Von der Weigerung, sich den Fakten zu stellen

von Lothar Wieland28.02.2018Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Am 18. August 1914 drängt der Bürgermeister von Ixelles, eines Vorortes von Brüssel, seine Mitbürger zur sofortigen Abgabe aller Schusswaffen auf den Polizeistationen. Als die Meldung vom Anrücken der deutschen Truppen einläuft, lässt er sie umgehend in einen Teich werfen, um keinen Anlass für „Fehlinterpretationen“ zu geben. Deutsche Husaren fischen sie wenige Wochen später wieder heraus.

In seinen Bemerkungen vom 4. Februar 2018 über „Ablenkungsmanöver und Denkverbote“ “weigert sich Alexander Graf”:http://www.theeuropean.de/alexander-graf/13466-debattenkultur-in-der-geschichtswissenschaft abermals, auf meine kritische Besprechung der Untersuchung von Ulrich Keller einzugehen und sich zur Sache zu äußern. Er zieht es vor, meine Bewertung als „eine moralisch ummantelte Diskreditierung“ abzutun. Zweifellos ein durchsichtiges Manöver! Historische Forschung bedeutet zunächst einmal Quellen unterschiedlichster Provenienz zusammenzutragen, um sie in einem abschließenden Prozess einer fein abwägenden, das heißt, differenzierenden Gewichtung und Beurteilung zu unterziehen. Graf macht nur den zweiten Schritt: er kommentiert meine Schlussfolgerungen. Wer sich jedoch der Diskussion der Fakten entzieht, auf denen sie beruhen, verharrt im Wesentlichen auf der Ebene substanzloser Polemik. Um meine Einwände gegen Kellers Schrift ein für alle Mal zu entkräften und mir dann möglicherweise zu Recht den Vorwurf der wissenschaftlichen Unzulänglichkeit anheften zu können, bräuchte Graf lediglich zu einigen Kernfragen Stellung zu beziehen.

Diskreditiere ich einen Forscher, wenn ich darauf hinweise, dass
– erstens die belgische Zivilbevölkerung vor der Konfrontation mit der deutschen Armee im August 1914 entwaffnet worden ist;
– zweitens einzelne Bürgermeister diese Waffenvorräte, wie dem obigen Beispiel zu entnehmen ist, sogar entsorgten, um deutschen Repressalien zu entgehen, zu denen es in anderen belgischen Städten und Dörfern bereits gekommen war;
– drittens kein einziger belgischer Freischärler jemals mit der Waffe in der Hand ergriffen worden ist, um ihn sodann nach den Grundsätzen des Kriegsrechts abzuurteilen?

Hilfreich bei der Beantwortung der drei Fragen ist an dieser Stelle ein kurzer Verweis auf eine unverdächtige Quelle – die Aussage des kommandierenden Generals des Kriegsgefangenenlagers in Munster, der dem „Berliner Tageblatt“ im Herbst 1914, also zu einem Zeitpunkt, als die Marneschlacht den Augustrausch bereits aus den Köpfen getrieben hatte, die folgende Versicherung gab: „Es ist unzutreffend, dass die im Munsterlager befindlichen zahlreichen belgischen Zivilgefangenen (= viele kamen aus Dinant und Leuven, LW) auf unsere Soldaten geschossen haben, nur bei zwei Gefangenen liegt ein solcher Verdacht vor. Ebenso unrichtig ist es, dass bei ihnen bei der Einlieferung noch abgeschnittene Finger mit Ringen vorgefunden sind, sowie dass sich unter ihnen auffallend viele Geistliche befanden. Es sind nur wenige belgische Geistliche im Munsterlager gewesen, gegen die ein besonderer Verdacht überhaupt nicht vorliegt.“ Missachte ich, so ist Graf weiter zu fragen, die wissenschaftliche Leistung Kellers, wenn ich hervorhebe, dass
der Quellenwert derjenigen Dokumente, die den Kern seiner Argumentation ausmachen, mehr als fragwürdig ist und er sich ihnen völlig unkritisch genähert hat? Ist es eine Diskreditierung, wenn ich Kellers bewussten Verzicht auf das belgische Material moniere, wodurch seine Untersuchung erheblich an Glaubwürdigkeit verliert?

