Lost in Transformation

Leonid Luks19.03.2015Außenpolitik, Europa, Gesellschaft & Kultur

Die Auflösung der Sowjetunion war kein Willkürakt. Im Gegenteil: Sie hilft zu verstehen, warum wir Russland nicht verstehen müssen. Einige Bemerkungen zu den Ausführungen von Jörg Baberowski.

In seinem Artikel „Der Westen kapiert es nicht“ („Die Zeit“, 12. März 2015) wirft der Berliner Historiker Jörg Baberowski dem Westen vor, er sei nicht imstande, sich in die heutige emotionale Befindlichkeit der Russen einzufühlen. Was zeichnet diese Befindlichkeit aus der Sicht Baberowskis aus? In erster Linie sei dies die Sehnsucht nach dem verlorenen Imperium:

bq. Im Westen will man nicht begreifen, was das verloren gegangene Imperium für die Eliten und die Mehrheit der russischen Bürger bedeutete, und in Russland begreift man nicht, dass der Versuch, das Vielvölkerreich wiederzubeleben, im Westen als Bedrohung empfunden wird. (…) Über die völkerrechtswidrige Bombardierung Belgrads (…) habe das westliche Bündnis nur mitgeteilt, es müssten Menschenrechte geschützt (…) werden. Russlands Regierung aber werde der Bruch des Völkerrechts vorgeworfen, obgleich sie doch nur bewahren wolle, was 1991 in einem Akt der Willkür zerstört worden sei.

Indes fehlt es den von Baberowski zitierten Thesen der russischen UdSSR-Nostalgiker an Überzeugungskraft. Die Auflösung des Sowjetimperiums stellte, anders als oft behauptet, nicht das Ergebnis irgendwelcher Willkürakte dar. Sie wurde durch tiefgreifende Prozesse ausgelöst und hatte sich lange angebahnt. Dies wird in den imperial gesinnten Kreisen im heutigen Russland nicht gerne gehört. So plädierte z. B. der russische Exilhistoriker Georgij Fedotow bereits im Jahre 1947, also ausgerechnet in einer Zeit, als Stalin die imperialen Positionen Russlands in einem bis dahin ungekannten Ausmaß zu festigen vermochte, für die Befreiung Russlands von der imperialen Last. Dies werde nicht das Ende Russlands bedeuten:

bq. Großrussland [der russische Kern des Reiches – L.L.], (vielleicht) zusammen mit Weißrussland und mit Sibirien stellt immer noch ein gewaltiges und das bevölkerungsreichste Land Europas dar. (…) Der Verlust des Imperiums würde eine sittliche Reinigung zur Folge haben, die Befreiung Russlands von einer schrecklichen Bürde, die sein Antlitz entstellte.

Es ist erstaunlich, wie genau Fedotow im Jahre 1947 die künftige territoriale Gestalt der 1991 entstandenen Russischen Föderation voraussagte. Zwar hatte er Weißrussland als Bestandteil des postsowjetischen Russlands genannt, diese Aussage wurde von ihm allerdings durch das Wörtchen „vielleicht“ relativiert.

Der Kampf gegen den Zeitgeist ist aussichtslos

Und noch eine Prognose darf in diesem Zusammenhang nicht fehlen. Sie stammt aus dem Jahre 1974, also aus einer Zeit, in der das Sowjetimperium in den Augen vieler Beobachter im Grunde als unbezwingbar galt. Ausgerechnet in dieser Periode der scheinbar unerschütterlichen Stabilität des Breschnew-Reiches schrieb der polnische Exilpublizist Juliusz Mieroszewski Folgendes: In ihrer gesellschaftlichen Entwicklung stelle Sowjetrussland eine „verspätete Nation“, ein archaisches Gebilde dar, das sich von der Moderne abgekoppelt habe. Man könne sich sowohl gegen China als auch gegen die USA erfolgreich wehren, aber nicht gegen den Zeitgeist: „Der Kampf gegen den Zeitgeist, gegen den Fortschritt ist aussichtslos. Die Ablehnung der unentbehrlichen, (grundlegenden) Reformen schwächt auch die stärkste Regierung und führt zu ihrem Untergang.“

