? Eine Replik auf Peter Hoeres.

In seinem Beitrag vom 8. März 2018 schwingt sich Peter Hoeres auf das hohe Ross des modernen, aufgeklärten und – wir wollen es nicht unterschlagen! – smarten Historikers, der sich mit einer kräftigen Portion Nonchalance und Unverfrorenheit von all denjenigen distanziert, die unter Unmengen von Staub irgendwo in den 1960er Jahren „steckengeblieben“ seien. Die „Logik der Forschung“, erklärt uns der Professor aus Würzburg jovial, ziele auf „Revision älterer Ergebnisse“. Wie lange haben wir doch auf solche Belehrung gewartet! Nur hätte sie schon ein wenig anspruchsvoller und weniger naiv ausfallen dürfen!

Sind in „älteren“ Studien formulierte Erkenntnisse, so ist ihm zu entgegen, unisono obsolet, nur weil einige Jahre oder Jahrzehnte ins Land gegangen sind? Hat ein Hermann Kantorowicz, dem nicht erst die Nationalsozialisten das Leben mehr als schwer machten, sondern bereits die Repräsentanten der deutschen Republik, die seine Untersuchung über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges in den Aktenschränken des Auswärtigen Amtes verschimmeln ließen, heute nichts mehr zu sagen? Besitzt seine vor nunmehr neunzig Jahren mit juristischer Schärfe und ebensolcher Eloquenz formulierte Enthüllung der Manipulationen des Deutschen Weißbuchs vom 3. August 1914 keine Gültigkeit mehr? Ist es der Faktor Zeit schlechthin, der über die Relevanz von historischen Untersuchungen richtet? Oder gibt es nicht vielmehr Grundkonstanten der Erkenntnis, die auch die Debatten der folgenden Jahrzehnte standhalten?

Bleibt ein Verbrechen, das aufgedeckt worden ist, nicht auch noch nach über einem Jahrhundert ein Verbrechen? Wie etwa der klar dokumentierte Kriegswillen des deutschen Militärs im Juli 1914? Oder die Tatsache, dass Frankreich auf Vorschlag des französischen Generalstabs seine Truppen zehn Kilometer von der Grenze zurückzog, um seine Friedfertigkeit zu unterstreichen, damit aber auch das wichtige Erzbecken von Briey preisgab? Oder die Zusicherung des Foreign Office vom 30. Juli 1914, für den Fall der Friedenssicherung eine „Abmachung“ mit Deutschland treffen zu wollen, in der diesem „die Sicherheit“ gewährt werden sollte, „dass Frankreich, Russland und England – gemeinsam oder einzeln – keine feindselige oder aggressive Politik“ verfolgten.

Wer war verantwortlich für Millionen von Toten?

Hoeres fährt große methodische Geschütze auf. Er unterstellt mir in einer durchaus arroganten, herablassenden Attitüde, ich habe mich einem „methodischen und normativ negativen Nationalismus“ verschrieben, der – Gott sei Dank! – seinem nicht nur vergleichenden, sondern gar transnationalen, also per se modernen Ansatz nicht entfernt das Wasser reichen könne. „Normativ negativer Nationalismus“ – hier muss man erst einmal verschnaufen! Puh! Wie überzeugend das doch schon klingt. Es impliziert nichts anderes, als dass ich mich – hoffnungslos veraltet – am verstorbenen Fritz Fischer festhalten und beinahe gesetzmäßig die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg ausschließlich und allein in Deutschland sehen würde. Ja, noch mehr, beinahe schon obsessiv sehen müsste! Überaus deutlich entlarvt sich Hoeres hier als Bewunderer Christopher Clarks, der den Deutschen eine obskure Kriegsschuldbesessenheit glaubte attestieren zu müssen. Welches Erkenntnisinteresse, so ist diesem ahistorischen Theorem entgegenzuhalten, habe ich, wenn ich mich mit der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert befasse? Es geht um die Wahrheit und die Frage der Gerechtigkeit – wer war verantwortlich für Millionen von Toten und unglaubliche materielle Verluste?

Ich decke das Verhalten bestimmter Interessengruppen auf, erarbeite ihre Motivation und ziehe Schlüsse für die Zukunft. Darf man diese Kreise einfach exkulpieren? Woher kam der Nationalsozialismus, wer waren seine Förderer? Diese Erkenntnisfragen werden mit dem von Hoeres propagierten Ansatz erstickt. Über Jahrzehnte hat man die Wahrheit verdreht, das deutsche Volk belogen, ja, es in zwei Kriege getrieben. Hinter der amtlich gesteuerten Unschuldspropaganda der 1920er Jahre steckten knallharte politische Interessen, sie zielte gegen die Republik, gegen den europäischen Frieden. Wer die Kriegsschuld Deutschlands aufdeckte, war keineswegs besessen, sondern wollte – wie etwa der 1919 ermordete Kurt Eisner oder der 1920 von rechtsradikaler Soldeska „auf der Flucht“ erschossene Hans Paasche – die Republik stabilisieren und den europäischen Frieden sichern, die der Weimarer Revisionismus in hohem Maße gefährdete. Clark und Hoeres handeln sich umgekehrt den Vorwurf der Kriegsunschuldsbesessenheit ein. Sie verfolgen ebenso klare politische Interessen, versuchen die Tür zu öffnen für die Ambitionen deutscher Eliten, und deshalb geht es nicht um deutschfreundlich oder – feindlich, sondern um die Frage, welche Lehren aus der deutschen Geschichte zu ziehen und angemessen sind.

