Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen. Henry Ford

Nötige Bemerkungen zu einer überflüssigen Debatte

Mühsam und schmerzhaft war der Weg zur Versöhnung zwischen Deutschen und Belgiern. Nun werden die Wunden wieder aufgerissen! Folgt man einer neuen, von Ulrich Keller verfassten Schrift, dann haben 1914 in Dinant oder anderen belgischen Ortschaften in der Tat die berüchtigten Franktireurs gewütet und dadurch „furchtbare Reaktionen“ von deutscher Seite provoziert. Was ist davon zu halten?

Am 6. Mai 2001 ereignet sich auf der Maasbrücke „Charles de Gaulle“ im südbelgischen Dinant etwas Außergewöhnliches: erstmalig seit 1953 wird neben den Flaggen der anderen EU-Staaten diejenige der Bundesrepublik aufgezogen. An diesem Tag übernimmt die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch Walter Kolbow, den Staatssekretär im Verteidigungsministerium, in einer feierlichen Zeremonie die Verantwortung Deutschlands für die tragischen Ereignisse von Dinant im August 1914. Kolbow bittet die Stadt um Verzeihung für die Zerstörungen, die das obige Bild veranschaulicht, sowie zuvörderst für die damaligen Bluttaten, denen knapp ein Zehntel der damaligen Bevölkerung zum Opfer gefallen war: 674 von rund 7.000 Einwohnern. Es dauert noch bis zum 10. August des gleichen Jahres, bis die kleine Stadt an der Maas die deutsche Bitte akzeptieren und den 6. Mai 2001 zum „Tag der Aussöhnung“ erklären wird.

Volle 87 Jahre hatte es gedauert, bis sich die Nachfahren der 1914 in Massenexekutionen ermordeten Bewohner dazu durchringen konnten, in die Versöhnung mit dem Nachbarvolk einzuwilligen. Wie ist diese jahrzehntelange, halsstarrige Verweigerung zu erklären? Weshalb schlug einem deutschen Besucher der Stadt Dinant noch in den 1970er Jahren tiefe Abneigung und subtiler Hass entgegen? Warum traf er auf eine Mauer des Schweigens? Weshalb musste man sich in diesem Ort als unerwünschte Person fühlen? Verhielten sich so die Nachkommen von heimtückischen, brutalen Mördern, Männern, Frauen und sogar Heranwachsenden, die als Freischärler, bewaffnet mit Schrot- und Vogelflinten oder auch Messern und Beilen, unschuldige deutsche Soldaten aus dem Hinterhalt überrumpelt und auf zum Teil grausame Art verstümmelt und ermordet hatten?

Alliierte Kriegsverbrechen?

Mühsam und schmerzhaft war der Weg zur Versöhnung zwischen Deutschen und Belgiern. Nun werden die Wunden wieder aufgerissen! Folgt man einer neuen Schrift, verfasst von Ulrich Keller, dann haben 1914 in Dinant oder anderen belgischen Ortschaften in der Tat Franktireurs gewütet und dadurch „furchtbare Reaktionen“ von deutscher Seite provoziert. Kellers Argumentation basiert vor allem auf der Behauptung, die belgische Regierung habe mit kaltem politischem Kalkül die eigene Bevölkerung in einen Volkskrieg getrieben. Belegen kann er sie allerdings nicht. Wie auch! Sind doch bereits deutsche Unschuldsadvokaten zwischen 1914 und 1933 trotz großer Anstrengungen an dieser Beweisführung gescheitert. Selbst aus dem reichhaltigen Fundus des Reichsarchivs vermochten sie keine plausible Anklage gegen die belgische Regierung zu formulieren.

Zweifellos waren die Belgier im August 1914 entschlossen, sich dem deutschen Überfall mit militärischer Macht entgegenzustellen. Schließlich wurde hier die eigene Neutralität von dem Staat gebrochen, der sie garantiert hatte. Hieraus ergab sich schon das Recht auf Notwehr. Welche verantwortungsbewusste Regierung – und die damalige belgische war eine solche, überaus patriotisch und stark vom Königshaus beeinflusst, um das sich das Volk während des Krieges scharen sollte – hätte aber ihre eigene Bevölkerung, Junge wie Alte, die nicht in der mobilisierten Armee dienten, in einen Krieg mit der stärksten Landmacht Europas gestürzt, die an der eigenen Grenze mit einer Million Mann und hochmoderner Ausrüstung aufmarschierte?

