Es hilft nichts, das Recht auf seiner Seite zu haben. Man muss auch mit der Justiz rechnen. Dieter Hildebrandt

„Wir müssen lernen, zu atmen“

Tief einatmen und zum gesunden Apfel greifen. Die Journalistin und Trendforscherin Linda Stone warnt vor der Verschmelzung mit digitaler Technik. Über Luftmangel beim morgendlichen Sichten des E-Mail-Eingangs, Meeting-Wahn sowie Handysucht und Wegen, ihr zur entkommen, sprach sie mit The European.

The European: Kann man an einer Flut von E-Mails ersticken?
Stone: Das glaube ich nicht. Ersticken bedeutet einen kompletten Atemstop. Bei E-Mails verfallen wir in ein Atemmuster, welches eher einer Kampf-oder-Flucht-Situation entspricht. Wenn es dunkel ist und Sie ein Geräusch hören, halten Sie Ihren Atem an, richtig? Sie würden daran niemals ersticken. Sie halten Ihren Atem an, um still herauszufinden, woher das Geräusch rührt. Wir halten typischerweise unseren Atem an, wenn wir Angst empfinden. Wenn wir also an unseren Computern sitzen und physisch in einer Situation sind, in der wir unseren Atem anhalten, läuft derselbe Prozess ab. Wir befinden uns im selben Zustand wie beim Empfinden von Angst. Es ist also kommutativ. Entweder sind wir still und halten den Atem an, weil wir Angst empfinden, oder wir halten den Atem an und unser Körper denkt, wir wären verängstigt, gleich, ob wir es tatsächlich sind oder nicht.

The European: Was geschieht dadurch in unserem Körper?
Stone: Das Problem ist nicht die Technologie. Es geht um unsere Beziehung zu ihr. Ein Beispiel, das ich gerne anführe, ist das eines Musikers, der zum ersten Mal auf einer Violine spielt. Er verschmilzt geradezu mit ihr. Er weiß nicht, wie er stehen soll, weiß nicht, wie er atmen soll, man sieht ihm sein Unbehagen an. Später wird Musikern beigebracht, in Opposition zu ihrem Instrument zu spielen. Sie können nicht mit ihm verschmelzen. Erfahrene Musiker haben daher einen festen Stand und sicheren Atem. Unser Problem mit Technologie ist, dass wir ebenfalls versuchen, mit ihr zu verschmelzen.

„Atmen und Aufmerksamkeit sind eng miteinander verknüpft“

The European: Was wäre die Lösung?
Stone: Die Lösung entspricht der bei den Musikern. Tatsächlich waren diejenigen meiner Probanten, die nicht unter E-Mail-Apnoe litten, entweder geübte Musiker oder Athleten. Sie hatten eine geschulte Atmung, was sich auf ihre Reaktion auf Technologie auswirkte. Während der Rest von uns mit ihr zu verschmelzen versucht, bleiben sie davon unberührt. Es ist vollkommen natürlich. Wie ein schlechter Partner, von dem man nicht genug kriegen kann. Wenn man acht Stunden täglich arbeitet und 50 bis 60 E-Mails erhält, sollte man hin und wieder vom Schreibtisch aufstehen und sich die Beine vertreten. Als man noch Schreibmaschinen hatte, drückte man „Return“, stand auf und lieferte ein Schreiben irgendwo ab oder Ähnliches. Heute erledigt der Computer alles. Und wir lassen den Computer auch unseren Geist kommandieren, unseren Körper zu kommandieren. Unser Geist sagt: „Du kannst noch nicht ins Bad. Warte noch zehn Minuten und erledige zehn weitere E-Mails, dann kannst du ins Bad.“ Menschen treffen mich auf Konferenzen und fragen mich, wie sie von ihrem Schreibtisch wegkommen können. Ich antworte ihnen: „Fragen Sie sich, wie Sie sich fühlen.” Wenn sie sagen, dass sie es nicht wissen, dann ist es Zeit aufzustehen.

The European: Eine der am häufigsten vorgebrachten Kritiken an moderner Technologie ist die folgende Verkürzung unserer Aufmerksamkeitsspanne. Nachrichten strömen in unsere Empfangskanäle, das Handy klingelt – die Konzentration lässt nach. Behaupten Sie das Gegenteil?
Stone: Atmen und Aufmerksamkeit sind eng miteinander verknüpft. Wenn man seinen Atem anhält, als bereitete man sich auf einen Kampf oder auf Flucht vor, so verfällt man in einen Apnoe-artigen Zustand. Das wäre kein Problem, solange man bei der Nutzung von Technologie atmen würde. Was ich mir wünschen würde, ist, dass Kinder in der Schule lernen, wie man atmet. Dreimal am Tag, jeweils für zehn Minuten, sollen diese Kinder lernen, wie man komplett ausatmet, so wie es Musiker oder Athleten lernen. Dann ist die Beziehung, die wir zur Technologie entwickeln müssen, gesund, gleich einem erfahrenen Musiker zu seinem Instrument.

The European: Zurzeit ist es aber nicht so, dass wir aufgrund von Technologie die Kontrolle über unseren Körper verlieren, oder?
Stone: Wir atmen nicht. Bringt eine Pistole Sie dazu, abzudrücken?

