Schlager ist so eine Art Flucht für die Menschen. Dagobert Jäger

Nötige Erwiderung auf veritable Ablenkungsmanöver

„Wir haben sehr schwere Verluste – auch an höheren Offizieren – erlitten, wohl weil die Truppen rücksichtslos vorgegangen sind.“ „Wir haben leider sehr viel sengen und brennen müssen, und viele Bewohner haben ihr Leben eingebüßt.“ (General von Einem, Chef des VII. Armeekorps, Eintrag Kriegstagebuch / Privatbrief über die Kämpfe vor Lüttich, 9. und 10. August 1914)

Deutscher Soldat beim Zeichnen „malerischer“ Ruinen im belgischen Städtchen Dinant, 1914

In einer Entgegnung auf meinen Artikel „Nötige Bemerkungen zu einer überflüssigen Debatte“ vom 22. Dezember 2017, in dem Ulrich Kellers Schrift „Schuldfragen: Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914“ einer kritischen Würdigung unterzogen wird, fordert Alexander Graf Respekt vor „neuen Perspektiven“, die alte „liebgewonnene Vorstellungen“ in ein obsoletes Licht tauchten. Wer will hier schon widersprechen, handelt es sich doch um eine Grundvoraussetzung der Geschichtswissenschaft.

Nur durch die Diskussion, durch Erforschung und Präsentation neuer Quellen und Inhalte hat sich zum Beispiel das Geschichtsbild über den Ersten Weltkrieg weiterentwickelt, verfeinert, aber auch modifiziert. Inzwischen füllen Unmengen von historischen Beiträgen die Regale der Bibliotheken. „Neue Perspektiven“ haben aber nur dann eine realistische Chance, sich in der Wissenschaft neu oder dauerhaft zu etablieren, wenn sie sich fundiert belegen lassen und die bisherige Literatur und Quellenlage ausgiebig und seriös berücksichtigt werden. Wo das nicht der Fall ist oder Forscher im Zuge ihrer Neuinterpretation historischer Sachverhalte relevante Gesichtspunkte ausblenden und ignorieren, müssen sie damit rechnen, öffentlich auf ihre Fehlleistungen und -schritte hingewiesen zu werden, und dann darf es durchaus auch einmal polemisch zugehen.

Hat Graf die „Fischer-Kontroverse“, die Debatte über die Glaubwürdigkeit der Riezler-Tagebücher, den „Historikerstreit“ oder die Dispute über die „Wehrmacht-Ausstellung“ in seinem historischen Proseminar verschlafen, die allesamt mit scharfen Klingen ausgefochten wurden? Anderer Auffassung zu sein als Clarke oder Keller, die in ihren Arbeiten unzählige haarsträubende Thesen aufstellen und keineswegs mit Polemik gegenüber unliebsamen Wissenschaftlern sparen, bedeutet gewiss nicht, sich bloßer Polemik hinzugeben. Versteht Graf unter Polemik nur etwas Negatives, ist ihm die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs als Streitkunst und gelehrte Fehde nicht geläufig? Der Verfasser hat mit klaren, unmissverständlichen Worten auf die Unhaltbarkeit der Ansichten Kellers und anderer hingewiesen.

Kritikwürdige Sachverhalte sind als solche zu kennzeichnen. Was ist daran schlimm oder unstatthaft? Oder geht es darum, mit wohl klingenden Worten, aber wenig einleuchtenden Mitteln ein Denkverbot zu errichten? Und wenn Keller den deutschen, vom „Kampf gegen Versailles“ kontaminierten Quellen uneingeschränkten Glauben schenkt oder deutschen Generälen, die ohne Gefühlsregung belgische Städte in Schutt und Asche legten bzw. Frauen und Kinder massakrieren ließen, seine explizite Hochachtung zollt, dann ist das deutlich herauszustreichen. Seit wann sind „angesehene Professoren“ aus „Santa Barbara“ oder „fachliche Instanzen der Forschung zum Ersten Weltkrieg“ vor diesem wissenschaftlichen Procedere geschützt? Haben wir bereits wieder Zeiten, in denen mit einigen laxen Bemerkungen Redeverbot erteilt wird, weil die Obrigkeit oder Graf es sich wünscht?

Hieraus folgt, dass sich Graf in bedenklicher Weise dem deutschnationalen Lagerdenken der 1920er Jahre nähert, wenn er dem Verfasser vorwirft, einen „Kotau“ vor dem „Narrativ“ der alliierten Siegermächte von 1918/19 zu machen. Damals, in den vom „Kampf gegen Versailles“ vergifteten Zeiten, verharrte eine große Mehrheit der Deutschen in einem rigiden Freund-Feind-Denken, von dem die nationalsozialistische Bewegung in ungeahntem Maße profitierte. Sollte es, so wäre zu erwidern, nicht ein Grundprinzip der Geschichtsschreibung sein, sich in einem komparativ-kritischen Verfahren behutsam dem Kern eines Problems zu nähern, das heißt möglichst unter Heranziehung aller relevanten Quellen der „Wahrheit“ so nahe wie möglich zu kommen? Wenn ja, dann spielt es keine Rolle, ob das Ergebnis einer Untersuchung probelgisch oder prodeutsch ist. Es geht ausschließlich um eine unvoreingenommene Forschung und Interpretation der Quellen. Und leider – das muss man wohl konzedieren! – bietet die deutsche Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wenig Erbauliches, um sich auf die Seite des eigenen Volkes schlagen zu können! Indem Graf ignoriert, dass sich Keller an Quellen und „Sachverhalten“ orientiert, die selbst von der im Regierungsauftrag handelnden Unschuldspropaganda verworfen worden sind, fällt er, seinem Protagonisten folgend, auf die Ebene einer Geschichtsschreibung zurück, die mit der Erforschung der Wahrheit wenig gemein hat.