Die Einwohner der Dörfer östlich von Lüttich wussten, dass sich ihre Armee zurückgezogen hatte und in wenigen Stunden die ersten deutschen Einheiten vor ihren Dörfern auftauchen würden. Sollten diese Belgier, meist aus bäuerlichem Umfeld, wirklich bereit gewesen sein, in selbstmörderischer Weise auf die anrückenden Deutschen zu feuern? Sie wussten, dass es kein Entrinnen geben würde. Die deutsche Generalität hatte schärfste Vergeltung angedroht: man würde sie füsilieren, ihren Familien Leid antun, ihr Eigentum und Dorf zerstören. Wie sollten diese Bauern einen geplanten, koordinierten Verzweiflungsakt wagen, wo sie selbst kein Training, keine Kommunikation, keine militärische Infrastruktur besaßen und waffentechnisch hoffnungslos unterlegen waren? Seit dem 5. August 1914 hatte sie zudem Innenminister Berryer eindringlich und wiederholt ermahnt, den militärischen Kampf der Armee zu überlassen. Die Missachtung dieser Anweisung könne Repressalien zur Folge haben. Man hatte sie auch aufgefordert, ihre Waffen im Rathaus abzuliefern – bei Androhung scharfer Sanktionen im Verweigerungsfall. Dass die Bürger dieser Anordnung Folge leisteten, ist für alle Orte nachweisbar, die Massenexekutionen zu erleiden hatten.

Höllische Furien und das Schicksal Leuvens

Vor diesem Hintergrund konstruiert Keller dubiose Hypothesen, für die er nur dürftige Indizien anzubieten hat. Er frischt sogar alte Schauergeschichten wieder auf wie die vom „heldenhaften Widerstand der weiblichen Bevölkerung“ von Herstal, die sich gleich einer „Schar höllischer Furien“ den „tapferen Ulanen“ in den Weg gestellt hätten. Kellers Quisquilien sind umso abenteuerlicher, als er dazu auf Material aus dem September 1914 rekurriert, dessen Quellenwert selbst das Schuldreferat des Auswärtigen Amtes der späten 1920er Jahre als untauglich für den propagandistischen Kampf gegen Belgien eingeschätzt hat. Die Deutschen standen wenige Wochen nach Kriegsbeginn unter erheblichem Druck, hatten sie doch großspurig die Welt davon in Kenntnis gesetzt, dass die Universitätsstadt Leuven nach einem „Strafgericht“ nicht mehr existieren würde. Der Protest der Weltöffentlichkeit war so gewaltig, dass die Reichsleitung umgehend eine gerichtliche Untersuchung der Franktireurfrage einleitete. Durchgeführt wurde sie von der eigens dafür eingerichteten „Militär-Untersuchungsstelle für Verletzungen des Kriegsrechts“; federführend verantwortlich waren deutsche Kriegsgerichtsräte.

Der für Leuven zuständige war ein Dr. Ivers, dessen Namen man indessen bei Keller vergeblich sucht. Vielleicht, weil ein deutsches Gericht 1916 urteilte, er sei ein „chronischer Alkoholist“, den man nicht als einen „vollwertigen Menschen“ ansehen könne? Oder weil sein Verteidiger in dem gegen ihn angestrengten Betrugsprozess schließlich Freispruch beantragte, da „der Angeklagte nicht das Bewusstsein der Rechtswidrigkeit aus Mangel an sittlichem Empfinden habe“? Für diese schillernde Person stand das Ergebnis seiner Untersuchung schon im Voraus fest: die Bevölkerung war schuldig. Bei seinen Vernehmungen hauptsächlich deutscher Soldaten schreckte er nicht vor massiver Einflussnahme und Manipulation zurück: die Vorgeladenen durften nicht frei sprechen, sondern nur auf seine Fragen antworten. Ivers stellte Suggestivfragen, verschärfte oder ergänzte Berichte, die er für unzureichend hielt, ließ Aussagen belgischer Zeugen verfälschen, wenn sie der eigenen Version widersprachen.