Nehmen wir zur Illustration den Fall der am 9. August 1914 von deutschem Militär besetzten limburgischen Stadt Tongeren. Über eine Woche später, am Abend des 18. August, erschießen deutsche Soldaten elf Zivilisten, die für einen angeblichen Angriff der längst entwaffneten Bürgerwehr verantwortlich sein sollen. Häuser werden angezündet, die Stadt wird geplündert. Noch in der Nacht treiben die Deutschen die gesamte Einwohnerschaft, 10.000 Personen, aus der Stadt. Belgische Quellen führen die Übergriffe auf eine Schlägerei unter deutschen Soldaten zurück, die im Zustand der Trunkenheit ihre Gewehre abfeuerten. Diese Sicht der Ereignisse findet ihre Bestätigung in dem nach dem Krieg verfassten Bericht eines deutschen Augenzeugen, der den zeitgenössischen Propagandadarstellungen solcher Vorkommnisse völlig zuwiderläuft:

_„Eines Nachts war eine gewaltige Schießerei in Tongeren im Gange, bei der es Tote und Verwundete gab. Die tollsten Gerüchte schwirrten über einen Überfall durch die Belgier. Punkt zehn Uhr fielen auf dem Marktplatz Schüsse, sie schienen vom Kirchturm aus abgegeben zu sein, man vermutete als Täter belgische Zivilisten. Wie dem auch war, jeder Deutsche glaubte, von seinem Gewehr oder der Pistole Gebrauch machen zu müssen, und so entstand das lächerlichste Gefecht, das man sich denken kann. Wir hatten vor einem Gasthaus auf dem Markt gesessen, der von deutschen Soldaten wimmelte. Im Nu war alles leer. Ich nahm mir in meiner jungen Soldatenseele vor, den anderen ein gutes Beispiel zu geben, blieb ruhig sitzen und speiste meine Portion zu Ende. Getroffen wurde in der Nähe niemand, aber unheimlich war es doch. Dann lief ich um den ganzen Marktplatz herum und versuchte, unsere schießenden Soldaten zu beruhigen. Vergebens. In einer engen Seitengasse knallten unsere Leute aus mehreren Parterrefenstern in eine gegenüberliegende Etage, aus der deutsche Soldaten das Feuer heftig erwiderten. Erst bei meinem Dazwischentreten hörte man auf. Niemand wurde hier verletzt. Das war mir unbegreiflich. Während des Höhepunktes der Kanonade erlebte ich, wie mächtig ein Vorbild auf eine erregte Menge wirken kann. Ganz langsam kamen vier Reiter aus einem Seitengäschen auf den Platz, unbeweglich saßen sie auf ihren ruhigen Pferden. Dann stellten sie sich wie erzene Standbilder um den Marktbrunnen, und im selben Augenblick war die Schießerei verstummt. Ich hätte die Dragoner vor Begeisterung umarmen können. Als die Ruhe wiedergekehrt war, wurden mit fieberhaftem Eifer Haussuchungen vorgenommen und viele Belgier verhaftet. Da ich sah, wie kopflos sich unsere aufgeregten Soldaten gegen die Bewohner benahmen, führte ich selbst einige Durchsuchungen aus. In keinem Fall konnte man den völlig verängstigten Belgiern etwas nachweisen. Trotzdem wurden die Repräsentanten der Stadt als Geiseln im Rathaus festgesetzt, und um Mitternacht musste das innere Stadtviertel von den Bewohnern geräumt werden. Die Verwirrung begann von neuem, keiner wusste, wohin die Bevölkerung gebracht werden sollte. Die schrecklichen Szenen machten auf mich einen tiefen Eindruck, einige Freunde und ich halfen, so gut es ging. In diesem Wirrwarr fiel plötzlich dicht neben mir ein Schuss. Im Scheine meiner Taschenlampe sah ich einen betrunkenen Infanteristen, der anscheinend noch einmal eine Knallerei inszenieren wollte. Ich ließ den Mann von zwei Kameraden in sein Quartier bringen. Dann blieb ich niedergeschmettert vor einem kleinen Eckladen stehen, aus dem gerade ein Kürassier eine Hand voll Uhren herausholte. Ich übergab den Verhafteten einem Feldwebel. Dicht am Portal des Kirchturms stolperte ich über etwas. Es war ein erschossener Belgier.“_

