Wenn im Parlament nur 25-Jährige sitzen würden, würde es nicht funktionieren. Florian Bernschneider

Entwicklungshilfe 2.0

Entwicklungshilfe basiert auf dem Transfer des westlichen Knowhows in die weniger entwickelten Länder. Doch ungeachtet bester Absichten, geballten Fachwissens und großzügiger Finanzierung scheitern viele Entwicklungshilfeprojekte, und zwar am unreflektierten Technologievertrauen.

Auf dem diesjährigen Nachhaltigkeitsgipfel der Vereinten Nationen versprach Angela Merkel eine Erhöhung der deutschen Entwicklungshilfe. Auch der amerikanische Präsident Barak Obama sicherte zu, dass die Welt weiterhin auf die „Großzügigkeit des amerikanischen Volkes“ vertrauen kann. Solche Versprechen wecken große Erwartungen aber auch große Zweifel, denn bisher gibt es keine empirischen Belege dafür, dass Entwicklungshilfe soziale und wirtschaftliche Verbesserungen anregen oder nachhaltig fördern kann.

Entwicklungshilfeprojekte verschiedenster Träger, ob der Vereinte Nationen, der Kreditanstalt für Wiederaufbau oder NGOs, sehen ihre vorrangige Aufgabe in der globalen Armutsbekämpfung. Ihr wichtigstes Instrument ist dabei das westliche Knowhow, durch dessen (oft großzügig finanzierten) Transfer wirtschaftliche und soziale Veränderungen in den betroffenen Ländern angestoßen oder unterstützt werden sollen. Doch statt dieser Ziele wird nicht selten nur die Stärkung der Macht lokaler Autokraten erreicht.

Fachleute, Medien und die Hilfsorganisationen selbst machen vor allem rigide institutionelle Strukturen vor Ort und die Korruption lokaler Behörden verantwortlich für die globalisierte Sisyphusarbeit der Entwicklungshelfer. Diese Probleme sind unbestritten und nicht zu verharmlosen; das paradoxe Scheitern gut gemeinter Hilfsbemühungen erklären sie dennoch nicht. Vielmehr ist die Antwort in der verklärten Sicht auf den technologischen Fortschritt zu suchen.

Die chronische Überforderung der Fortschrittsträger

Tatsache ist: Die Entwicklung einer Gesellschaft wird durch den technologischen Fortschritt stark beeinflusst, sei es die Erfindung des Rades, diverser Werkzeuge oder der drahtlosen Telekommunikation. Dieser Zusammenhang hat die komfortable Überzeugung geprägt, dass technologische Veränderungen per se gut sind. Eine solche irreflexive Positivierung technologischer Innovationen, die vom französischen Soziologen und Theologen Jacques Ellul prominent kritisiert wurde, übersetzt sich unweigerlich in den Trugschluss, dass so gut wie alle gesellschaftlichen Probleme mittels technologischer Updates lösbar wären.

Zugleich wird es zunehmend schwieriger, diese Überzeugung kritisch zu hinterfragen. Denn technologische Neuerungen tragen nicht nur zu gesellschaftlichen Veränderungen bei, sondern beschleunigen diese fortwährend. Der Einsatz neuer Technologien vollzieht sich deshalb meist im puren Glauben an das Gute der Innovativkraft. Der Philosoph Peter Sloterdijk spricht in diesem Zusammenhang von einer chronischen Überforderung der Fortschrittsträger mit ihrer eigenen Offensivität und Originalität, „da es ihnen nie überzeugend gelingt zu sagen, was es mit ihrem Tätertum und ihrem Vorspringen ins Unbekannte auf sich hat.“

Die Folge des blinden Technologievertrauens ist, dass die eigentliche gesellschaftliche Funktion einer jeden technologischen Neuerung – die Arbeitsbelastung der Menschen zu reduzieren und die Machtdominanz kleiner Interessengruppen durch vereinfachten und egalisierten Zugang zu Innovationen zu schwächen – nebensächlich wird. Nicht selten wird sie ins Gegenteil verkehrt, wenn der technologische Fortschritt zur Sicherung und Legitimierung der bestehenden Machtverhältnisse und der Ausbeutung genutzt wird.

Innovationen sind in die sozialen Institutionen eingebettet

Eine mögliche Erklärung für derartigen Technologienmissbrauch bietet die heterodoxe Institutionsökonomik. Ihre führenden Vertreter wie Thorstein Veblen, Paul Bush oder F. Gregory Hayden haben darauf hingewiesen, dass technologische Innovationen niemals unabhängig von den sozialen Institutionen existieren und dass die Letzteren dichotomer Natur sind.

Dichotomie bedeutet in diesem Fall, dass gesellschaftlichen Strukturen gleichzeitig instrumentelle und zeremonielle Verhaltensformen und Werte beinhalten. Rein instrumentelle Institutionen sind auf Effizient bedachte Problemlösungswerkzeuge wie Maschinen und Computer. Sie sind kausativ, nicht korrumpierbar und rational begründbar. Zeremonielle Institutionen dagegen sind abstrakte institutionelle Konstrukte wie Glaube, Autorität und Traditionen. Sie sind weniger anspruchsvoll in puncto Logik und urteilen nach dem unbestimmten Kriterium der Angemessenheit. Dadurch ist es ein Leichtes für sie, instrumentelle Werte für eigene Zwecke – wie Sicherung der Machtansprüche und Statusunterschiede – zu vereinnahmen.

In der Praxis heißt es, dass die Regierung eines Entwicklungslandes ein durchaus großes Interesse an der Entwicklungshilfe und anderweitigen Knowhow-Transfers haben kann. Doch eingesetzt werden diese Knowhows nicht unbedingt, um den Lebensstandards der Bevölkerung zu verbessern, sondern vor allem um die bestehenden Machtstrukturen zu stärken. Deshalb darf man sich nicht wundern, wenn für den Bau von Schulen bestimmte Spenden am Ende für den Kauf von Waffen verwendet werden. Oder wenn der Zugang zu modernsten Internettechnologien und anderen westlichen Produkten als Ventil für politischen Unmut benutzt wird.

Nachhaltige Entwicklungshilfe ist dennoch möglich

Diesem Missbrauch der Entwicklungshilfe kann man dennoch entgegenwirken, indem man die rigiden zeremoniellen Machtstrukturen an die instrumentellen Innovationen abstimmt, und nicht umgekehrt. Dieser Prozess muss in kleinen diskreten Schritten erfolgen, sodass die gesellschaftlichen Vorzüge des verpflanzten Fortschritts erkannt und integriert werden könnten. Ein unreflektiertes „Vorspringen ins Unbekannte“ in der Hoffnung auf eine möglichst große und schnelle Veränderung bestehender Strukturen würde dagegen die Resistenz der eigennützigen Interessen der Machtgruppen zusätzlich verstärken.

Soll die Entwicklungshilfe nachhaltig und – wie von den Teilnehmern des UN-Nachhaltigkeitsgipfel gefordert – „eine der klügsten Investitionen in unsere eigene Zukunft“ werden, dann muss sie in ihren Hilfspaketen die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Stellungnahme zu Innovationen und somit einer Überprüfung deren Vereinnahmung enthalten. Anderenfalls wird Entwicklungshilfe weiterhin eine teure internationale Sisyphusarbeit bleiben.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Vladislav Valentinov und Nodir Djanibekov.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Yasin Sebastian Qureshi, Pierre Lucante, Eduardo Villanueva.

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