Graf zieht sich das Mäntelchen der „objektiven“ Wissenschaft an, die sich hochmütig über die schrecklichen Folgen des deutschen Angriffs auf Belgien, den Tod unschuldiger Bürger und die Vernichtung ihrer Existenz hinwegsetzt: auf diese Petitessen könne man keine Rücksicht nehmen, wenn die Quellen ihre Wahrheit sprechen. Wer auf solch hohem Ross sitzt und mit grenzenloser und weltmännisch sich gebärdender Nonchalance für sich den Anspruch wahrer Wissenschaftlichkeit reklamiert, im Ausland aber den Eindruck des arroganten Deutschen verstärken hilft, der vor geraumer Zeit dort wieder entstanden ist, der möge Farbe bekennen und sich inhaltlich zu einer wissenschaftlichen Kontroverse äußern, die unübersehbare politische Dimensionen besitzt. Kann er es nicht, dann liefert er nur billige Behauptungen und sollte sich lieber in Schweigen hüllen. Graf möge also nachweisen,
1. wo belgische Freischärler „eine unheilvolle Gewaltspirale“ ausgelöst haben;
2. wo man sie auf frischer Tat ertappt und abgeurteilt hat;
3. wo Keller auf der Grundlage kontradiktorischer Forschung, d.h. unter Berücksichtigung der belgischen Quellen und Literatur bisherige Forschungsergebnisse widerlegt, sich also als „objektiver“, fein abwägender Wissenschaftler erweist;
4. wo sich Keller kritisch mit seinen deutschen Quellen und ihrer spezifischen Provenienz auseinandersetzt;
5. wo in der bisherigen Forschung von „enthemmten, brutalen und mordgierigen“ deutschen Soldaten gesprochen wird.

Graf möge ferner noch einmal in sein historisches Repetitorium schauen, um herauszufinden, wo Fritz Fischer eine „Alleinschuldthese“ formuliert hat. Sollte er dazu nicht in der Lage sein, wird er den Vorwurf akzeptieren müssen, „im Eifer des Gefechts“ Unwahrheiten verbreitet zu haben. „Rückzugsgefechte“ kann man im Übrigen nur angesichts eines überlegenen Kontrahenten einleiten. Graf und wohl auch jene, die er verteidigt, ermangelt es aber an der Grundlage, wirklich offensiv handeln zu können: überzeugendem Material. Er möge dem Verfasser Defizite und Fehler in seinen Bemerkungen nachweisen, mit ihm streiten. Auf „Rückzugsgefechte“ würde er vergeblich hoffen! Im Gegenteil, denn seine „vermeintlichen Gewissheiten“ existieren nicht per se, sie sind – wenn es sie in der Geschichte denn überhaupt gibt! – das Resultat quellengesättigter Forschung. Graf möge seine Ergebnisse unterbreiten und dagegen halten. Kann er es nicht, so gibt er sich mit „vermeintlichen Gewissheiten“ zufrieden.

Graf liefert ein veritables Ablenkungsmanöver, offensichtlichen Flankenschutz für einen Revisionsversuch, der unter wissenschaftlichen Beschuss geraten und in Belgien auf viel Unverständnis und auch Zorn gestoßen ist. Ein belgischer Militärhistoriker hat sogar aus Anlass des Waffenstillstandstages von 2017 einen diesbezüglichen offenen Brief an Frau Merkel geschrieben. Vermutlich wird er keine Antwort bekommen – schon 2014 hielt die Kanzlerin es für unangemessen, einer Einladung der Stadt Dinant zum 100. Jahrestag der Gräueltaten zu entsprechen.

Grafs „nötige Entgegnung“ reduziert sich auf Allgemeinweisheiten, Plattitüden und persönliche Angriffe, die sich politisch sehr wohl einordnen lassen. Ich wiederhole mich gern: hier sind Historiker – keineswegs „überall“, aber an einflussreicher Stelle – am Werke, die das Geschichtsverständnis Deutschlands generell überholen wollen, um seine augenblicklich stattfindende Neupositionierung im Zeitalter von Globalisierung und Europäisierung flankierend zu begleiten. Und dazu müssen die offenkundigen Zusammenhänge zwischen den beiden Weltkriegen aufgelöst werden. Das als Revisionismus zu bezeichnen, entspricht dem Sachverhalt, mit dem wir es tun haben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sevim Dagdelen , Hugh Williamson, Reinhard Bütikofer.

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