Früher wäre es Landesverrat gewesen

Das von Hoeres benutzte Attribut „negativ“ hat noch ein zusätzliches Geschmäckle. Vor 1945 hat man das weniger verschroben als „Landesverrat“ bezeichnet! Außer dieser Unterstellung hat er inhaltlich nichts zu bieten. Süffisant und frech legt er mir die „neuere Forschung“ ans Herz, die meine festgefahrene „Ideologie“ und „einfachen Erklärungsansätze“ schwer erschüttern werde. Man wird neugierig und fragt sich: Womit und vor allem mit wem will er denn nun seinen Triumpf über mich einfahren? Mit großem Täterätä bietet er allen Ernstes einige deutsche und ausländische Historiker an, die mehr als fragwürdige, ja höchst umstrittene Thesen vertreten, von ihm aber über den grünen Klee gelobt werden, weil sie sich „vergleichender“ und – man höre! – sogar „transnationaler“ Methoden bedienten.

Nicht fehlen darf natürlich der selbst ernannte „Hohepriester“ dieser bunten Truppe, Christopher Clark, der in den letzten Jahren kräftige Breschen in das bisherige deutsche Geschichtsbild geschlagen hat und dessen Zynismus vor allem Belgien („Poor little Belgium“) gegenüber keine Grenzen kennt, also jenem Land gegenüber, das 1914 vom deutschen Militarismus überrollt wurde, dessen Neutralität Deutschland selbst garantiert hatte, dessen Dörfer und Städte in Schutt gelegt wurden, das einen Blutzoll von etwa 6000 Zivilisten allein innerhalb von vier Wochen zu zahlen hatte. Die Verteidigung des überfallenen Belgiens durch Frankreich und Großbritannien gegen eine Invasion, die selbst Bethmann Hollweg als Verbrechen bezeichnete, wird unter der Rubrik „Propagandamärchen“ abgelegt. Die angeblichen Verteidiger hätten selbst Eroberungspläne konzipiert. Hier erkennt man, wie gleichgültig Clark und seine Mitstreiter gegenüber moralischen Kategorien auftreten, die in der Menschheitsgeschichte sehr wohl eine zentrale Rolle spielen – spätestens seit der Französischen Revolution. Für Hoeres gibt es hingegen keine „zivilisierte Welt“, die sich im Ersten Weltkrieg gegen das expansionistische Deutschland erhoben hat, um einen „gerechten Krieg" zu führen.

Begriffe dieser Art seien lediglich „Propagandatopoi“, um ein Massenschlachten zu rechtfertigen, das mindestens elf Millionen Soldaten das Leben kostete – also als „Sinngebung des Sinnlosen“. Widerstand gegen die Kriegstreiber? International und national? Einfach Unsinn, sinnlos! Verächtlich blicken Hoeres und Co. aus ihrem „transnationalen“ Wolkenkuckucksheim auf all diejenigen nieder, die sich unter großen persönlichen Opfern gegen den deutschen Willen zur Eroberung Europas stemmten. Etwa Karl Liebknecht! Nach seiner Verhaftung am 1. Mai 1916 als Folge einer illegalen Antikriegsdemonstration richtet er einen Brief an das Kommandanturgericht Berlin, in dem er feststellt, dass die deutsche Regierung „diesen Krieg in Gemeinschaft mit der österreichischen Regierung angezettelt und sich so mit der Hauptverantwortung für seinen unmittelbaren Ausbruch belastet“ habe. „Sie hat den Krieg unter Irreführung der Volksmassen und selbst des Reichstages … in Szene gesetzt und sucht mit verwerflichen Mitteln die Kriegsstimmung im Volke zu erhalten.“ Liebknecht, wird er nun von Hoeres posthum belehrt, du hast da etwas völlig falsch verstanden. Dein Einsatz für ein friedliches Deutschland war in jeder Hinsicht „sinnlos“. Hoeres möge sich einmal über den Zivilisationsprozess der Menschheit informieren, über ihr mühseliges, aber schon vor 1914 erfolgreiches Ringen, Kriege zu ächten. Wer jedoch nur ein schäbiges Grinsen für die Haager Konferenzen aufbrachte, das war Deutschland! Wann wagen sich Hoeres und die mit ihm Fühlenden an die „Entmoralisierung“ des alliierten Krieges gegen Hitler-Deutschland? Die Diffamierung des deutschen Widerstandes – werden sie dereinst auch davor nicht zurückschrecken?

„Ohne jede feindliche Absicht…“

Niall Ferguson, ein weiterer Schwurzeuge des Professors aus Würzburg, arbeitet – gegen seine eigenen Bekundungen – eigentlich „negativ national“, also völlig altmodisch, indem er den Briten die Kriegsverantwortung mit allen Folgen für Europa auch über 1918 hinaus unterschiebt. Der Weg Deutschlands ins Verhängnis – selbstverständlich ein Werk der hinterlistigen Inselbewohner. Salopp marginalisiert Ferguson alles, was gegen seine These spricht. Etwa die unzähligen Berichte deutscher Diplomaten aus London. Botschafter Metternich zum Beispiel versicherte seinem Reichskanzler Bülow im Juli 1908: Die Triple Entente sei „ohne jede feindliche Absicht gegen Deutschland abgeschlossen worden. Die englische Politik denke nicht daran, sich in Europa durch Allianzen festzulegen oder an etwaigen kriegerischen Verwicklungen teilzunehmen. Wenn wir England nicht den Krieg aufzwängen, so würde es überhaupt keinen deutsch-englischen Krieg geben. Hier sei man nur von der Furcht vor Deutschland beherrscht, aber nicht von Angriffsgedanken.“