Erst wenn Graf seine inhaltliche Abstinenz aufgibt und sich einer Diskussion und Bewertung der Fakten stellt, wäre er in der Lage, ein präzises Urteil über Keller und meine Kritik zu fällen. Nur dann ließe sich mir „Diskreditierung“ und „Schwarz-weiß-Malerei“ attestieren. Er zeige uns also die „vielen Grautöne“, die die Geschichte des angeblichen belgischen Franktireurkrieges zu bieten hat.
Keine Frage: „Porzellan“ im deutsch-belgischen Verhältnis darf zerschlagen werden, aber nur wenn die Attacke fundiert ist, das präsentierte Material Substanz besitzt und die Argumentation auf der Basis aller zugänglichen Quellen erfolgt. „Porzellan“ zu zertrümmern ist leicht, es zu reparieren mehr als schwierig, ist erst einmal die wissenschaftliche Dürftigkeit einer vorgelegten These erwiesen. Spätestens jetzt glaubt der Angegriffene zu erkennen, dass dem Angriff keineswegs der Wille zur Verständigung oder Zusammenarbeit zugrunde liegt und reagiert entsprechend verstimmt. Ebenso wenig gibt es „Denkverbote“. Wissenschaftliche Positionen wie die von Keller und Graf sind fraglos vertretbar, sollten aber damit rechnen, kritisch begutachtet und schließlich als das bezeichnet zu werden, was sie de facto offerieren: eine eklatante Verzerrung der Wahrheit, die sich durchaus mittels eines kontradiktorischen Verfahrens ermitteln lässt, in dem gegensätzliche Auffassungen unter Heranziehung vielfältiger Quellen gegeneinander abgewogen werden.

Wer alte, längst widerlegte Gräuelgeschichten wieder aufwärmt, wer heroische Selbstmordschützen in einer Stadt (Dinant) erfindet, die aus drei Himmelsrichtungen von sächsischen Truppen in Korpsstärke angegriffen wird, wer die Erschießung von 674 Einwohnern, mehr als die Hälfte Frauen und Kinder, mit angeblichen Widerstandsakten der Zivilbevölkerung rechtfertigen will, wer die rücksichtslosen, in jeder Hinsicht inhumanen Befehle der deutschen Generalität als verständliche Verteidigungsmaßname aus der Welt schaffen möchte, der wird in der Folge keineswegs in die „deutschnationale Ecke“ geschoben. Er befindet sich bereits dort, auf der rechtskonservativen Seite des politischen Spektrums, dessen offenkundiges Interesse die Aufpolierung der in zwei Weltkriegen arg befleckten deutschen Waffenehre zu sein scheint. Und wer im Gewand des nur der Wissenschaft verpflichteten Gelehrten dem Kontrahenten Unredlichkeit und überzogene Schärfe unterstellt, der verteidigt Positionen, die bereits in den 1920er Jahren als nicht mehr diskussionswürdig galten. Patrioten und Europäer wie Wilhelm Muehlon, Albert Einstein, Walther Schücking, Georg Moenius oder Friedrich Wilhelm Foerster, aber auch flexible Mitarbeiter des Schuldreferats des Auswärtigen Amtes hatten sich längst von den Gräuelgeschichten („Megären von Herstal“) des Weltkrieges verabschiedet.

