Wie ein altes Rollenbild den Kinderwunsch junger Frauen beeinflusst

von Lisz Hirn10.09.2016Gesellschaft & Kultur, Medien

Solange sich das sozial etablierte Klischee der „guten Mutti“ nicht ändert, sollte sich hierzulande niemand wundern, dass sich immer mehr Frauen gegen ein Leben mit Kindern entscheiden. Kinder sind für sie (zumindest im Moment) ein schlicht unerschwinglicher Luxus.

Im Allgemeinen könnte man glauben, es hätte sich in den letzten Jahrzehnten vieles für die deutschen und österreichischen Frauen zum Positiven verändert. Beruf und Familie sind angeblich besser zu vereinbaren. Mutterschaft ist flexibler geworden. Wenn das stimmt, warum bleiben beide Länder in der Gebärstatistik im EU-Vergleich zurück? Es fällt auf, dass viele Frauen, obgleich gut ausgebildet und in Partnerschaft, mit über 30 noch kein Kind haben oder wollen. Sind sie Einzelfälle? Beim Nachforschen kommt schnell der Verdacht, dass das traditionelle Klischee von der „Guten Mutti“, die alles zum Wohl ihrer Kinder opfert, etwas mit der gewollten Kinderlosigkeit zu tun haben könnte. Scheinbar gibt es einiges, was das angeblich so „natürliche“ Bedürfnis der Frau zur Mutterschaft hemmt.

Zurück zur Natur

Beim Blättern durch die Statistiken, Frauenzeitschriften, Schwangerschafts- und Familienratgeber wird einem rasch klar: Natur ist wieder „in“. Alles soll so „naturbelassen“ wie möglich sein, denn – so die Logik – was „natürlich“ ist, ist gut. Unsere aktuelle Situation mache gewissen Experten zufolge umso deutlicher, dass eine radikale Rückkehr zur Natur nötig sei, nicht nur in Bezug auf den Klimawandel, die knappen Ressourcen und Umweltkatastrophen, sondern in allen Belangen. Es betrifft also auch die Frauen, die nun möglichst natürlich sein sollen: beim Verhüten, Schwangerwerden, Gebären, Stillen und Muttersein. Umfragen belegen die neue Pillenangst, Umsatzzahlen die Angst vor den Hormonen, die Frauen lieber zu „natürlichen“, aber vergleichsweise unsicheren Methoden wie zum Beispiel die Kalendermethode greifen lässt. Es muss eine bessere, verträglichere, ökologischere Lösung geben, die “„Pille“ ist nicht mehr so sakrosankt, wie sie mal war”:http://verhuetungsreport.at/2015/ergebnisse.

Im ganzen Zyklus der Frau soll möglichst wenig Chemie sein, denn der Einsatz von Chemie ist unnatürlich, folglich nicht gut. Auch beim Kinderkriegen wird auf Natürlichkeit gesetzt. Das Beste für den Säugling ist eine natürliche Geburt und die Mutterbrust, das kann frau in verschiedensten Schwangerschaftsratgebern nachlesen. Für die weitere Entwicklung ist Muttermilch das um und auf, so die offizielle Botschaft der globalen Liga (La Leche Liga), die seit den 1950er Jahren dafür kämpft, dass alle Frauen (öfentlich) stillen. Wohlgemerkt nicht nur die, die es wirklich wollen. Die Muttermilch fördere nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch die sozialen Fähigkeiten und das Lebensglück von “Säugling und Gesellschaft”:http://www.lalecheliga.at/index.php?id=79. Kann es sein, dass das zukünftige Lebensglück so wesentlich von der Mutterbrust abhängt? Und was ist dann mit den kurz bzw. gar nicht gestillten Kindern? Es gab auch Zeiten, in denen die Flasche als „Befreiung“ der Frau von Mutterpflichten und als willkommener Ersatz – bei keiner oder zu wenig Muttermilch – gehypt wurde. Unsere Omas waren noch froh, eine „künstliche” Alternative zur Hand zu haben, die in der Qualität mit der Muttermilch fast identisch war. Nicht stillen zu „müssen“ wurde als eine Art Luxus gesehen.