Schon wenige Monate zuvor hatte er klargestellt: „Es gibt keine Partei oder Fraktion einer Partei in England, die den Krieg mit Deutschland wünscht oder darauf hinarbeitet.“ Weshalb spielen diese Stimmen in der „neueren“ Forschung keine Rolle? Ganz einfach: Sie haben sich allesamt von den heuchlerischen, insgeheim kriegslüsternen Briten täuschen lassen! Großbritanniens Furcht vor der deutschen Flotte und dem deutschen Heer führte nicht zu Kriegsdrohungen, sondern zu etlichen Verständigungsversuchen und zur Bereitschaft, Deutschlands Kolonialbesitz zu vergrößern (portugiesische Kolonien 1913, Bagdadbahn 1914). Es war der Versuch, Deutschland in ein europäisches Sicherheitssystem einzubinden, und das bedeutete damals vor allem Kriegsvermeidung in Europa. In diesem Sinne äußerte sich ein anderer deutscher Diplomat im Juli 1913: In London bestünde „die ausgesprochene Tendenz, unsere kolonialen Ausbreitung nicht nur keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen, sondern ihr möglichst die Bahn zu ebnen.“

Dieser Versuch traf aber auf die deutsche Entschlossenheit, auf eigene Faust Politik zu treiben. Und so wurden diese Avancen von Deutschland permanent zurückgewiesen, wobei im Mittelpunkt nicht zuletzt der quasi-feudale Würdegedanke stand. Wilhelm II. 1908: „Kein Staat lässt sich von einem anderen das Maß und die Art seiner Rüstungen vorschreiben; ich lehne ab, solch ein Gespräch (= über Rüstungsminderung) zu führen!“ Diese Urteile, die sich um weitere vermehren ließen, können Konrad Canis, einen weiteren Lieblingsautor von Hoeres, keineswegs ins Schwanken bringen. Für ihn steht fest: Deutschland sei vor 1914 von den anderen Großmächten gezielt ausgegrenzt worden. Eine These, die uns bekannt vorkommt. Beklagte man sich im Deutschland des Ersten Weltkrieges nicht über die „Einkreisung“ und den „Handelsneid“ der Kriegsgegner und sah darin den eigentlichen Kriegsgrund?

Ein „defensives Ziel“?

Welche Rolle spielt da noch die Tatsache, dass die britische Regierung im Juli 1914 insgesamt sechs Friedensvermittlungen unternahm!? Was Deutschland von diesen Vorschlägen hielt, machte Reichskanzler Bethmann Hollweg am 28. Juli 1914 mehr als deutlich (leider bringe ich wieder nur einen isolierten Einzelfall!): Da Österreich erst um den 12. August 1914 militärisch gegen Serbien vorgehen könne, gerate die Regierung in „die außerordentlich schwierige Lage, dass sie in der Zwischenzeit den Vermittlungs- und Konferenzvorschlägen der anderen Kabinette ausgesetzt bleibt, und wenn sie weiter an ihrer bisherigen Zurückhaltung solchen Vorschlägen gegenüber festhält, das Odium, einen Weltkrieg verschuldet zu haben, schließlich auch in den Augen des deutschen Volkes auf sie zurückfällt. Auf einer solchen Basis aber lässt sich ein erfolgreicher Krieg nach drei Fronten nicht einleiten und führen. Es ist eine gebieterische Notwendigkeit, dass die Verantwortung für das eventuelle Übergreifen des Konfliktes auf die nicht unmittelbar Beteiligten unter allen Umständen Russland trifft.“

Im Repertoire hat Hoeres auch Dominik Geppert, der in trauter Gemeinschaft mit Sönke Neitzel und Thomas Weber die delikate Behauptung aufstellte, Deutschland habe im August 1914 ein „defensives Ziel“ verfolgt, nämlich „eine begrenzte Hegemonie“ auf dem europäischen Kontinent zu errichten. Muss man das noch kommentieren? „Defensiv“ und „Hegemonie“? Begeistert zieht Hoeres dann Andreas Rose heran, der Clarks Arbeiten als „monumental“ und „herausragend“ verklärt, weil in ihnen die Schuldfrage als irrelevant abgetan wird. Einem platten Deskriptivismus huldigend, der nicht mehr nach den Ursachen des Ersten Weltkrieges fragt, amüsiert sich Rose über kritische deutsche Historiker wie Sösemann, Wehler, Volker Ullrich und andere, denen es nicht „um international verbreitete und gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse“ gehe, sondern „um die Bewahrung der traditionellen deutschen Nabelschau“.

Hoeres möchte uns „ganz unironisch“ auch den Amerikaner Sean McMeekin als jemanden verkaufen, der uns völlig neue Weisheiten vermittelt, nämlich dass das Zarenreich 1914 der wahre Kriegstreiber gewesen sei. Der Staat also, der dem deutschen Kaiser den Vorschlag machte, den österreichisch-serbischen Konflikt vor dem Haager Gericht schlichten zu lassen, woraufhin er als Antwort die deutsche Kriegserklärung erhielt. Der Staat, über den die sozialdemokratische Presse noch im März 1914 urteilte, er rüste nur auf, weil Deutschland aufrüste. Und weiter: „Außerdem steht Russland in der auswärtigen Politik nicht allein, es wird keinen Krieg beginnen, der nicht von Frankreich und England gewünscht wird: an kriegerische Absichten der Westmächte zu glauben, liegt aber nicht der allergeringste Anlass vor.“

Eine überragende sittlich-moralische Bedeutung

Weshalb haben sich die genannten Historiker das böse Wort hart erarbeitet, das Hoeres gar nicht gern hört: „Revisionisten“? Entgegen allem Insistieren sind sie alle keineswegs modern, sondern liegen ohne Einschränkung auf der Linie der deutschen Geschichtsschreibung von vor 1933, verkaufen diesen Umstand aber unter einer neuen, hippen Überschrift: „vergleichend“ und „transnational“. Die deutsche Anti-Versailles-Propaganda hätte für ihre absurden Behauptungen nicht einen Pfennig verschwendet. Im Schuldreferat des Auswärtigen Amtes saßen schließlich keine Ignoranten, dort wusste man, welche heißen Eisen man auf keinen Fall anfassen durfte. Unisono rufen die Revisionisten: Alle Großmächte taumelten wie „Schlafwandler“ in den Krieg! Oder: Die Schuldfrage zu stellen, hat als völlig veraltet zu gelten und ist als unstatthaft zu ächten.

