Vom Prinzip Hoffnung und seinen Feinden

von Lisz Hirn5.07.2016Gesellschaft & Kultur, Medien

Viel Grund zu hoffen, gibt es nicht. Zumindest, wenn man den Hiobsbotschaften der internationalen Medienlandschaft Glauben schenkt. Wer heutzutage noch an ein glückliches Ende glaubt, wird oft belächelt, wer noch auf eine bessere Zukunft hofft, ist ein unverbesserlicher Träumer. Warum ein wenig Hoffnung uns allen besser täte und warum sie manchmal Wunder wirkt.

Einst populär und heute fast vergessen. Ernst Bloch schrieb im Vorwort seines bekannten Werks „Das Prinzip Hoffnung“: „Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns? Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst, wird er bestimmter, so ist er Furcht.“ Vor mehr als 50 Jahren hat Bloch diese Sätze geschrieben und sie treffen unsere soziale Befindlichkeit mehr denn je. Terror begleitet uns tagtäglich, ökonomische Unsicherheit schwingt wie ein Damokles´ Schwert über uns und die politischen Repräsentanten scheinen uns Otto Normalverbrauchern ferner denn je.

„Einmal zog einer aus, das Fürchten zu lernen…“

„…Das gelang in der eben vergangenen Zeit leichter und näher, diese Kunst ward entsetzlich beherrscht. Doch nun wird, die Urheber der Furcht abgerechnet, ein uns gemäßeres Gefühl fällig.“ Zu gut haben wir uns zu fürchten gelernt. Die Angst ist allgegenwärtig, mit ihr macht man bekanntlich die besten Geschäfte. Angst an sich hilft uns, Gefahren zu erkennen und darauf zu reagieren. Sie mahnt uns zu Vorsicht und erhöhter Aufmerksamkeit, verschafft uns die nötigen Energien, um entschlossen zu handeln, Schutzmaßnahmen zu ergreifen oder Herausforderungen anzunehmen und unsere Kräfte zu mobilisieren. Instinktive Reaktion auf Bedrohungen: Flucht, Totstellen oder Angriff. Aktuell sehen wir uns beständig Situationen gegenüber, die Ängste auslösen: Sorgen um Menschen, die uns lieb sind, um Geld- oder Arbeitsplatzverluste, Krankheiten, spiegelglatte Straßen im Winter, Flüchtlingsströme, Prüfungen, Terror, um den Zerfall des Wohlfahrtsstaates und Europa, Zahnarzttermine und vor allem um das Fremde.

Hoffnung als Wärmestrom

Wobei einige Menschen insgesamt ängstlicher sind und andere mit Angst besser umgehen, sich selbst beruhigen oder Mut machen können. Wobei Mut zu haben nicht heißt, dass man keine Angst hat. Mut ist nicht das Fehlen von Angst, sondern die Stärke trotzdem zu handeln – so ein geflügeltes Wort. Das „Trotzdem handeln“ verweist uns auf eine Motivation. Eine Motivation, dass wir etwas ändern können, dass sich unsere Situation ändern lässt: auf die Hoffnung. Hoffnung ist die positive Erwartung, die man in eine Sache oder Person setzt, quasi der positive Glaube an ein (bessere) Zukunft. Hoffnung kann begleitet sein von der Angst oder Sorge, dass das Erwünschte nicht eintreten wird. Gerade aber Hoffnung wie auch Angst wirkt sich auf unser Verhalten aus. So geht die selbsterfüllende Prophezeiung per definitionem davon aus, dass ein erwartetes Verhalten einer anderen Person durch eigenes Verhalten herbeigeführt wird. Erwartet jemand ein bestimmtes Verhalten von seinem Gegenüber, erzwingt er durch eigenes Verhalten genau dieses Verhalten. Im Gegensatz zur selbsterfüllenden Prophezeiung steht die selbstzerstörende Prophezeiung, bei der der Betreffende sich so verhält, dass die Prophezeiung gerade nicht in Erfüllung geht. Hoffnung spielt also nicht nur in der Theologie, sondern auch in der Philosophie eine Rolle.

Theorie braucht Praxis?

Hoffnung ist also auch ein philosophisches Prinzip, das auch praktisch werksmächtig ist. Gesellschaftliche Kämpfe werden durch Hoffnungen vorangetragen. Diese Hoffnungen durchflössen – in Blochscher Begrifflichkeit – gesellschaftliche Entwicklungen wie ein „Wärmestrom“. Das Bewusstsein der Menschen ist nicht nur das Produkt ihres Seins, es ist vielmehr mit „Überschuss“ ausgestattet. Dieser „Überschuss“ findet seinen Ausdruck in den sozialen, ökonomischen und religiösen Utopien, in der bildenden Kunst, in der Musik und sogar in den Tagträumen, die die Hoffnungen des Individuums und der Gesellschaft widerspiegeln. Um gesellschaftliche Änderungen zu erzielen, reicht es nicht, sich gemeinsam zu Tode zu fürchten. „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.“ Ernst Bloch gibt uns eine konkrete Aufgabe: statt dem Fürchten, endlich wieder das Hoffen zu lernen.

Darf man überhaupt auf eine bessere Welt hoffen?

Zu dieser Frage schreibt Bloch im „Prinzip Hoffnung“: „Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat“. Sprich: eine bessere Welt. Es ist viel zu tun.

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