Die Weigerung des Schuldreferats, das von dieser „Militär-Untersuchungsstelle“ zusammengestellte Material heranzuziehen, ist mehr als verständlich, denn die Aussagen der Soldaten waren untrennbar verknüpft mit den damals längst widerlegten Wahnvorstellungen der Gräuelpropaganda aus den ersten Kriegstagen 1914, die den Belgiern sadistische Exzesse vorwarfen: selbst Frauen und Kinder sollten danach deutschen Verwundeten „die Augen ausgestochen, Ohren, Nase, Fingerglieder und den Geschlechtsteil abgeschnitten“ haben. Das Deutsche Weißbuch von 1915 versammelte dennoch eine Auswahl dieser Zeugenaussagen, konnte aber erst nach mehrmaliger redaktioneller Überarbeitung erscheinen, während der man unbequeme Schilderungen deutscher Soldaten ebenso eliminierte wie kritische Aussagen der wenigen belgischen Zeugen.

Fehlerhafte Aufrechnung unterschiedlicher Sachverhalte

Dass sich dieses Dokument nicht der wahrheitsgetreuen Darstellung der Ereignisse verpflichtet fühlte, sondern der propagandistischen Rechtfertigung der deutschen Taten, ficht Keller nicht an. Er sieht in dem Weißbuch eine seriöse, bisher von der Forschung bewusst und systematisch „ignorierte“ Quelle, die den Volkskrieg „lückenlos“ dokumentiere. Weshalb, möchte man hier fragend einwenden, hat es sich dann über die grausamen Exekutionen von Tamines, Ethe, Visé oder auch Termonde ausgeschwiegen? Vor der Veröffentlichung des Buches, so Keller weiter, seien lediglich „redundante Aussagen“ gestrichen und einige „Retuschen“ vorgenommen worden, ohne die Kernaussage zu beeinflussen. Erkennt er nicht, dass er, indem er längst erledigten Propagandaschriften neue Glaubwürdigkeit zu verleihen sucht, deutlich an wissenschaftlicher Seriosität verliert?

Hat Keller jemals von der „Großen Zeit der Lüge“ gehört, in der selbst die haarsträubendsten Geschichten kolportiert wurden? Zum Beispiel die Gerüchte von den verstümmelten und „bestialisch zu Tode gequälten“ deutschen Soldaten, die er uns als Wahrheit verkaufen will. Auch in methodischer Hinsicht sind seine Ausführungen schwer zu goutieren, verschiebt er doch leichtfertig die Akzente und zeichnet neue, fragwürdige Konturen, indem er das Schicksal eines souveränen Staates, der 1914 Ziel eines schrecklichen Überfalls geworden ist, mit den angeblichen Gewalterfahrungen deutscher Soldaten aufrechnet, ohne zu berücksichtigen, dass sie Teil einer rücksichtslosen Angriffsmaschinerie waren.

Akribisch wertet Keller die Akten des deutschen Reichsgerichts von 1920 bis 1926 aus, das gegen an Kriegsverbrechen beteiligte deutsche Soldaten ermitteln musste. Überrascht es, dass er diesen Dokumenten ebenso volles Vertrauen schenkt, wie er die Propagandabroschüren des Schuldreferats als „gründliche wissenschaftliche“ Beiträge anpreist oder die deutsche, wohlgemerkt apologetische Publizistik der damaligen Zeit als stets „korrekt“ klassifiziert, während er – Überraschung! – die kritische gar nicht erst erwähnt? Und das obwohl bekannt sein sollte, dass sich das Reichsgericht (rstens bei fast allen Entscheidungen auf das Weißbuch von 1915 als verlässliche Quelle berief und sich zweitens – wie auch andere staatliche Stellen – als Instrument im „Kampf gegen den Schandvertrag von Versailles“ verstand, damit aber auch extrem parteiisch war. Das Reichsgericht hat die überlebenden Soldaten nicht neu vernommen, sondern die Vorgeladenen lediglich zu ihren Aussagen von 1914 befragt.