Dem ist entschieden zu widersprechen: Gerade die Frage nach der Schuld und der Verantwortung für das Völkermorden besaß, anders als sie es behaupten, eine überragende sittlich-moralische Bedeutung, denn sie war der Kompass, der Orientierungsmaßstab nicht nur für Diplomaten, sondern gerade für Millionen von verzweifelten Menschen, Soldaten und Zivilisten, die über Nacht von ihren Angehörigen getrennt worden sind, die dem blutigen Ringen des Krieges, dem Tod ihrer Verwandten oder Kameraden, den Hungerjahren und der Arbeitslosigkeit, der Okkupation und Unterdrückung einen Sinn geben mussten. Wie hätte man sonst die revolutionserfahrenen Franzosen – Soldaten und Zivilbevölkerung – über vier Jahre lang bei der Stange halten können, um einen unglaublich barbarischen Krieg zu ertragen, ohne größere Streiks oder gar landesweiten Defätismus zu provozieren?

Die Nichtberücksichtigung der Schuldfrage hat genauso wie der Versuch, in einem Rundumschlag und in deutlicher Anlehnung an leninistische Erklärungsmodelle, alle imperialistischen Mächte gleichzeitig verantwortlich oder nichtverantwortlich zu machen, eindeutige Weiterungen, die indessen unbeachtet bleiben sollen. Beide Modelle können bedeutende Folgeereignisse des Kriegsausbruchs nicht erklären! Weshalb hat man 1918 in Deutschland Revolution gemacht? Welche Wut brach sich am 9. November 1918 in Berlin Bahn, als man den Militärs die Achselstücke herunterriss, Ludendorff und Tirpitz auf Tauchstation gingen, überall die Kriegsschuldfrage diskutierte, bis in die bürgerlichen Kreise hinein.

Die dekadente Siegesfeier

Als konservative Blätter vor der Sprengkraft der Kriegsschuldfrage warnten und ehemalige kaiserliche Diplomaten ihre Verteidigungslinie synchronisierten? War dies alles nur Ausdruck von Heuchelei, Unwissenheit oder Ignoranz? Hatte Adolf Hitler doch Recht, als er das „Weltjudentum“ als heimlichen Drahtzieher entlarvte, der die Welt in den Orkus gerissen habe? Mehr noch: Wer die Relevanz der Schuldfrage leugnet, der ist außerstande, Hitlers Standort in der deutschen Geschichte adäquat zu bestimmen. Vielleicht kam er doch aus dem Nichts und landete in einer Republik ohne Makel, ohne Probleme, ohne Krankheitskeime, aus denen sich das „braune Reich“ entwickeln sollte?

Weshalb gibt es eine vergleichbare Wut nicht in London, Paris, Brüssel oder Washington? Weshalb wird dort der Sieg der „demokratischen Weltrevolution“ gefeiert? Weshalb empören sich selbst die französischen Sozialisten mit wenigen Ausnahmen nicht über die angeblichen Kriegstreiber aus dem eigenen Lager? Weshalb klagen sie Anfang Februar 1919 auf der Berner Sozialistenkonferenz die deutschen Genossen als „Kaisersozialisten“ an? Waren die Millionen von Menschen alles Heuchler, waren mithin die Klagen der deutschen Konservativen gegenüber Wilson im Kontext des Versailler Vertrages berechtigt und ist Wilson nur ein großer Täuscher gewesen? Wären all diese Fragen nicht Forschungsdesiderata einer wirklich transnationalen Geschichtsschreibung? Warum befasst sich der Transnationalismus eines Hoeres nicht damit? Sind Briten, Franzosen, Amerikaner moralisch so dekadent gewesen, dass sie 1918 einen Sieg feierten, der eigentlich ein verkappter Angriffskrieg gewesen ist, ohne dass es in der eigenen öffentlichen Meinung relevante Widerstände gegeben hat? Einen Sieg, wie sie ihn nicht annähernd 1945 feiern sollten, nach einem Krieg, dessen Urheber in jeder Hinsicht bekannt waren!

„Wie ist es passiert?“

Was verbirgt sich eigentlich hinter dem hochtrabenden Bekenntnis, man präferiere einen „transnationalen“, „vergleichenden“ methodischen Ansatz, der schon per se fortschrittlich und allen anderen überlegen sei? In welche wissenschaftstheoretische und politische Ecke will man andere Historiker mit dem Modebegriff drängen? Werden hier die historischen Quellen willkürlich einem chicen, neuen Verfahren übergestülpt, quasi selektiv zugeschnitten? Diese passt zu meinem Anliegen, jene nicht! Also lass ich sie weg! Was soll man überhaupt zu einem methodischen Ansatz noch sagen, der entgegen seiner angeblich transnationalen Ausrichtung letztlich den Briten oder Russen die Verantwortung am Krieg aufbürdet? Geht es in der Historiographie nicht primär um die Rekonstruktion des Vergangenen, darum, einer „Wahrheit“, einem „Wie ist es passiert?“ möglichst nahe zu kommen unter Berücksichtigung aller irgendwie aufzutreibenden Quellen? Verfolgt derjenige, der die Quellen aus der Julikrise 1914, also aller am künftigen Krieg beteiligten Mächte unvoreingenommen sichtet, nicht erst recht einen komparativen Ansatz?