Und in der Tat, gerade an den von Mieroszewski geschilderten Problemen sollte das Breschnew-Regime letztendlich scheitern. Im Zeitalter der Elektronik und der grenzüberschreitenden Kommunikation verwandelte sich die damalige Sowjetunion in einen lebenden Anachronismus, in ein bürokratisches Paradies, das auf Reglementierung und Bevormundung basierte und jede gesellschaftliche Eigeninitiative im Keime erstickte. Zusätzlich wurde dieses System durch die Erosion des Glaubens an die kommunistische Ideologie bzw. an den proletarischen Internationalismus gefährdet, die das bestehende System legitimierten und die wichtigste einigende Klammer des Sowjetreiches darstellten. Kaum jemand nahm damals diese Ideale ernst, weder die Herrscher noch die Beherrschten. Man täuschte den Glauben an die kommunistische „lichte Zukunft“ in der Regel nur noch vor.

Als Michail Gorbatschow versuchte, „mehr Demokratie zu wagen“ und im Februar 1990 auf die im 6. Artikel der Breschnew’schen Verfassung verankerte führende Rolle der Partei im Lande verzichtete, wurde für alle sichtbar, dass die kommunistische Ideologie in den Augen der Bevölkerungsmehrheit weitgehend diskreditiert war. Der Sowjetunion drohte nun das gleiche Schicksal wie dem Zarenreich im Jahre 1917. Denn die damalige Auflösung des zaristischen Reiches fand in erster Linie deshalb statt, weil große Teile des russischen Staatsvolkes sich von dem damals herrschenden System abwandten. Die erschreckende Leere, die den Zarenthron sowohl während der Revolution von 1905 als auch im Februar 1917 umgab, zeigte, dass die Romanow-Dynastie ihre Verwurzelung bei den eigenen Untertanen weitgehend verloren hatte. Der Zarenglaube der russischen Volksschichten zerbröckelte und wurde in einem immer stärkeren Ausmaß durch den Glauben an eine Revolution abgelöst.

Siebzig Jahre später, in der Stunde der Dämmerung des Sowjetreiches, war die sowjetische Nomenklatura über den tatsächlichen geistigen Zustand der Nation genauso schlecht informiert, wie dies bei der Petersburger Bürokratie zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fall gewesen war. So haben manche Vertreter der zaristischen Regierung damals an die Zarentreue der russischen Landbevölkerung geglaubt. Dementsprechend war auch das Wahlgesetz zum ersten russischen Parlament – der Staatsduma – konzipiert, das die Bauernschaft eindeutig begünstigte. Und als Ergebnis wählten die Bauern ein Parlament, das den revolutionären Parteien ein deutliches Übergewicht verlieh: „So sieht also der vielgepriesene Konservatismus der russischen Bauern aus!“, bemerkte damals sarkastisch der russische Ministerpräsident, Sergej Witte, der in Bezug auf die Zarentreue der russischen Unterschichten, im Gegensatz zu seinen entsetzten Ministerkollegen, keine großen Illusionen gehegt hatte.

Risse in der Hegemonialstruktur

Mit ähnlichem Entsetzen reagierte aber auch die sowjetische Nomenklatura auf die niederschmetternden Niederlagen, die manche ihrer führenden Vertreter bei den Wahlen zum Kongress der Volksdeputierten im Frühjahr 1989 hinnehmen mussten.

Trotz der weitgehenden Aushöhlung der ideologischen Grundlagen, die die UdSSR legitimierten, schien allerdings die Auflösung der seit Generationen bestehenden imperialen Bindungen für viele Sowjetbürger unvorstellbar. Die damaligen Zustände werden von Baberowski folgendermaßen beschrieben: „Die späte Sowjetunion war kein Völkerkerker, in dem unglückliche Menschen nur darauf warteten, vom Joch nationaler Unterdrückung befreit zu werden. (…) Man konnte Ukrainer, Russe und Sowjetbürger sein, und nur wenige Menschen sahen darin einen Widerspruch, der überwunden werden musste.“

Das Referendum über den Fortbestand der Sowjetföderation vom 17. März 1991 schien diese Zustandsbeschreibung Baberowskis zu bestätigen. 76 Prozent der Wähler aus den Sowjetrepubliken, die an diesem Volksentscheid teilnahmen, sprachen sich für den Erhalt der UdSSR aus (in Russland waren es 71 Prozent). Diese Entscheidung war allerdings nicht von Bestand. Denn bereits drei Monate später erhielt Boris Jelzin bei den russischen Präsidentschaftswahlen auf Anhieb 57 Prozent der Stimmen.