Mit der Attitüde eines elder statesman, der den Kontrahenten auf der Grundlage seiner Lebensweisheit zur Mäßigung und Besonnenheit mahnt, hinter dieser Maske aber ein revisionistisches Projekt zustimmend begleitet, behauptet Graf, es sei inzwischen „unbestritten“, dass die kaiserliche Armee Kriegsverbrechen verübt habe. Man möge sich also nicht so echauffieren! Er vergisst zu erwähnen, dass sie von bestimmten Kreisen als unvermeidliche „Notwehrhandlungen“ relativiert und damit letztlich eskamotiert werden. Schon die kritische Würdigung des Deutschen Weißbuchs von 1915, die Peter Schöller und Franz Petri 1958 vornahmen, löste ein nicht zu überhörendes Grummeln des damals noch einflussreichen „Stahlhelm“-Flügels der deutschen Gesellschaft aus. “Selbst wenn eine Franktireurpsychose entstanden ist, die den Kampf hoffnungslos verschärft und vermutlich auch unschuldige Opfer gefordert hat“, urteilte ein deutscher Historiker damals beinahe verzweifelt, „selbst wenn, wie nicht bewiesen, aber wahrscheinlich ist, Fälle von Selbstbeschießung deutscher Soldaten vorgekommen sind, ausgelöst muss (!) das Ganze durch irgendeinen Angriff von belgischer Seite sein.”

In dieser Tradition blieb auch Thomas Nipperdey, der noch in den 1990er Jahren in einem viel gelesenen Werk von „bewaffneten Zivilisten und Heckenschützen“ sprach, deren Attacken die deutschen Truppen zu „planloser Härte“ und „´kurzem Prozeß´“ provozierten. Selbst die materialgesättigte Untersuchung, die John Horne und Alan Kramer zur Jahrtausendwende veröffentlichten, blieb nicht ohne Missfallenskundgebungen, die 2016 in Gunter Sprauls Gegenschrift „Der Franktireur-Krieg 1914“ und im Jahr darauf in Kellers Untersuchung mündeten. Immer wieder flankiert von wohlwollenden Rezensionen des Würzburger Historikers Peter Hoeres, der alles mit allem, Birnen mit Äpfeln vergleicht. Es fehlt ihm und seinesgleichen der Blick für das Besondere der deutschen Geschichte. Die Frage nach den Ursprüngen des „Dritten Reichs“ scheint für sie keine Relevanz zu besitzen; es ist wohl vom Himmel gefallen – „Betriebsunfall“ eben! Ein Militarismus-Problem der Deutschen kennen sie nicht. Hoeres empört sich über die von Horne und Kramer erarbeitete Analogie zwischen den Verbrechen von 1914 und denen in Polen von 1939, sieht darin einen Determinismus, zieht die Armenier-Morde und den bolschewistischen Terror heran, um die belgischen Massaker auf diese Weise zu nivellieren. Er konzediert deutsche Kriegsgräuel, versucht sie aber mit juristischen Feinsinnigkeiten zu relativieren: Könnte es nicht doch Freischärler gegeben haben?

Wer zweifelt noch daran, dass sich hier eine revisionistisch ausgerichtete Kritik an aufklärerischen Arbeiten artikuliert, die inzwischen die Form einer mittleren Kampagne angenommen hat – und zwar im Vorfeld der hundertjährigen Wiederkehr der Fixierung des Versailler Vertrags? Hoeres und seine Mitstreiter weigern sich, den Fortschritts¬gedanken in der Menschheitsgeschichte als normativen Faktor der Geschichtsbetrachtung zu sehen. Sie sind blind für den Um¬stand, dass die freiheitliche Welt die deutsche Kriegführung des Ersten Weltkrieges – nicht nur die in Belgien angewandte – als zivilisatorischen Rückschritt, als Wiederbelebung von Prinzipien verstand, die man spätestens seit den Haager Konferenzen für überwunden gehalten hatte. Dass die Macht ein irrationaler Faktor ist, bleibt ihnen ebenfalls weiterhin verborgen.