Selbstbeschuss, Disziplinlosigkeit und Trunkenheit

Welcher Betroffene wird in der politisch aufgeheizten Atmosphäre der Kriegsverbrecherprozesse seine ursprünglichen Schilderungen revidiert haben? Der Kriegsschuldparagraph 231 stand einer wahrheitsgemäßen Positionierung deutscher Zeugen im Weg. Und dennoch fällt auf, dass die nunmehr vielfach abgeschwächten Aussagen der verhörten Personen die deutsche These von den Freischärlern erschütterten. Selbstbeschuss, Disziplinlosigkeit und Trunkenheit unter den Soldaten kamen zur Sprache. Diese Hinweise, ergänzt durch entlarvende Aussagen belgischer Augenzeugen, sind von den Richtern nicht für weitere kritische Nachfragen genutzt worden. Da Keller auf die „Rehabilitation“ des deutschen Militärs abzielt, muss er sich ihnen anschließen.

Keller liefert eine verzerrende, seinem eigenen Narrativ unterworfene Interpretation der Quellen, die spekulativ und letztlich irreführend ist. Die Theorie von der Franktireurpsychose verwirft er salopp, schließlich sei der deutsche Soldat, „hervorragend ausgebildet“ und „siegesgewiss“, wie im Manöver in den Krieg gezogen – ohne Anspannung und Furcht! Fakten, die diesem Wunschbild widersprechen, werden souverän aus dem Weg geräumt. Man sieht förmlich Kellers inneren Kotau vor dem General von Boehn, der in Leuven einen Hauptmann wiederholt fragt, ob geschossen worden sei, bevor er ein Haus anzünden lässt. Der Wert solcher Aussagen, die das korrekte Handeln der „hoch disziplinierten preußischen Armee“ belegen sollen, ist deshalb mehr als gering, weil sie nicht adäquat kontextualisiert werden. Wie wahrscheinlich ist ein orchestrierter Feuerüberfall, wenn man weiß, dass die Bevölkerung via Presse und Avis important vor Gewaltakten gewarnt und schon Tage vor den Massakern entwaffnet worden ist; sie ferner durch Berichte aus den gebrandschatzten Dörfern zutiefst eingeschüchtert war; außerdem belgische Truppen in der Nähe Leuvens operierten, die sich mit den deutschen vereinzelt Scharmützel lieferten und Ursache für Panikreaktionen unerfahrener Landsturmverbände waren; schließlich die seit dem 19. August zu Tausenden in die Stadt einmarschierenden Deutschen schärfste Maßnahmen verhängten, um erwartete Übergriffe präventiv zu unterbinden? Berücksichtigt man diesen Kontext, erscheint die erwähnte Aussage in einem wesentlich anderen Licht!

Aber Keller will sich gar nicht vorstellen, dass es einen „Überfall“ der als besonnen geltenden Einwohnerschaft nicht gegeben haben kann. Er missachtet eine Grundbedingung der historischen Wissenschaft, die unvoreingenommene Prüfung unterschiedlichster Hypothesen, über die er zweifellos zu einem wirklichen Erkenntnisgewinn hätte gelangen können. Dieser Weg wird ihm jedoch durch seine conditio sina qua non versperrt: die These vom Volkskrieg, an der er keineswegs rütteln will! Um beweglicher zu werden, müsste Keller seine grundsätzliche Distanz zu belgischen Zeugenaussagen aufgeben. Doch für ihn steht unwiderruflich fest: die Bekundungen der deutschen Soldaten sind generell „unbestreitbar“, wasserdicht, diejenigen der belgischen Zivilisten jedoch per se „höchst dubiose“ Geschichten, ausgedacht, um sich rückblickend für brutale Übergriffe zu rechtfertigen.