Wenn er dann zu dem Ergebnis kommt, dass Deutschland und Österreich-Ungarn einen Krieg vorbereitet, entfesselt und inszeniert haben, hat er sich dann nicht der „Wahrheit“ genähert oder berauscht er sich etwa an einem „negativen Nationalismus“? Keineswegs „krankte“ die „Fischer-Kontroverse“ an einem „methodischen Nationalismus“, der nur die deutsche Seite gesehen habe. Weshalb soll die „Anzahl der kriegführenden Staaten“ gegen Fischers Erkenntnisse sprechen? Warum standen, so ist zu entgegen, denn schließlich 28 Staaten gegen Deutschland? Waren sie sämtlich Verblendete, Heuchler oder im Sinne Lenins Imperialisten, die nur ihre Beute einzufahren gedachten? Im Übrigen: Wer hat die Diskussion in der Fischer-Kontroverse „politisch aufgeladen“? Waren das nicht die Vertreter der Zunft, die ehemaligen Weltkrieg I-Teilnehmer, die Ritter, Zechlin und Herzfeld, die sich klammheimlich gegen Fischer und seine Schüler verabredeten, seine Amerika-Reise zu verhindern suchten und die es schließlich sogar fertigbrachten, die Schriften ihres einstigen Intimfeinds Eckart Kehr zu kapern, der sich ihrer nicht mehr erwehren konnte? Und warum? Weil sie befürchteten, dass ihre krampfhaft aufrechterhaltene These von der Unschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg auf dem Misthaufen der Geschichte landen könnte! Und weil sie darüber hinaus gehend nicht ruchbar werden lassen wollten, dass sie mit ihrer Haltung vor und nach 1933 einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Weg in das „Dritte Reich“ und damit zum Zweiten Weltkrieg geleistet haben.

Ein geschichtsloses Nirwana, aufgesetzt und konstruiert

Die von Hoeres propagierte Begrifflichkeit führt ins Nichts, in ein geschichtsloses Nirwana, ist aufgesetzt und konstruiert, und täuscht über die sich dahinter verbergenden politischen Absichten hinweg. Die Geschichte wird dem politischen Kalkül geopfert. Mehr noch! Die von solchen Forschern angewandte und hochgelobte transnationale Methodik ist mehr als destruktiv; sie macht tabula rasa mit allen bisherigen historischen Erkenntnissen. Kausalitäten werden zerschnitten, alles wird mit jedem verglichen. Man diskutiert ernsthaft die Frage, ob das China von heute das neue Kaiserreich sei, das in Konkurrenz zu den USA stehe wie Deutschland 1914 zu Großbritannien. Man verleumdet das damalige Serbien als „Al-Kaida-Staat“ und beamt den Ukraine-Konflikt in die Krisenzeit von 1914, um, ja um abermals den Russen im „transnationalen“ Verfahren die ganze Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Clark behauptet unverfroren, der ehemalige georgische Präsident Sakaschwili hätte der Gavrilo Princip des frühen 21. Jahrhunderts werden können und die NATO das zaristische Russland. Was soll man dazu sagen? Muss man derlei Absurditäten kommentieren?

Weiter behauptet Hoeres, dass die Bedeutung von Ereignissen in der Vergangenheit ebenso schwer zu fassen und ebenso sehr Ansichtssache seien wie ihre Bedeutung in der Gegenwart. Damit verabschiedet er sich von einer Geschichtsschreibung, die sich, ausgerüstet mit den richtigen Methoden, um verlässliche, verifizierbare Erkenntnisgewinne bemüht, mit der man die Zukunft gestalten kann. Geschichte wird beliebig. Es wird spekuliert, relativiert, bis alles durcheinander und verdreht ist. Die Erinnerung an das Attentat von Sarajevo erscheint schließlich für das in die EU strebende Serbien als Lackmustest seiner Bereitschaft, den Ersten Weltkrieg nicht mehr als „Schlachtfeld der nationalen Geschichte“, sondern als „europäische Tragödie“ zu begreifen. Hier wird das eigentliche Ziel der Operation am historischen Erkenntnisprozess deutlich: der Begriff „national“ wird in die Nähe von „nationalistisch“ gerückt und implizit als altmodisch erklärt. Es schimmert die klammheimliche Verachtung deutscher Eliten für den Nationalstaat durch.

Geschichte als prozessuale Entwicklung

Wen kümmert da schon die offenkundige Diskrepanz zwischen deutschen Eliten, die nach Hitler den Nationalstaat hassen und ein deutsches Europa anstreben, und den Staaten Europas, die einen starken, historisch verankerten Patriotismus besitzen und eher auf ein „Europa der Vaterländer“ setzen?! Wertvorstellungen von heute werden an die Ereignisse von 1914 angelegt, um sich dann zu empören, dass Großbritannien Hunderttausende von Soldaten opferte nur wegen Belgien, also aus Gründen der „Ehre“. Die Geschichte als prozessuale Entwicklung wird ignoriert. Ursache, Wirkung, Kausalität? Gibt es nicht mehr! Man kommt sich vor, als säße man am Roulette-Tisch.