Heute ist das anders. Eine der ersten Fragen von Bekannten ist meist die, ob frau hoffentlich eh stillt. Schließlich ist doch wissenschaftlich bewiesen, dass die Brust das Beste für das Kind oder doch nicht? Es ist nicht verwunderlich, dass der Aufruf zur entblößten Brust nach endlos langen Jahren der propagierten („unnatürlichen“) Flaschennahrung kam. Das „Stillen nach Bedarf“ wurde die mütterliche Praxis par excellence. Letztere macht zumeist einen längeren “Rückzug der Frauen vom Arbeitsmarkt nötig”:http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/gender-statistik/vereinbarkeit_von_beruf_und_familie/index.html.

Breast is best?

Zu stillen gefällt nicht allen Frauen. Wer stillende Mütter darauf hinweist, riskiert als Stillgegnerin zu gelten oder als Egoistin, die ihr persönliches Wohlbefinden dem des Kindes vorzieht. Das Stillen ist nicht mehr nur eine alternativlose Notwendigkeit oder Glaubensfrage, sondern ist zu einem Politikum geworden. Aus der gutzuheißenden Befreiung der Brust ist ein Zwang zur Brust geworden, der von propagandatauglichen Filmen mit dem Slogan „Breast is best“ in sogenannten „babyfreundlichen“ Geburtskliniken untermauert wird. Ich gebe zu, ich habe mir den Film nicht angesehen, stattdessen aber ein Gespräch mit Dr.in Marina M., klinische Psychologin einer gynäkologischen Abteilung geführt. Kennengelernt habe ich sie, als ich selbst Gast auf der Station war, die sie betreut.

Nach der obligatorischen Anfangsfrage, ob ich stille oder warum nicht, erzählt sie mir ihre Geschichte. Drei Kinder hat sie geboren, alle gestillt. „Der Druck ist einfach zu groß gewesen… Die letzte Tochter habe ich allerdings nur vier Wochen gestillt. Gewollt habe ich es nicht,“ sagt Marina M. „Auf dieser Station darf man nicht schlecht über das Stillen reden. Alle Frauen sollen es versuchen. Ob sie wollen oder nicht. Jeden Tag sehe ich Dramen auf der Geburtenstation. Mütter, die etwas tun, was sie gar nicht wollen. Oder welche, die es wollen, aber bei denen es nicht gut funktioniert. Der Druck ist immens hoch. Und kommt nicht nur von der frisch gebackenen Mami selbst,“ so Marina M. Sehr wenige, so ihre langjährige Erfahrung, tun es gerne und schaffen es körperlich problemlos. „Oft ist auch eine Depression die Folge, die bevorzugt Frauen trifft, die stillen. Der außerordentlich hohe Hormonspiegel ist daran schuld.“ Unser Gespräch endet abrupt, da eine der Säuglingsschwestern das Zimmer betritt.

Am Anfang war die Vagina

Nach dem Gespräch mit der Psychologin beschließe ich, mit jungen (und älteren) Müttern über ihre Erfahrungen zu reden. Es stellt sich heraus, dass überraschend viele von ihnen unheimlich verstörende Erlebnisse während ihrer Schwangerschaft und Geburt durchgemacht haben. Die wenigsten haben ihren Ärger via Ombudsstellen kundgetan, die eigentlich verhindern sollten, dass sich derlei negative Erlebnisse ständig wiederholen. Ob es nun um chauvinistische Ärzte geht, die Schwangere verunsichern, statt zu stärken, Oder ob es um die Scham, nicht natürlich entbunden zu haben.