Selbst wenn es einzelne Freischärlerattacken gegeben haben sollte, was von belgischer Seite nie abgestritten worden ist, aber bisher auch nicht bewiesen werden konnte – dann, ja dann sind natürlich die summarischen Erschießungen, die Massakrierung von Geiseln, Frauen und Kindern, die Brand¬schatzung von Dörfern und Städten verständlich – oder? Wer spricht da noch über eine (Un-)Verhältnismäßigkeit der Mittel! In Dinant machen deutsche Truppen ein Zehntel der Bevölkerung in summarischen Füsilladen nieder, lediglich 200 von 1400 Häusern entgehen der Brandschatzung. Am „Rocher Bayard“ im Stadtteil „Les Rivages“ werden keine Freischärler, sondern Geiseln zur Abschreckung erschossen Als die Deutschen „Les Rivages“ am Nachmittag besetzen, treiben sie die Einwohner sofort aus ihren Häusern und versammeln sie am „Rocher“. Pioniere, die eine Pontonbrücke über die Maas bauen, werden von den Franzosen vom anderen Ufer unter Beschuss genommen. Daraufhin schickt man einen Bewohner zu ihnen hinüber und droht die Erschießung der Geiseln an, sollten sie das Feuer nicht einstellen. Zunächst ruhen die Waffen, doch das Feuer flackert wieder auf. Sofort werden die Geiseln zusammengetrieben und exekutiert – gegen den Widerstand eines vergeblich intervenierenden Offiziers. 90 Tote, unter ihnen Frauen, Greise und Kinder!

Ist es nicht entlarvend, dass das Reichsgericht der Weimarer Republik das Verfahren gegen die schuldigen Offiziere mit der lapidaren Bemerkung einstellte, sie hätten nach Kriegsrecht gehandelt, „ihre Maßnahmen“ seien durch „die Kriegsnotwendigkeit“ geboten gewesen? Und doch urteilte das Gericht aus seiner Sicht zu Recht, denn das barbarische Vorgehen der deutschen Frontoffiziere war durch die deutsche Kriegsdoktrin gedeckt, die den Primat des Militärischen und die Macht über das Humane und das Recht stellten und in Europa und der Welt den bereits genannten Aufschrei der Empörung auslöste. Die im Handbuch für den Kriegsgebrauch (1902) fixierte deutsche Militärdoktrin, dass der Unschuldige mit dem Schuldigen oder an seiner Stelle zu büßen habe beziehungsweise dass der brutalste Krieg der humanste sei – das stieß in der zivilisierten Welt auf Unverständnis!

General von Bissing, später Generalgouverneur von Belgien, drohte Ende August 1914 in einer öffentlichen Bekanntmachung „äußerste Maßregeln“ gegen die angeblichen Freischärler an. „Da müssen Unschuldige mit den Schuldigen leiden… Dass Menschenleben bei der Unterdrückung der Schändlichkeit nicht geschont werden können, dass einzelne Häuser, ja blühende Dörfer und selbst ganze Städte dabei vernichtet werden, ist gewiss beklagenswert, darf aber zu unangebrachten Gemütserregungen nicht verleiten. Sie dürfen uns nicht so viel wert sein, wie das Leben eines einzigen unserer braven Soldaten. Das ist selbstverständlich und braucht eigentlich nicht gesagt zu werden, hier Mitleid zu zeigen, wäre sündhafte Schwäche… Rücksichtslosester Schutz unseren von Mord umlauerten Solaten um jeden Preis!“

Kriegsminister Falkenhayn stellte der Truppe am 26. August 1914 schließlich eine Art Freifahrtschein aus, zu einem Zeitpunkt, als die Bürger Leuvens noch als angebliche Freischärler von einer immens überlegenen Besatzungsmacht gejagt wurden. Jede Person, befahl er, könne „ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht“ sowie, „auf frischer Tat bei feindseligen oder verräterischen Handlungen gegen die deutschen Truppen“ angetroffen, ohne gerichtliches Verfahren „behandelt“ werden. Damit ist die belgische Bevölkerung zum Freiwild erklärt worden! Der einzelne Soldat befand nun darüber, wen er als Franktireur anzusehen hatte. Kann man die Nähe dieser von höchster Stelle verfügten Befehle zu der barbarischen Kriegführung der Wehrmacht nicht förmlich spüren?