Eine Kampfschrift, ein Pamphlet

Keller schwingt sich zum Verteidiger der kaiserlichen Armee auf, deren Gewalttaten aber so schrecklich waren, dass er eine Mitschuld konzedieren muss: sie habe zwar zu exzessiver Gewalt gegriffen, sei aber zweifellos provoziert worden. Damit wäre die Schuld auf beide Seiten verteilt. Allein die Tatsache, dass es fast nur summarische Erschießungen gegeben hat, ohne Untersuchung oder Gerichtsverfahren, die auch in der deutschen Militärgerichtsbarkeit vorgeschrieben waren, dass die belgische Bevölkerung damit zum Freiwild erklärt wurde, hätte zu einem kritischen Urteil führen müssen. Kellers deutschnationale Fixierung versperrt ihm aber den Weg zu der Erkenntnis, dass in Belgien eine in Europa gefürchtete Doktrin des preußisch-deutschen Militärs zur Anwendung gekommen ist: der rücksichtslose Krieg verkürze den Kampf und sei deshalb die einzig wahre Humanität.

Schon Kellers Diktion verrät Verständnis für diese Art von Kriegführung: die deutschen Maßnahmen seien nun einmal von den „hinterhältigen“ Belgiern provoziert worden, damit aber auch „militärisch rational und begreiflich“. Wie kann man eine Kriegführung mit der angeblichen Existenz eines nie bewiesenen „Untergrundkrieges“ verteidigen, bei der selbst der unbefangene Betrachter hier und da eine bedenkliche Nähe zu Methoden der Wehrmacht wahrnehmen muss? Eine Kriegführung, die Geiseln nahm und sie, wenn man die Notwendigkeit zu sehen glaubte, gnadenlos füsilierte; die Unschuldige für Schuldige kollektiv verantwortlich machte; die Dörfer und Städte nach Gutdünken brandschatzen ließ; die die Massakrierung von Frauen, Jugendlichen und sogar Kindern ebenso ungestraft hinnahm wie den coup de grace für Überlebende – auch Frauen – einer Füsillade; die schließlich Einwohner als angebliche „Freischärler“ zu Tausenden nach Deutschland verschleppte! Empathie für die betroffene Zivilbevölkerung? Fehlanzeige! Keller steht fest an der Seite der deutschen Generalität, die zur Erfüllung des „Schlieffen-Plans“ die militärische Methode der „Dampfwalze“, wie Kurt Riezler schrieb, zu praktizieren bereit war. Selbst die durchaus flexiblen Mitarbeiter des Schuldreferats hätten gewiss auf Kellers Mitarbeit verzichtet, denn sie wussten, dass die fürchterlichen Massenfüsilladen von Leuven, Dinant, Tamines, Aerschot oder Andenne nicht mit irgendwelchen obskuren belgischen Verfehlungen aufzurechnen waren.

Da Keller keine neuen Dokumente beizubringen weiß, kann auch er nur krude Vermutungen über die Existenz von Franktireurs anstellen. Er greift auf die Methoden der deutschen Unschuldspropaganda der 1920er Jahre zurück, die durch die Konstruktion indirekter Bezüge und gezielte Insinuationen den Volkskrieg zu belegen hoffte. Doch hat man irgendwo Franktireurs auf frischer Tat mit den Waffen in der Hand ertappt und verhört, sie der Öffentlichkeit präsentiert oder gar verurteilt? Man wusste doch, wie wichtig dies für die Außenwirkung war! Kein Problem für Keller: obwohl er einräumen muss, dass es keine „klaren offiziellen Befehle“ der belgischen Regierung zur Führung eines Volkskrieges gegeben habe, erfindet er „plötzliche“, „heftige“ Feuerüberfälle, für die er nun – abweichend vom Weißbuch – nicht mehr die Bewohner als solche, sondern „empörte Amateurschützen“, „waffenkundige Bürgerwehrangehörige“ verantwortlich macht. Gab es auch waffenunkundige Gardisten? Verantwortlich waren demnach auch „professionell ausgebildete Soldaten“. Liefert Keller hier unbewusst den Beweis für reguläre Kampfhandlungen der belgischen Armee? Wie passt zu den heroischen Freischärlern, die ihr ganzes Dorf ohne Aufbegehren der Mitbewohner ins Verhängnis reißen, aber die Tatsache, dass sich 1,5 Millionen Belgier, also ein Viertel der Gesamtbevölkerung, innerhalb weniger Wochen vor den deutschen Armeen ins sichere Ausland absetzten?