The European: Das ist ihr vorgesehener Gebrauch, der natürliche Gebrauch.
Stone: Für einen Musiker wäre es nicht natürlich. Musiker können eine Technologie nutzen ohne Probleme. Sie haben sich diese Fähigkeit angeeignet. Wir glauben, es ginge nur darum, eine neue Software zu erlernen. Doch was wir in unserer Beziehung zur Technologie tatsächlich verstehen müssen, ist, wie wir in unserem Körper bleiben. Wir wissen nicht, wie das funktioniert. Wir sehen es aus irgendeinem Grund nicht als erlernbare Fähigkeit an. In den USA haben wir zurzeit eine große Diskussion um Fettleibigkeit. Jeder muss alles benoten, was man verzehrt. Würden wir atmen, würden wir einen Apfel der Sahnetorte bevorzugen. Das ist es, was Neurowissenschaftler bei ihren Experimenten testen: Wenn Essen auf dem Tisch liegt, greifen diejenigen, die in das Apnoe-artige Muster verfallen, nach der Torte. Diejenigen, die normal atmen, greifen sich den Apfel.

The European: Was bedeutet diese Fokussierung für willkürliche Begegnungen? Nimmt sie uns die Freude am Entdecken?
Stone: Es gibt wohl unterschiedliche Arten von freudigen Entdeckungen am Computer. Man mag auf Foursquare herausfinden, dass ein Freund nur einen Block entfernt ist. Unser Blick ist auf den Bildschirm gerichtet und wir meinen, dies wäre unser Fenster zur Welt. Dadurch vernachlässigen wir unsere Sinneswahrnehmungen bezüglich der uns unmittelbar umgebenden Welt. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Ehepartner den emotionalen Zustand ihres Gatten oder ihrer Gattin erriechen können, etwa Glück oder Zorn.

Wenn wir derart mit Technologie verschmelzen, verpassen wir all die Informationen, die unsere Sinne uns zutragen. Wir neigen stattdessen dazu zu glauben, wir wüssten, was wir brauchen und wonach wir suchen müssen. Ich erwarte etwa, dass Sie Journalist sind und deshalb erfahre ich nicht, dass Sie auch zu Hause kochen und drei Kinder haben und einer von ihnen interessante kleine Roboter baut. Wir erfahren Menschen nicht mehr. Selbst hier sind die Menschen so davon eingenommen, die Personen zu treffen, von denen sie meinen, sie müssten sie treffen. Wahrscheinlich laufen sie dabei an drei Leuten vorbei, die zu kennen wesentlich interessanter wäre. Wenn wir in einem aufnahmebereiten Zustand sind und den Dingen ihren Lauf lassen, werden wir auch diese Leute kennenlernen.

„Womit wollen wir mithalten?“

The European: Werden wir nicht verführt von den Unternehmen, die unsere technischen Geräte produzieren? Uns wird kontinuierlich deren Nutzen versichert.
Stone: Erneut: Wenn Sie atmen, werden Sie den Apfel nehmen. Sie werden periodisch Ihr Gerät niederlegen. In den USA geschieht grade etwas sehr Interessantes: Es ist fast wie ein Spiel. Wenn Leute sich zum Essen verabreden, muss jeder sein Handy an den Rand des Tisches legen. Wer zuerst nach seinem Telefon greift, muss die Rechnung übernehmen. So nutzt man Gruppenzwang dazu, Zeit miteinander zu verbringen. Ich würde mit Ihnen wetten, dass Ihnen der Atem stockt, wenn es Ihnen nicht behagt, Ihr Handy wegzulegen. Wenn Ihnen der Atem nicht stockt, haben Sie einen Sinn dafür, eine Pause einzulegen. Wir sind geplagt von dem Gefühl, mithalten zu müssen. Aber womit wollen wir mithalten? Ist jede dieser Nachrichten tatsächlich von Bedeutung?

The European: Man wird es nicht erfahren, wenn man sie nicht liest.
Stone: Ich habe Jugendliche in ihrer Highschool-Zeit interviewt. Eine 15-Jährige sagte mir, sie versende 5.000 SMS pro Monat. Sie nutzt ihr Handy in einer Plastiktüte sogar unter der Dusche. Als ich sie fragte, warum sie sich das antut, antwortete sie: „Wenn ich nicht umgehend auf die SMS meiner Freunde antworte, denken sie, ich wäre wütend auf sie.“ Wir kreieren also die Erwartung der unmittelbaren Antwort. Ich kenne viele Leute mit automatischen E-Mail-Antworten wie: „Ich brauche 2-3 Tage, um auf E-Mails zu antworten. In dringenden Fällen, schickt mir eine SMS.“ Wir müssen einander im gegenseitigen Umgang umschulen.

Ein Freund von mir ist CEO und in vielen Aufsichtsräten großer Unternehmen. Ich habe ihm einen anderen CEO vorgestellt und dieser sagte: „Sie sind so produktiv. Wie viel Zeit verbringen Sie pro Tag auf Meetings?“ Mein Freund sagte, dass er fast gar keine Zeit in Meetings verbrächte, da die meisten Meetings nicht stattfinden müssen. Er hat seinen Assistenten entlassen, und wenn jemand ihn sprechen will, führt er ein fünfminütiges Telefongespräch mit ihm. Wir müssen überdenken, was Produktivität ist und wie wir Technologie nutzen. Wir haben es Maschinen erlaubt, uns die Regeln im Umgang mit ihnen zu diktieren. Es ist Zeit, einen Schritt zurück zu nehmen und uns zu fragen, welche Art von Beziehung wir wollen. Oder wollen Sie nicht glücklich sein?

Dieses Interview entstand im Rahmen der DLD-Konferenz 2012 in München. The European ist Medienpartner der Veranstaltung.

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