Eine Nation, die in den Augen vieler Beobachter als die imperiale Nation par excellence gilt, wählte also zu ihrem ersten demokratisch legitimierten Staatsoberhaupt einen Politiker, der sich vom imperialen Gedanken expressis verbis distanzierte. Die Hegemonialstrukturen des Sowjetreiches erhielten nun einen Riss an der empfindlichsten Stelle – im Zentrum. Von diesem Schlag konnten sie sich nicht mehr erholen.

An all diese Entwicklungen wollen die Verfechter der imperialen Idee im heutigen Russland, die die Angliederung der Krim an die russische Föderation euphorisch feiern, nicht erinnert werden. Das Minsker Treffen des russischen und des ukrainischen Staatsoberhaupts wie auch des weißrussischen Parlamentspräsidenten vom Dezember 1991, das die Auflösung der Sowjetunion beschlossen hatte, betrachten sie als heimtückisches Komplott erklärter Feinde des russischen Reiches, die im Auftrage des Westens Russland als Großmacht zerstören wollten. Die Tatsache, dass das Minsker Abkommen den seit der Erosion der kommunistischen Ideologie und der kommunistischen Herrschaft bereits vollzogenen Auflösungsprozess des Sowjetreiches lediglich bestätigte, wird von den Kritikern dieses „geheimen Treffens“, das auch Baberowski in seinem Artikel thematisiert, kaum wahrgenommen.

Das muss der Westen nicht verstehen

Baberowskis Kritik am Westen beschränkt sich nicht nur auf dessen vermeintliche Unfähigkeit, den Stellenwert imperialer Denkmuster im kollektiven Gedächtnis der Russen adäquat einzuordnen. Auch der Hintergrund, auf dem sich der Aufstieg Putins vollzog, werde im Westen aus der Sicht des Historikers nicht ausreichend beleuchtet. Baberowski führt die Popularität Putins in Russland darauf zurück, dass er der „zerrissenen Zeit (…) (der) Jelzin-Jahre, (die) von den meisten Russen als eine Zeit der Katastrophen wahrgenommen (wurde)“, ein Ende setzte: „Das Ende der Demokratie war der Preis, der dafür entrichtet werden musste“, so Baberowski: „und die meisten Russen waren bereit, ihn zu zahlen. Denn Ordnungssicherheit ist unter prekären Verhältnissen wichtiger als Entscheidungsfreiheit. Im Westen hat man davon nichts verstanden.“

Muss man dies aber unbedingt verstehen? Stellt Entscheidungsfreiheit nicht das unverzichtbare Gut jeder modernen Gesellschaft, und zwar in jeder Situation dar? Der Verzicht darauf entzieht bekanntlich die Regierenden der gesellschaftlichen Kontrolle, was unweigerlich dazu führt, dass sie sich an ihrem eigenen Omnipotenzgefühl berauschen und einen verhängnisvollen Fehler nach dem anderen begehen, weil sie allmählich den Bezug zur Realität verlieren.

Noch in den 1990er-Jahren war die russische Zivilgesellschaft stark genug, um Boris Jelzin dazu zu bewegen, den im Lande unpopulären „ersten“ Tschetschenienkrieg im Jahre 1996 zu beenden. In der „gelenkten Demokratie“ Putins fehlt ein vergleichbares gesellschaftliches Korrektiv. Nicht zuletzt deshalb war die Kreml-Führung in der Lage, das eigene Land durch ihre abenteuerliche Ukraine-Politik seit der Krim-Annexion in eine äußerst prekäre Situation hineinzumanövrieren.

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