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Männerfantasien

Jungen- und Männerförderung ist nicht grundsätzlich falsch. Trotzdem sollte man im Kopf behalten: Benachteiligt sind meistens immer noch die Frauen. Statt seriös zu diskutieren, werden Grabenkämpfe ausgetragen.

Die deutsche Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Kristina Schröder (CDU), propagiert eine verstärkte Förderung von Jungen. So hat sie unter anderem im Jahre 2011 erstmals den „Boy’s Day“ ins Leben gerufen, bei dem sich analog zum „Girl’s Day“ Schüler für bisher als eher unmännlich geltende Berufe interessieren sollen. Dieselbe Ministerin hat zudem ein Buch („Danke, emanzipiert sind wir selber. Abschied vom Diktat der Rollenbilder“) veröffentlicht, in dem sie dem Feminismus zuruft, es nun mal gut sein zu lassen.

Für Furore sorgt auch ein weiteres Buch: „Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann“. Wortreich beklagt Autor Ralf Bönt darin, dass in der westlichen Welt mittlerweile die Männer das benachteiligte Geschlecht seien: Sie hätten eine geringere Lebenserwartung, würden immer noch an alten Rollenbildern gemessen und hätten als Vater weniger Rechte als Mütter. Noch schärfer artikulieren die sogenannten „Maskulisten“ die vermeintliche Diskriminierung von Männern: Ihre extremsten Vertreter verneinen unter anderem die Tatsache weiblicher Lohndiskriminierung und halten, seriöse Daten und Studien ignorierend, die Diskussion um Gewalt gegen Frauen für völlig überzogen.

Keinen Schritt weiter

Steht es wirklich so schlimm um die Männer? Hat der Feminismus Frauen nicht nur zur Gleichberechtigung verholfen, sondern sie zu den wahrhaft Herrschenden gemacht? Nun, davon kann ja wohl keine Rede sein. Man(n) muss schon sehr furchtsam sein, wenn die Förderung von naturwissenschaftlichen Interessen bei Mädchen gleich als Vernachlässigung ihrer Mitschüler empfunden wird. Und es ist schlicht perfide, komplexe Konstellationen, in denen Frauen aus diversen Gründen oft weniger verdienen als ihr Partner und deshalb eher die Karriere zugunsten der Kinder an den Nagel hängen, auf ein neidisches „Frauen haben die Wahl zwischen Kindern und Karriere, Männer nicht“ einzudampfen.

Das Ärgerliche daran ist: Solange wir uns in solchen Grabenkämpfen um jeden vermeintlichen Vorteil aufreiben, werden wir auf dem Weg in eine gleichberechtigte Gesellschaft keinen Schritt weiter kommen. Selbstverständlich sollen auch Männer ohne gesellschaftlichen Druck entscheiden können, ob sie sich in den Job stürzen wollen oder lieber der Familie Vorrang einräumen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn künftig mehr Männer etwa in dem bislang von Frauen dominierten Erziehungssektor tätig sein und dort auch besonders auf die Jungen einwirken würden.

Ursache und Wirkung

Zu einer seriösen Diskussion über das Thema gehört aber auch, anzuerkennen, dass Artikel 3 in erster Linie wegen der jahrhundertelangen historischen Benachteiligung der Frau in unser Grundgesetz aufgenommen wurde. Der Hinweis darauf ist nicht männerfeindlich. Wer diesen Fakt leugnet, verwechselt schlicht Ursache und Wirkung. Womit keiner Fördermaßnahme für Jungen ihre Berechtigung abgesprochen werden soll – aber jede dieser Aktionen kleinlich mit den Bemühungen zu verrechnen, hierzulande eine wirkliche Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann zu erreichen, zeugt nicht gerade von einem objektiven Blick auf unsere Welt. Sondern eher von einer trotzig vorgeschobenen Schmolllippe – und die, liebe Männer, nervt euch an uns Frauen doch auch.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Nils Pickert, Eckhard Kuhla.

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