Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Götz Widmann

Rock’n’Roll bedeutete Rebellion und Jugend

Rock ‘n’ Roll bedeutet Rebellion und Jugend. Zukunft – und Freiheit. Freiheit vom „Establishment“, den spiessigen Eltern, dem teilweise sehr reaktionären West-Deutschland der 80er Jahre, schreibt Lia Maiello.

David Gilmour, Iggy Pop, Joe Elliott, Jimi Hendrix, Debbie Harry, Kurt Cobain und David Bowie – die Helden meiner Jugend!

Ich war 15, als die Mauer fiel und Berlin hätte mir von meiner Heimat im Westen Deutschlands aus mental nicht ferner sein können.

Aber Rock’n Roll, der US-amerikanische Kulturimport Nummer Eins lag mir so nah wie westfälische Bratkartoffeln.

Rock’n’Roll bedeutete für mich Rebellion und Jugend. Zukunft – und Freiheit. Freiheit vom „Establishment“, den spiessigen Eltern, dem teilweise sehr reaktionären West-Deutschland der 80er Jahre.

Rückblickend erstaunt es mich wenig, dass ich zwölf Jahre meines Lebens in New York City verbrachte und die USA immer mehr geistige Heimat sein werden, als Deutschland es nach 31 Jahren sein kann. Auch Rock’n’Roll, die Musik der (alternden) Rebellen, braucht ein Umfeld, in dem er sich entfalten kann. Und wo er es nicht kann, ebnet er sich Bahnen.

Die Dokumentation Free To Rock erzählt davon.

Von diesem sensationellen Gefühl, das sich breit macht, wenn man zum ersten Mal das Riff einer E-Gitarre hört. Die schnellen Beats eines Schlagzeuges, die schrägen oder trotzigen Lyrics eines eingehenden Songs, der die Jugend begeistert und mitunter Generationen verbindet.

Weltweit.Rock ‘n’ Roll als Therapieform. “Abrocken” sich “den Kopf frei tanzen”, emotionale Blockaden lösen. All das waren positive Begleiterscheinungen einer Kultur, die die persönliche Freiheit begünstigte, mitunter den alternativen Lebensstil förderte, aber auch, wie wahrscheinlich jeder Trend, die “Coolness” normierte.

Rock’n’Roll war in der Baby-Boomer Generation zu einem Grossteil auch “irgendwie links”, irgendwie progressiv. Das ist nicht mehr ausschliesslich der Fall.

Wer sich in den 60er, 70er und 80er Jahren dieser Jugendkultur anschloss, brachte in den Augen Vieler, die damalige (westliche) Gesellschaft voran, wer sich ausschloss hatte den Trend verpennt. Die Generation der Eltern hingegen beobachtete das Treiben der “Langhaarigen” wenigstens misstrauisch.

Rock’n’Roll wird trotz alledem, als internationales Phänomen, zum kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen unterschiedlichsten Kulturen und verbindet, im Idealfall, die Nationen. Wie das Rock’n’Roll Fieber auch hinter dem Eisernen Vorhang jungen Menschen schlaflose Nächte bereitete, haben Regisseur Jim Brown und die Produzenten Doug Yeager. Nick Binkley und der legendäre russische Rockmusiker und Produzent Stas Namin in ihrer Dokumentation festgehalten.

Zehn Jahre akribischer Recherche, Stimmenfang und Materialsammlung für einen Film, der so eindrucksvoll belegt, wie wenig sich Kultur um Grenzen schert. Das wusste auch die Central Intelligence Agency (CIA), der Auslandsgeheimdienst der USA .“Cultural Diplomacy” (kulturelle Diplomatie), die Vermittlung US-amerikanischer Werte weltweit, wurde zum erfolgreichen und umstrittenen Instrument US-amerikanischer Aussenpolitik. Auch in der Sowjetunion und der DDR.

