Wir müssen über Kevin reden

Lionel Shriver17.03.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Eva ist die Mutter von Kevin, der tötet bei einem Amoklauf an seiner Schule ein Dutzend Menschen. In Briefen an ihren ebenfalls ermordeten Ehemann versucht sie die Bluttat zu verarbeiten. Und kommt zu einem schrecklichen Schluss: Kevin war von Geburt an böse.

Ein Besuch im Gefängnis: “Mutter zu sein war schwerer, als ich erwartet hatte“, erklärte ich. “Ich war an Flughäfen gewöhnt, die Aussicht aufs Meer, Museen. Plötzlich saß ich in ein paar Zimmern fest, mit Legosteinen.“ “Aber ich habe mir große Mühe gegeben“, sagte Kevin mit einem Lächeln, das leblos hochstieg, wie an Fäden, “um dich bei Laune zu halten.“

Nicht mal jeden Morgen aufwachen ist gratis

“Ich hatte mir vorgestellt, Erbrochenes aufzuwischen. Weihnachtsplätzchen zu backen. Ich hatte nicht erwartet“ Kevins Blick forderte mich heraus, “Ich hatte nicht erwartet, dass allein der Aufbau einer Bindung zu dir“, ich formulierte so diplomatisch, wie ich nur konnte, “soviel Arbeit machen würde. Ich dachte-“ Ich holte tief Luft. “ Ich dachte dieser Teil sei gratis.“ “Gratis!“ höhnte er. “Nicht mal jeden Morgen aufwachen ist gratis.“ “Nicht mehr“, gestand ich traurig ein. Kevins und meine Erfahrung des täglichen Lebens haben sich angenähert. Die Zeit hängt an mir herunter wie sich ablösende Haut. “Mal auf die Idee gekommen“, sagte er hinterhältig, “dass ich euch nicht haben wollte?“ “Du hättest jedes andere Paar auch nicht lieber gemocht. Egal, womit es seinen Lebensunterhalt verdiente, du hättest es dämlich gefunden.“ “Reiseführer für Geizkragen? Eine weitere Haarnadelkurve für eine Jeep-Cherokee-Anzeige finden? Musst doch zugeben, das ist besonders dämlich.“

Ich glaube, er will, dass ich gemein zu ihm bin

“Siehst du?“ Ich explodierte. “Ehrlich, Kevin- würdest du dich haben wollen? Wenn es so etwas wie Gerechtigkeit gibt, wirst du eines Tages aufwachen, und in der Wiege neben deinem Bett liegst du selbst!“ Statt zurückzuzucken oder zurückzuschlagen, schaltete er einfach ab. Diese Seite an ihm ist für alte Menschen typischer als für Kinder: Die Augen werden trübe, wenden sich ab, und die Muskulatur wird schlaff. Eine so absolute Apathie, dass sie wie ein Loch ist, in das man hineinfallen könnte. Du denkst, dass ich gemein zu ihm war und er sich deshalb zurückzog. Das glaube ich nicht. Ich glaube, er will, dass ich gemein zu ihm bin, so wie andere Leute sich kneifen, um sich zu vergewissern, dass sie wach sind, und wahrscheinlich hat er vor Enttäuschung abgeschaltet, weil ich ihm endlich ein paar halbherzig verletzende Bemerkungen entgegenschleuderte und er nichts dabei empfand. Außerdem, glaube ich, war es das Bild, dieses “mit dir selbst aufwachen“, das gewirkt hat, denn das ist genau das, was er erlebt und warum ihn jeder Morgen so viel Überwindung kostet. Franklin, ich habe niemals jemanden kennengelernt- und man lernt sie kennen, die eigenen Kinder-, der sein Leben stärker als Last oder Schmach empfunden hätte. Solltest du auf den Gedanken kommen, dass ich dem Jungen ein niedriges Selbstwertgefühl eingebleut habe, denk noch mal drüber nach. Ich habe denselben finsteren Ausdruck in seinen Augen gesehen, als er ein Jahr alt war. Wenn überhaupt, hat er eine sehr hohe Meinung von sich, besonders, seit er eine solche Berühmtheit geworden ist. Es ist ein großer Unterschied, ob man sich selbst nicht leiden kann oder ob man einfach nicht auf der Welt sein will. *Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch “Wir müssen über Kevin reden” von Lionel Shriver (Verlag List Taschenbuch, 9,95 Euro).*

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