Hanna Z. hat beides erlebt, wie sie gegenüber Broadly erzählt. Sie hat sich lange auf eine „natürliche Geburt“ vorbereitet, mit eigener Hebamme hat sie sich in einer als „babyfreundlich“ gekennzeichneten Klinik angemeldet — doch es kommt alles anders. Die Herztöne des Kindes werden schwächer, der diensthabende Gynäkologe ist äußerst unsensibel, am Schluss weinte sie vor Verunsicherung. „Schön war es nicht per Kaiserschnitt zu entbinden. Ich habe mir das alles ganz anders vorgestellt. Leider habe ich mich auch total langsam erholt. Es hat lange gebraucht, dass ich mich mit der Narbe angefreundet habe. Auch Sex ist seit der Geburt nicht mehr so wichtig, wie er mir früher war,“ so Hanna Z. Sie hat das Gefühl, den Elchtest nicht bestanden zu haben. Die Frage, warum es denn „besser“ sei, eine Geburt „natürlich“ und unter Schmerzen durchzustehen, hat sie sich nie gestellt.

Beim weiteren Recherchieren höre ich, dass viele Frauen an den Nachwehen des Kaiserschnitts leiden und sich nur langsam im verlängerten Wochenbett erholen. „Das Wochenbett ist in unserer Zeit leider nicht mehr als ein Relikt. Statt sich auszuruhen und versorgt zu werden, arbeitet die frisch gebackene Mutter meist rund um die Uhr und wird von Verwandten heimgesucht, die ihre Ansprüche auf den Säugling anmelden,“ erzählt Hebamme Tina P. gegenüber Broadly. Die Angehörigen leben oft nicht in ihrer Nähe der Wöchnerin, der Partner oder die Partnerin muss arbeiten und ihre Freunde sind entweder selbst mit Kinderbetreuung geschlagen oder haben weder Lust noch den Gedanken daran, sie zu unterstützen. Sie scheinen nicht zu finden, dass der Kontakt mit einem schreienden, pupsenden, rülpsenden Säugling das Nonplusultra-Ereignis am Ende der Woche ist, wie Werbung und Babyzeitschriften es zu propagieren versuchen. Kann man ihnen das wirklich übel nehmen? „The childfree“ sind froh, mit einem süßen Foto am Handy wieder zu gehen und dem Wonneproppen ganz seiner Mutter zu überlassen, die diesen über alles liebt und angeblich nichts lieber tut, als 7/24 für ihn verfügbar zu sein. Beklagen sollte sich die junge Mama jedenfalls nicht. Schließlich hätte sie sich ja dafür entschieden – selber schuld?

Zuerst Mutter, dann Frau?

Spätestens ab der Geburt des Kindes wird den Frauen über verschiedenste Kanäle suggeriert, dass sie nun vorrangig Mutter und die Bedürfnisse des Kindes über ihre zu stellen seien, zumindest kann man das in Frauenzeitschriften genauso wie im katholischen Pfarrblatt nachlesen. Es scheint also nicht nur der kategorische Imperativ der konservativen Familiennostalgiker, sondern auch der öffentlichen Meinung zu sein. Am liebsten möchte frau ihnen zurufen: Ja, wir sind Mütter, aber wir wollen genauso gut ficken wie ihr (Kinderlosen) auch. Unser sexueller Trieb stirbt nicht zwingend mit der Geburt unseres ersten Kindes. Wir haben ein gesundes Bedürfnis nach Schlaf wie nach Selbstverwirklichung, Lust auf Blödsinn und auf das Beste für unser Kind. Es geht uns nicht nur um die Vereinbarkeit von Karriere und Kind, sondern auch um die von Frau und Mutter. Die wenigsten Frauen können das schaffen. Wohl, weil sie es ahnen, entscheiden sich einige überhaupt gegen Kinder. Meist sind es dann genau die, die das Gute-Mutti-muss-zu-Hause-bleiben-Modell verinnerlicht haben.

Alternative „Mütterquote“?!