Sachverhalte werden nur verkürzt wiedergegeben, unvollständig dargestellt. Halbwahrheiten werden verbreitet, hier ein Stückchen Wahrheit, dort eine Relativierung. Gern erwähnt man General Foch, der in seinen strategischen Planungen Belgien als Aufmarschgebiet einbezog, sich aber dann zurückgepfiffen sah. Niemand problematisiert den Vorgang, fragt „transnational-komparativ“ nach der Tragweite und Bedeutung solcher Zähmung des französischen Generals durch die eigene Regierung. Niemand nimmt sich nach all den großspurigen Ankündigungen über die neue komparative Methode die Zeit, einen Blick auf General von Moltke, Fochs deutschen Gegenspieler zu werfen. Warum eigentlich nicht? Seine Rolle in den Monaten Juni und Juli 1914 war verhängnisvoll.

Mit seinen Demarchen und politischen Stellungnahmen, in denen sich die Ansichten der obersten deutschen Militärführung beredten Ausdruck schufen, übte er großen Einfluss und Druck auf die zivile Reichsleitung aus, vor allem gegen Ende Juli 1914, ohne dass der Reichstag, die Vertretung des deutschen Volkes, hätte korrigierend eingreifen können. Schon seit geraumer Zeit verfolgte Moltke im Verbund mit Conrad von Hötzendorff Präventivkriegsgedanken gegenüber einem Russland, das in wenigen Jahren für Deutschland zu einer lebensbedrohlichen Gefahr zu werden drohte. Als ihn ein deutscher Diplomat am 1. Juni 1914 auf die spannungsgeladene Situation in Europa hinwies, erklärte der General: „Wenn‘s doch endlich überbrodeln wollte – wir sind bereit, je eher, desto besser für uns.“ In den letzten Julitagen von 1914 hatte Moltke – anders als sein von der Politik gebremster französischer Gegenspieler – entscheidenden Anteil daran, dass es nicht nur „überbrodelte“, sondern Europa in ein Schlachtfeld verwandelt worden ist.

Das Ultimatum vom 23. Juli 1914

Um ihre fragwürdigen Thesen aufrechtzuerhalten, verzichten die Revisionisten vom Schlage eines Hoeres oder Clark entgegen ihren großspurigen Thesen und Ankündigungen auf eine wirklich vergleichende Wertung der historischen Kontexte, indem sie die Geschichte wie einen Steinbruch behandeln, historisch wichtige Quellen außer Acht lassen oder, weil sie nicht in ihr revisionistisches Weltbild passen, beiseiteschieben und jene, die sich den Quellen stellen und auf ihnen beharren, als nicht ernstzunehmende Moralisten, weltfremde Einzelgänger und Unzeitgemäße brandmarken. Damit blenden sie zugleich alle Bewegungen und Persönlichkeiten aus, die vor dem weiteren Weg in die Barbarei gewarnt und sich ihm vor 1933 widersetzt haben. Vor diesem Hintergrund wird überdeutlich, dass und warum die Revisionisten nicht in der Lage sind bzw. es ihnen auch gar nicht daran liegt, die Entfesselung des Ersten Weltkrieges als „Griff nach der Weltmacht“ zu deuten. Dazu gehören inzwischen auch all jene, die nach 1945 und bis heute für eine deutsche Politik eintreten, die sich eine Vergangenheit zurechtzimmert, welche mit der Wirklichkeit nur wenig zu tun hat.

Sie verzichten damit zugleich darauf, sich jene Bedingungsgefüge vor Augen zu führen, die aufs Engste mit der Kriegsauslösung zusammenhingen. Immerhin existierten in den einzelnen am Krieg beteiligten Ländergruppierungen völlig unterschiedliche Grundvoraussetzungen: hier laizistische Republik und parlamentarische Monarchie, dort halbabsolutistisches, militärisch geprägtes Kaiserreich. Österreich-Ungarn, Serbien und Russland sind in diesem Zusammenhang durchaus zu vernachlässigen. Denn sie hätten niemals einen diplomatischen Alleingang gegen die führenden Mächte ihres Bündnisses gewagt. Österreich-Ungarn musste in Berlin vorsprechen, um dank eines „Blankoschecks“ die Erlaubnis für den gewünschten Angriff auf Serbien zu erhalten. Ein Wort des deutschen Kaisers hätte genügt, um das in Gang gesetzte Räderwerk zu stoppen. Serbien wiederum ist nach dem 23. Juli 1914 von Briten, Franzosen und Russen dermaßen unter Druck gesetzt worden, dass es schließlich ein Ultimatum annahm, das mehr als eine Demütigung darstellte. Russland hingegen war von seinem größten Kapitalgeber, Frankreich, abhängig und hätte niemals ohne dessen Einwilligung einen Angriff auf die Mittelmächte gestartet.

Vom fatalen Fehlen demokratischer Strukturen

Ein solcher Angriff war aber deshalb unmöglich, weil die oben genannte politische Grundkonstellation eine erhebliche Rückwirkung auf die Bereitschaft zum Krieg und auf dessen Durchsetzbarkeit beinhaltete. In einer halbwegs demokratisierten Gesellschaft mit einem funktionierenden Parlament, in Fragen von Krieg und Frieden das letzte Wort sprechend, mit einer bereits von gesellschaftlichen Gruppen beeinflussten Öffentlichkeit, die von der Möglichkeit der friedlichen Konfliktschlichtung überzeugt waren und sich Einfluss auf die führenden Machteliten zu verschaffen wussten, auf Diplomatie, Parlamente, die Wissenschaft, war es erheblich schwieriger, wenn nicht ausgeschlossen, einen Angriffskrieg auf einen unmittelbaren Nachbarn zu inszenieren. Im Konfliktfall förderten demokratische Strukturen und Eliten die Bereitschaft, nach einem Interessenausgleich zwischen den betroffenen Staaten zu suchen und auf den Appell an die Waffen zu verzichten. Nationalistisch-kriegshetzerische Elemente mussten in jedem Fall mit dem energischen Widerstand solcher Gruppen rechnen, die breite Volksmassen zu mobilisieren vermochten.