Am 01. Oktober 1958 landete der erste Rock-Star der Musikgeschichte Elvis Presley im hessischen Friedberg. Er wird zum Botschafter der jungen Musik, die anfänglich auch in den USA sehr kontrovers gesehen wird. Insbesondere von besorgten (weißen) Eltern, die den moralischen Verfall ihrer Teenager befürchteten. So versuchten sie beispielsweise Rock’n’Roll aus dem Programm von Radiostationen zu verbannen. Zudem hatte die neue Musik afro-amerikanische Wurzeln und war damit für Viele automatisch negativ besetzt. Das tat ihrer Popularität natürlich keinen Abbruch, denn das Verbotene ist und bleibt spannend.

Wie sehr sich ehemalige DDR-Ideologen vor dem Freigeist der Rock-Kultur und dem damit einhergehenden Kontrollverlust ihrer Jugend fürchteten, belegt die Tatsache, dass schon seit Mitte der fünfziger Jahre Rock’n’Roll in der DDR als “seelenlose” Musik diskreditiert wird, die junge Menschen auf “gefährliche Abwege” bringen kann.

Über Elvis Presley schreibt die „Junge Welt“: „Sein ,Gesang’ glich seinem Gesicht: dümmlich, stumpfsinnig und brutal.“ Natürlich ist diese Einschätzung nicht nur ebenso schlicht wie feindselig, sondern auch, gemessen an der Tatsache das der Sänger Native-American Wurzeln hatte, gleichermassen rassistisch.

In dieser Hinsicht unterschieden sich die Parteifunktionäre hinter dem Eisernen Vorhang nicht wesentlich von den verängstigten, ewig-gestrigen, mehrheitlich weißen Eltern in den USA oder der BRD. Offensichtlich waren die reaktionären Eltern im Westen nicht in der Lage diese Kultur qua Gesetz zu verbieten, die Funktionäre der totalitären Deutschen Demokratischen Republik teilweise aber schon.

Schliesslich erklärt der Ein-Parteien-Staat den Musiker zum “Staatsfeind Nummer Eins”. Damit wird für die SED Rock’n’Roll Bestandteil des kulturellen Kalten Krieges. Die Sekretärin Presleys war zu diesem Zeitpunkt die dem nationalsozialistischen Wien entflohene Jüdin Trudi Forsher.

Ihre Jugend komplett dem Einfluss der West-Musik entziehen, das gelingt der Regierung der DDR aber trotzdem nicht. Das Virus überfliegt per Äther die Mauer, und verbreitet sich explosionsartig. Die begehrten Songs werden dann heimlich und illegal bei Radio Luxemburg, AFN, RIAS oder SFBeat auf Tonband mitgeschnitten und weiterverbreitet.

In der Zwischenzeit legt die SED-Parteiführung im Januar 1958 fest, dass 60 Prozent aller Musikstücke, die öffentlich gespielt werden, von DDR-Komponisten oder im sozialistischen Ausland lebenden Komponisten stammen müssen. Nicht nur das: es werden staatskonforme Rockbands gegründet, die dem Verständnis der DDR Führung von Jugendkultur entsprechen.
Eine Gleichschaltung der Geschmäcker, und eine Unterbindung freiheitlicher Entfaltung, die weder die DDR-, noch die Sowjetjugend davon abhielten, dem Verbotenen habhaft zu werden.

Sei es durch die illegale Beschaffung von Tonträgern mit skandalöser, “staatszersetzender” Beatles Musik auf Röntgenbildern, oder den Bau von E-Gitarren, illegalen Konzerten, das Herstellen von Hippie-Klamotten in der Nacht oder das Aufführen verbotener Musik. Rockmusik wurde zur Ersatzreligion, denn selbstredend war auch Gott veboten.

Der Film Free To Rock beschreibt eindrucksvoll, die mithilfe eines neuen Musikgenres initiierte Jugendrebellion in Osteuropa, die das Denken revolutionierte und Selbstbewusstsein vermittelte, wo staatliche Repression an der Tagesordnung stand. Eine Rolle, die Kultur und Musik nach wie vor auf aller Welt einzunehmen vermögen. Ob man sie lässt, oder nicht.

Die Dokumentation “Free To Rock” wird auf dem Heavy-Metal und Hardrock-Festival in Wacken (03.-05.08.2017) gezeigt.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Annegret Kramp-Karrenbauer, Reinhard Bütikofer, Reinhard Olt.

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