Die, die sich ausschließlich für ihre Karriere entscheiden, verdanken ihren Aufstieg immer öfter den viel kritisierten Frauenquoten. Gegen die, habe ich einiges einzuwenden. Ja, die Frauenquote mag Frauen fördern – aber nur die, die keine Kinder haben. Die Kinderlosen wiederum haben andere Sorgen als die berufliche Position der Mütter zu stärken. Beide Gruppen konkurrieren miteinander. Wann hätte man von einem Mann im öffentlichen Amt gehört, der sich für seine Wahl – Kinder zu haben oder nicht – rechtfertigen musste. Die Bredouille der berufstätigen Mütter lässt sich wie folgt erklären: “„Warum sollten jene, die für ihr berufliches Fortkommen auf Kinder verzichtet haben, Frauen mit Kindern zur Karriere verhelfen? So viel Selbstlosigkeit ist wohl kaum zu erwarten.“”:http://www.zeit.de/2013/02/Frauenquote-Muetterquote-Foerderung Zudem sind Mütter tagtäglich mit Problemen konfrontiert, von denen kinderlose Frauen und Männer kaum etwas wissen. Und wie sollten sie auch davon wissen? Zum Austausch mit Kinderlosen fehlt Müttern eben die Zeit.

Auf die berufliche Selbstverwirklichung der Mütter nehmen die Öffnungszeiten von Krippen, Kindergärten und Schulen im übrigen keine Rücksicht, ebenso wenig die Frauenpolitik. Die Kritik sitzt. Auch meine Freunde klagen über die Karenzzeiten der Kolleginnen und die zusätzliche Arbeit, die dadurch auf ihren Schultern abgeladen wird. Alle Seiten fühlen sich scheinbar ungerecht behandelt. Kann es eine gerechte Lösung geben, von der Kinderlose und Mütter gleichsam profitieren können? Muss nicht die Gesellschaft auf die Schwächeren und Geschwächten Rücksicht nehmen? Jede Frau, die Mutter wird, schwächt ihre Position, nimmt große physische und psychische Anstrengungen sowie finanzielle Einbußen (vergleiche „Teilzeitfalle“) in Kauf. Zusätzlich kommen mehr Abhängigkeit vom Partner und oft das Risiko von Altersarmut. Wie kommt man da raus? Braucht nicht jedes gesellschaftliche System Kinder, um zu funktionieren? Ist es so, dann ist es schlicht ungerecht, Frauen für ihre Entscheidung zu „bestrafen“. Schließlich gibt es noch keine künstlichen Gebärmütter, die den Frauen die Reproduktionsarbeit abnähmen.

Ihr Kinderlein kommet!

Nach meiner Recherche komme ich zu folgendem Fazit: Die Kultur und die Gesellschaft stehen zwischen den Frauen und ihrem Kinderwunsch. Schlussendlich hängt es von der Gesellschaft ab, ob etwas legal oder illegal, sozial akzeptiert oder tabuisiert, natürlich oder unnatürlich, finanziell gefördert oder ignoriert wird. Ausreichend Kinderkrippen, Kindertagesstätten und Betreuungseinrichtungen würden vielen Frauen ermöglichen, ihr Ego mit ihrem Kinderwunsch in Einklang zu bringen. Das wäre möglich und finanzierbar, wenn die Gesellschaft will. Deutschland und Österreich könnten sich hier endlich ein Beispiel an Frankreich nehmen. Ebenso gerecht wäre, dass jede Frau die freie Wahl zwischen Kind oder Kinderlosigkeit, Schmerzen oder Schmerzmittel, Brust oder Flasche hat. Das wäre echter feministischer Fortschritt. Solange sich das sozial etablierte Klischee der „guten Mutti“ nicht ändert, sollte sich hierzulande niemand wundern, dass sich immer mehr Frauen gegen ein Leben mit Kindern entscheiden. Kinder sind für sie (zumindest im Moment) ein schlicht unerschwinglicher Luxus.

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