Die fragwürdigen Schrotschüsse

Das Deutsche Weißbuch spricht zwar unablässig von wilden, heimtückischen Feuerüberfällen auf deutsche Soldaten, erstaunlicher Weise entkommen diese jedoch fast immer unverletzt den mörderischen Attacken. Andernfalls hätten deutsche Militärärzte bereits unmittelbar nach den Kämpfen lautstark auf Verwundungen durch nichtmilitärische Waffen aufmerksam machen müssen. Doch auf diese Idee sind erst die Mitarbeiter des Reichsarchivs gegen Ende 1928 gekommen, als man im propagandistischen Abwehrkampf gegen Belgien verzweifelt nach Argumenten suchte. Das Ergebnis ihrer Nachforschungen war enttäuschend: aus riesigen Materialbergen konnten sie in monatelanger Arbeit nur gut 150 angebliche Schrotverletzungen herausfiltern, unter ihnen lediglich 5, die per Röntgenaufnahme einwandfrei einer nichtmilitärischen Waffe zuzuordnen waren.

Erneut übernimmt Keller kritiklos fragwürdige Untersuchungsergebnisse. Es spielt für ihn keine Rolle, dass die Schrift „Schrotschüsse in Belgien“ (Berlin 1931), verfasst von Alfons Fonck, Oberstleutnant im Reichswehrministerium und vor einer Karriere im „Dritten Reich“ stehend, ein Propagandaerzeugnis war, das der „Arbeitsausschuss Deutscher Verbände“, die Speerspitze der deutschen Anti-Versailles-Bewegung massenhaft verbreitete. Das Schuldreferat hingegen formulierte gewichtige Einwände: da Fonck für viele Ortschaften nur eine oder zwei diesbezügliche Verletzungen zu ermitteln wusste, bestätige seine Untersuchung nicht die deutsche, sondern die belgische These, dass höchstens einige wenige versprengte Irreguläre deutsche Einheiten attackiert hätten. In Belgien gab es 1914 ungefähr 2.600 Gemeinden, von denen nahezu 2.000 im August/September 1914 von deutschen Truppen okkupiert worden waren. Wie wollte man angesichts von knapp 80 Gemeinden, in denen deutsche Soldaten mit bis zu zwei (!) Schüssen aus dem Hinterhalt angegriffen worden seien, von einem organisierten Volkskrieg sprechen?

Selbst dieser Einwand lässt Keller keinen Augenblick in seiner Tour de Force innehalten. Mit einer gehörigen Portion an Sophistik den Sachverhalt verzerrend, behauptet er unverdrossen, die Zahl von Schussverletzungen aus privaten Waffen müsse noch erheblich höher liegen, da deren Einsatz „nicht einwandfrei nachweisbar“ sei. Ist das nicht ein klassisches Eigentor? Einige verstreute Aussagen aus der Weltkriegszeit genügen Keller, um ausgerechnet das 1914 schwer getroffene Dinant zu einer Festung verzweifelt kämpfender Bürger zu stilisieren, die sich sogar mit gehacktem Blei gegen die Deutschen gewehrt hätten. Wie miserabel muss angesichts dieser heroischen Entschlossenheit und Selbstverleugnung die Kampfkraft der französischen Einheiten gewesen sein, die vor der geballten Macht der sächsischen Regimenter auf das andere Maas-Ufer auswichen, an der Marne aber die Deutschen zum Rückzug zwangen! Keller jedenfalls hält seinen ultimativen Beweis für einen „orchestrierten Franktireurkrieg“ in der Hand! Spielt es dann noch eine große Rolle, dass der deutschen „Vergeltung“ 92 Frauen (18 älter als 60 Jahre, 16 unter 15) und 577 Männer (76 älter als 60 Jahre, 22 unter 15) zum Opfer fielen? Unter ihnen 14 Kinder unter 5 Jahre, das jüngste 3 Wochen alt!