Graf glaubt mir vorwerfen zu müssen, dass ich die Relevanz der Geschichtswissenschaften für die Tagespolitik überschätze. Ist es nicht naiv, den Eindruck erwecken zu wollen, die deutsche Politik habe kein oder kaum Interesse an historischer Forschung? Geschichte in Deutschland ist spätestens seit Versailles und den Verbrechen des Nationalsozialismus ein Politikum ersten Ranges! Kostproben gefällig? Steuerung der Geschichtsschreibung durch die Weimarer Unschuldspropaganda des Auswärtigen Amtes; Fischer-Kontroverse mit Einflussnahme des Auswärtigen Amtes auf Auslandsreisen des Hamburger Ordinarius; Wehrmachtausstellung, begleitet von massiven Protesten von CDU, CSU und Rechtsextremen usw. usf.

Weiß Graf nicht, dass 2014 anlässlich der hundertjährigen Wiederkehr des Ersten Weltkrieges eine konzertierte Aktion gegen das Herzstück des Versailler Vertrags, die Kriegsschuldfrage, inszeniert wurde? Dass Christopher Clark nicht nur den angeblichen Nationalismus Serbiens und Russlands als kriegsauslösend anprangerte, sondern sogar das „Gespenst der deutschen Einkreisung“ unter Führung Großbritanniens beschwor, das die Anti-Versailles-Kampagne von vor 1933 beherrschte! Dass Herfried Münkler, einflussreicher Politikberater, Deutschlands Kriegsbereitschaft als bloße Phantasmagorie verwarf, obwohl der preußische Generalstab dem Krieg im Westen „mit großer Zuversicht“ (31.Juli 1914) entgegengesehen hat! Dass sich die Journalistin Cora Stephan über das „Poor little Belgium“ mokierte, dem Großbritannien keineswegs aus moralischen Gründen zur Hilfe gekommen sei, habe es das unter seiner Protektion stehende Land doch selbst angreifen wollen! Dass der damalige Außenminister Steinmeier eine gravierende Ähnlichkeit zwischen dem Sommer 1914 und der Krimkrise konstatierte, womit Russland in beiden Fällen der schwarze Peter verpasst wurde! Dass uns der unvermeidliche Sönke Neitzel den Ersten Weltkrieg frei nach Tolkien nicht nur als „ein Ringen zwischen Mittelerde und Mordor“ verkaufen wollte, sondern es sogar wagte, ihn zu einer Epoche der europäischen Identitätsstiftung zu stilisieren, obwohl doch jeder weiß, dass er einen tiefen Graben quer durch Europa gezogen hat. „Das Gedenkjahr 2014“, so tönte Neitzel, „bietet die große Chance, dies in Erinnerung zu rufen.“ Ist das keine Instrumentalisierung der Geschichtsschreibung für politische Zwecke, für das Projekt Europa?

Die Diskussion über die Ursachen des Ersten Weltkrieges – und auch die deutschen Kriegsverbrechen in Belgien – wird ohne Zweifel angetrieben von aktuellen politischen Interessen der Bundesrepublik. Im Vordergrund steht die Abwicklung kritischer Untersuchungen über Macht und Herrschaft, die die Ursprünge des „Dritten Reichs“ in der Geschichte des Ersten Weltkrieges oder gar des Kaiserreichs verorten. Ein führender Protagonist dieser neuen Geschichtsschreibung hat die Zusammenhänge zwischen heutiger Politik und Geschichtsforschung unverblümt benannt: „Es lässt sich kaum eine verantwortliche Politik in Europa betreiben, wenn man die Vorstellung hat: Wir sind an allem schuld gewesen.“ Insofern schießt man sich auf Fritz Fischer und seine Thesen ein, die nach innen wie „ein politischer Tranquilizer“ gewirkt, also Deutschland daran gehindert hätten, „Verantwortung in der Welt“ zu übernehmen. Zum hundertjährigen Jahrestag des Versailler Vertrages werden wir in die nächste Runde des Revisionismus eintreten.

Das Wesentliche ist gesagt. Solange sich Graf nicht an den Tatsachen, sondern an Schlussfolgerungen und Interpretationen orientiert, die sich, wie von mir verdeutlicht, auf dubiose Fakten stützen und wichtige Dokumente gar nicht berücksichtigen, macht es wenig Sinn, die Debatte fortzuführen. Spiegelfechtereien dürften schließlich auch den Leser ermüden.

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