In Deutschland fehlte ein entscheidender Mechanismus, um chauvinistische Kreise von ihrem gefährlichen Kriegsspiel abzuhalten und die Kriegsfackel im entscheidenden Augenblick zu ersticken: der über politischen Einfluss verfügende Volkswille. Auch diese These wird durch einen Blick in die Krisensituation des Juli/August 1914 belegt. Der deutsche Reichstag, die Vertretung des Volkes, spielte in dieser Phase keine Rolle; er durfte nur den Kriegskrediten zustimmen – auf der Grundlage gefälschter Dokumente. Zu diesem Zeitpunkt standen deutsche Truppen aber schon auf luxemburgischem und belgischem Boden. Die Entscheidung für den Krieg, die Ablehnung aller Vermittlungsvorschläge fiel dagegen in kleinem Kreise, von einigen wenigen Politikern und Militärs beschlossen, die keine Rücksicht auf den Friedenswillen des Volkes nahmen, der sich in den Demonstrationen der Sozialdemokratie manifestierte. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, benötige ich keinen krampfhaft konstruierten „transnationalen“ Ansatz!

Die deutsche Militarismus-Problematik

Hoeres sollte sich einmal das eigentliche Problem vor Augen führen, das Europa 1914 bedrohte: das Denken der preußisch-deutschen Eliten in militärstaatlichen Kategorien und ihre Bereitschaft, im Fall der Fälle das „geschliffene Schwert“ zu ziehen, statt Konflikte friedlich zu lösen. Des Weiteren schadete es ihm nicht, sich mit historischen Quellen zu befassen und zum Beispiel den kritischen Kommentar eines sozialdemokratischen Blattes vom Januar 1914 über die deutsche Militarismus-Problematik zu studieren und ihn mit der Pariser bürgerlichen Gesellschaft der damaligen Zeit „transnational“ zu vergleichen: „Wird das Wort ‚Preuße‘ genannt, so taucht sofort jedermann das unangenehme Bild eines schneidigen Herrn der höheren Stände auf, des Vertreters einer ganz bestimmten Sorte von Weltanschauung, die sich in dem schnarrend ausgesprochenen Ruf ‚Autorität‘ ausdrückt. Und als ‚Autorität‘ oder wenigstens als ein sehr wesentliches Stück davon erscheint der schneidige Herr selbst, der Offizier, Polizeibeamter, Großgrundbesitzer ist oder es wenigstens in seinem äußeren Gehaben zu sein scheinen möchte, ein überlegener Geist, der mit stupider Frechheit auf alle Äußerungen einer überlegenen Kultur im Ausland wie im Inland verächtlich herabsieht, der mit dem ganzen bornierten Hochmut des ‚Geborenen‘ über alle Regungen des Volksgeistes sporenklirrend hinwegschreitet. Spricht man von Preußen, so denkt man an Kasernen und Polizeiwachtstuben, an Dreiklassenwahlrecht, Herrenhaus, Gutsbezirke, Klassenjustiz.“

Hoeres, ein deutscher Universitätsprofessor, aber will solche Stimmen („sind doch nur Einzelstimmen“) nicht zur Kenntnis nehmen, stattdessen unterstellt er anderen und mir „fehlende Vertrautheit mit dem Kriegsvölkerrecht“ und rechtfertigt damit einhundert Jahre nach dem Überfall auf Belgien die Massenerschießungen vom August mir nichts dir nichts als „Repressalien“. Dazu ist eigentlich alles gesagt! Auch hat Hoeres damit seine eigene Frage beantwortet, wer denn die „bestimmten Kreise“ seien, die die deutschen Kriegsverbrechen als „Notwehrhandlungen“ etikettierten. Nochmals zur Verdeutlichung: Es sind diejenigen, die selbst heute noch hartnäckig vom „Einmarsch“ in Belgien sprechen, statt diesen Vorgang korrekterweise „Überfall“ zu nennen, diejenigen, die sich nicht trauen, die belgischen Quellen zum Abgleich ihrer eigenen Ergebnisse heranzuziehen – im „transnationalen“ Verfahren wie von Hoeres großspurig verlangt! Seinem Rat, die belgischen Quellen doch kritischer zu begutachten, möchte ich die Empfehlung beifügen, Herrn Keller an die Hand zu nehmen und mit den Nachfahren der Massaker von Dinant oder Tamines ein vorurteilsfreies Gespräch zu führen und es dann zu „kontextualisieren“. Vielleicht gelingt ihm dann etwas Seltsames, ja Großes, und er stellt eine vollkommene deutsche Einigkeit her: gegen sich – und verabschiedet sich von der Marotte, alles mit allem zu vermischen. Vielleicht wird er dann auch lernen, die „Tausende von Quellen unterschiedlicher Provenienz, Kriegs- und Gefechtstagebücher, Zeugenaussagen, Zeitungsberichte auch neutraler Observanz, medizinische Befunde von Schrotkugelnbeschuss, Regimentsgeschichten von Überfällen aus dem Hinterhalt, Heckenschützen und Beschießungen von tatsächlichen und auch verkleideten Zivilisten“ kritischer einzuschätzen.