Die Märtyrer des August 1914

Sich dem Vaterland gegen eine fremde Besatzung opfernde Zivilisten – seien es die Franktireurs von 1870/71 oder die Mitglieder der Résistance nach 1940 – sind stets in den Diskurs der eigenen glorreichen Geschichte aufgenommen worden. Umso mehr fällt auf, dass die 1914 erschossenen belgischen Bürger selbst 100 Jahre nach den grausamen Vorkommnissen als unbeteiligte, hilflose Opfer gesehen werden. Sie sind immer noch „les martyrs des August 1914“, keineswegs aber die Helden einer aberwitzigen Volkserhebung, die das ganze Dorf ins Verderben riss. Wer einen Blick auf die Websites der cités martyres wirft, spürt, mit welcher Anteilnahme an die toten Mitbürger erinnert wird. Keller hat auch hier eine Erklärung, die schlaglichtartig die moralische Fragwürdigkeit seines Vorgehens entlarvt. Die belgische Staatsräson, erklärt er seinen Lesern in deutlicher Anlehnung an revisionistische Positionen der 1920er Jahre, habe die „offizielle Anerkennung“ des Franktireurwesens unmöglich gemacht. Man registriert Häme, wenn er auf die angebliche Opferrolle des „poor little Belgium“ anspielt.

Wie Hohn klingt auch die mit krudem Materialismus formulierte Bemerkung, dass sich Belgien einem „ehrenden Gedenken“ seiner Freischärler verweigern musste, weil es dadurch seine Reparationsansprüche „unterminiert“ hätte. Betroffene belgische Familien hätten deshalb nur „private Erinnerungen“ an den „bewaffneten Widerstand“ gepflegt. Wer ist nach diesem Zynismus noch darüber erstaunt, dass ein seriöser Wissenschaftler wie Krumeich den vielen erschossenen „Franktireurs“ posthum seinen „Respekt“ für ihre „Opferbereitschaft“ glaubt ausdrücken zu müssen? Was steckt dahinter, wenn die Schrift eines Kunsthistorikers, in der in deutschnationaler Manier nachweislich altbekannte Gräuelgeschichten und längst widerlegte Behauptungen aufgetischt werden, mit einem höchst befremdlichen Vorwort von Gerd Krumeich versehen wird und umgehend ein Symposion, ausgerechnet in Potsdam, zur Folge hat, das von einem wissenschaftlichen Tausendsassa geleitet wird, der bereits 2014 als Vertreter eines radikalen deutschen Revisionismus in den Schuldfragen des Ersten Weltkrieges in Erscheinung getreten ist? Das ist dann sicher kein Zufall mehr!

Materiell und logistisch bestens aufgestellt, machen diese Revisionisten, nachdem Christopher Clarke ihnen 2014 die Bresche geschlagen hat, mit grenzenloser Chuzpe tabula rasa mit dem alten, „moralisierenden“ Geschichtsverständnis der Bundesrepublik und drängen ihr ein neues Geschichtsbild auf, das nahtlos an die entschiedene Unschuldspropaganda der 1920er Jahre anknüpft, offenbar aber erheblich besser zu den politischen und ökonomischen Ambitionen der Bundesrepublik in Europa und der Welt passt als die kritischen Anschauungen Fritz Fischers, der einen engen, unauflöslichen Zusammenhang zwischen den beiden Weltkriegen gesehen hat und die Deutschen zu außenpolitischer Bescheidenheit drängte. In diesen Kontext passt die Schrift Kellers! Seine Parteigänger im rechtskonservativen Dunstkreis haben bereits eilfertig die Deckung verlassen und feiern sein Elaborat überschwenglich als „Meisterwerk“. Die Vorbereitungen für das Jubiläumsjahr 2019 sind getroffen!

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Herbert Ammon, Sebastian Dullien, Florian Spichalsky.

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