Das antidemokratische, militaristische Denken

Das deutsche Problem war das antidemokratische, militaristische Denken, das sich keineswegs mit einem Verweis auf das Völkerrecht eskamotieren lässt. Zweifellos hat es im Krieg auch Übergriffe und Verbrechen von alliierter Seite gegeben. Entscheidend für die Beurteilung dieser Vergehen ist jedoch die Frage, ob sie individuelle Übergriffe oder Begleitumstände einer entsprechenden Militärdoktrin waren. Und das ist im deutschen Fall zweifellos so – hier lautete die Leitlinie „Not kennt kein Gebot!“, „Macht geht vor Recht!“ oder „Unschuldige büßen für die Schuldigen!“ Dadurch machte sich die deutsche Kriegsführung einen solch berüchtigten Namen, dass man durchaus Bezüge zu dem brutalen Überfall der Wehrmacht im September 1939 in Polen herstellen darf. Insofern hat ein menschenverachtender Befehl, der, gegen Ende August 1914 ausgestellt, erst mit Verzögerung den Fronttruppen zur Kenntnis gebracht worden ist, dennoch erhebliche Aussagekraft: er zeigt die oben beschriebene Mentalität, das militaristische Denken der obersten deutschen Heeresführung. Und er ist nur einer von vielen anderen, selbst aus den ersten Augustwochen 1914!

Hoeres und seine augenscheinlichen Mitstreiter sind nicht nur Revisionisten. Sie gebärden sich auch „deutschnational“. Wer wie Clark zentrale Dokumente aus der Julikrise leugnet oder bewusst Zusammenhänge verkürzt bzw. fehlinterpretiert, wer wie Keller längst widerlegte Gräuelgeschichten wiederaufwärmt, sich dabei aber weigert, auch auf belgische Quellen zurückzugreifen, wer wie Krumeich die Dolchstoßlegende reaktiviert oder wie Afflerbach den Alliierten die Verantwortung für die Verlängerung des Krieges über 1917 hinaus aufbürdet, das formidable Eroberungsprogramm der Deutschen in Europa aber relativiert, wer den Versailler Vertrag als „demütigend“ und „Gewaltfrieden“ verdammt, sich aber dagegen sperrt, seine Ursache, den deutschen Kriegswillen von 1914, zur Kenntnis zu nehmen und die Frieden von Brest-Litowsk und Bukarest in seine Bewertung einzubeziehen, wer also all diese historischen Verrenkungen macht, der hat eine klare politische Agenda und keineswegs die hehren Ziele, die Hoeres uns nahelegen möchte. Der will ein bestimmtes Geschichtsbild bekämpfen, das noch vor wenigen Jahren auf wenig Widerstand stieß, nun aber nicht mehr zu den außenpolitischen Ambitionen der Bundesrepublik passt: die These vom Zusammenhang zwischen den beiden Weltkriegen in dem Sinne, dass der zweite die Revanche für den verlorenen ersten darstellt.

Ebenso geht es darum, die damit zusammenhängende Lehre der Deutschen, sich einer Kultur der Zurückhaltung zu befleißigen, auszuhebeln und zu einer Macht- und Weltpolitik zurückzukehren. Die Deutschnationalen der Weimarer Jahre hatten auch nur eins im Sinne: gegen alle Erkenntnisse, das Deutsche Kaiserreich von 1914 zu verteidigen und die Republik zu delegitimieren. Kaum etwas fürchteten sie und ihre nationalsozialistischen Adepten nach 1918 so sehr wie die Kriegsschuldfrage, war sie doch das zentrale Mittel, um ihre Propaganda auf ganzer Front auszuhebeln. Wer die Schuld der kaiserlichen Eliten am Weltkrieg nachzuweisen in der Lage war, vermochte ihnen einen entscheidenden Schlag zu versetzen: entgegen aller pathetischen Selbstdarstellung stürzten sie die Nation ins Verhängnis und waren die eigentlich Schuldigen an Deutschlands Nachkriegsmisere. Wollen die Revisionisten den in Bedrängnis geratenen Deutschnationalen rückwirkend zur Seite springen? Gegen die Aufklärer über den deutschen Kriegswillen?

Zwar geht es heute um ein anderes Ziel, die Mittel sind aber geblieben. Wer sich mit den Clark usw. verbündet, ist als „Deutschnationaler“ zu bezeichnen. Zugleich ist ihnen anzulasten, die These vom „Betriebsunfall“ reaktivieren zu wollen. Das Inkubationsbecken des Nationalsozialismus, den Ersten Weltkrieg als deutschen „Griff nach der Weltmacht“, der am Widerstand einer Weltkoalition scheitern musste, hat man jedenfalls schon einmal „transnational“ neutralisiert. Die deutschnationale Presse von heute hat das längst begriffen. Clark, Spraul, Keller und Genossen werden dort gern rezensiert oder interviewt! Sie und die anderen Genannten sind Teilnehmer des großen Programms der Entlastung und nicht in der Lage, die moralische Verfallsgeschichte der deutschen Gesellschaft, die über den Ersten zum Zweiten Weltkrieg bis hin zu den Gaskammern von Auschwitz reicht, zu erklären und daraus sinnstiftende Konsequenzen zu ziehen. Die Rechtfertigungslügen und die nach 1918 an den Tag gelegte Reuelosigkeit, das sich Freisprechen von jeder Schuld und der Verantwortung für Verbrechen sowie die Ansteuerung von Zielen, die nur mit Gewalt und Krieg erreichbar waren, haben neue Verbrechen erst möglich gemacht, Mitleidlosigkeit, Kälte und Grausamkeit gezeugt.

Statt mit aufklärerischem Wissen über die Ursachen und Folgen fehlgeleiteter Politik aufzuwarten, hält der neue „Revisionismus“ die Menschen davon ab, klarer zu sehen und im Umgang mit Vergangenem als Deutsche wirklich Boden unter die Füße zu bekommen. Wie ihre Vorläufer in der Zeit nach 1918 tragen sie politische Verantwortung für erneute Verdunkelung und, so sich ihre Unschuldspropaganda und -mentalität mit entsprechenden Politik-Konzepten verbindet, für neues Elend.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Omid Nouripour, Peter Hoeres, The European Redaktion.

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