Patriotisch und national

von Leonid Luks11.01.2015Gesellschaft & Kultur

Während des Bürgerkrieges verkörperten die „Weißen“ im Gegensatz zu den Bolschewiki imperiale Traditionen. Heute bedient sich Putin erneut ihrer Werte.

Haben die „weißen“ Kontrahenten der Bolschewiki, die im russischen Bürgerkrieg von 1918-1920 vernichtend geschlagen waren, heute einen postumen Sieg errungen? Entspricht das Putin’sche Programm der imperialen Restauration im Wesentlichen dem Vermächtnis der ins Exil verbannten Gegner der „Roten“? Diese These wird in den Medien häufig vertreten.

Putin zitiert in der Tat bei seinen öffentlichen Auftritten oft führende Vertreter des russischen Exils, insbesondere den monarchistisch gesinnten Philosophen Iwan Iljin (1883-1954), der, trotz seiner recht umstrittenen Thesen, zu den einflussreichsten russischen Denkern zählt. Die Anknüpfung an derart renommierte Autoren wie Iljin könnte der amorphen und heterogenen Putin’schen Ideologie zu größerem Ansehen verhelfen. Nicht zuletzt deshalb beruft sich der russische Staatspräsident wiederholt auf prominente „weiße“ Ideologen. Dies tat er auch in seiner letzten Rede an die Nation vom 4. Dezember 2014.

Doppelgleisigkeit der Außenpolitik

Dabei darf man nicht vergessen, dass Russland auch in der Vergangenheit Perioden erlebt hatte, in denen es so aussah, als hätten die „Weißen“, ungeachtet ihrer politischen Niederlage, ideologisch letztendlich doch triumphiert. Diese Illusion war insbesondere zu Beginn der 1920er-Jahre verbreitet – kurz nach der Beendigung des Bürgerkrieges, den die Bolschewiki als überlegene Sieger gewonnen hatten.

Während des Bürgerkrieges verkörperten die „Weißen“ im Gegensatz zu den Bolschewiki imperiale Traditionen. Sie kämpften für das „einige und unteilbare Russland“.

Nach dem gewonnenen Bürgerkrieg begannen allerdings die Bolschewiki in einem immer stärkeren Ausmaß an die russischen Reichstraditionen anzuknüpfen. Ihr Vorgehen stellte eine Art Synthese zwischen den entgegengesetzten Polen der politischen Kultur Russlands dar – dem revolutionären und dem imperialen.

Moskau war einerseits die Hauptstadt einer Großmacht und andererseits das Zentrum der kommunistischen Weltbewegung. Natürlich verschoben sich die Akzente der sowjetischen Außenpolitik im Laufe der Zeit. Das Land begann allmählich zur traditionellen Großmachtpolitik zurückzukehren und die Politik der kommunistischen Weltbewegung den Interessen des sowjetischen Staates anzupassen. Dennoch war trotz dieser Akzentverschiebung die weltrevolutionäre Komponente aus der sowjetischen Außenpolitik niemals ganz verschwunden. Das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Polen, die Doppelgleisigkeit der Außenpolitik, blieb praktisch bis zur Auflösung der Sowjetunion bestehen. Gerade diese Bipolarität der sowjetischen Politik erschwerte Außenstehenden oft eine zutreffende Einschätzung.

Sieg Hitlers herbeigewünscht

Dies betraf nicht zuletzt manche national gesinnte Kreise im antibolschewistischen Lager, die bereit waren, nach der Niederlage der Weißen im Bürgerkrieg vor den Bolschewiki zu kapitulieren, und zwar aus „Dankbarkeit“ für die weitgehende Wiederherstellung des territorialen Bestandes des russischen Reiches durch die sowjetische Führung. Dadurch hätten die „weißen Ideen“ zumindest auf Umwegen gesiegt, meinten einige Vertreter dieser Kreise. Die Bolschewiki hätten zwar ihre politische Laufbahn als militante Feinde des russischen Reiches, als Verfechter seiner totalen Desintegration begonnen. Letztendlich hätten sie sich aber als seine Wiederhersteller und Retter erwiesen. Zwar sei der bolschewistische Staat in seiner Form immer noch „rot“, internationalistisch und revolutionär, sein Inhalt sei aber „weiß“: patriotisch und national. Mit besonderer Vehemenz vertrat diese Meinung die „Smena-Wech“ (Umstellung der Wegmarken)-Bewegung, die sich zu Beginn der 20er-Jahre im russischen Exil zu entwickeln begann.

All diese Aussagen zeugen von einer weitgehenden Verkennung der Janusköpfigkeit und der Bipolarität des Bolschewismus. Er war nämlich zugleich national und international, partikular und universal. Mit keinem von diesen beiden Polen identifizierte er sich gänzlich. Er neigte dazu, sowohl national gesinnte als auch revolutionär gesinnte Strömungen lediglich zu instrumentalisieren. Deshalb musste er auch beinahe zwangsläufig seine Verbündeten enttäuschen, die ihm wiederholt Verrat an den hehren nationalen bzw. weltrevolutionären Zielen vorwarfen.

Unmittelbar nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges hofften viele russische Emigranten erneut auf eine Überwindung der innenpolitischen Spaltung Russlands. Sie solidarisierten sich vorbehaltlos mit ihrer tödlich bedrohten Heimat, ungeachtet der Tatsache, dass es die von ihnen vehement abgelehnten Bolschewiki waren, die Russland nach außen repräsentierten. Nikolaj Berdjaew, der zu den wenigen russischen Exildenkern zählt, die auch im Westen zu einem beachtlichen Ruhm gelangten, und der die Kriegszeit in dem von den Deutschen besetzten Paris verbrachte, schrieb in seinen Erinnerungen: „Ich glaubte immer an die Unbesiegbarkeit Russlands. Aber die Gefahr, der Russland ausgesetzt war, stellte für mich eine ungeheure Qual dar … Ich teilte die Menschen in diejenigen ein, die einen Sieg Russlands, und diejenigen, die einen Sieg Hitlers herbeiwünschten. Mit der letzteren Kategorie wollte ich nichts zu tun haben, sie waren für mich Verräter.“

Zu den prominenten Vertretern des russischen Exils, die ähnlich dachten, gehörten der linksliberale Politiker Pawel Miljukow, der rechtsliberale Pjotr Struwe, aber auch einer der führenden „weißen“ Generäle, Anton Denikin.

Tiefe Spaltung in Emigrantenkreisen

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes waren zahlreiche russische Emigranten bereit, aus Dankbarkeit für die Bezwingung des Dritten Reiches durch die Rote Armee ihre Kritik am sowjetischen Regime zumindest vorübergehend zu mäßigen.

Als die Kreml-Herrscher am 14. Juni 1946 den in Frankreich lebenden russischen Emigranten die Möglichkeit anboten, als Sowjetbürger nach Russland zurückzukehren, begrüßten viele Vertreter der russischen Exilgemeinde diesen Erlass des Obersten Sowjets. Der bereits erwähnte Nikolaj Berdjaew sprach sich dafür aus, das Angebot des Erwerbs der sowjetischen Staatsbürgerschaft – von einigen „ehrenhaften Ausnahmen“ abgesehen – anzunehmen.

Für sich selbst lehnte Berdjaew allerdings eine Rückkehr nach Russland kategorisch ab. Er begründete seine Entscheidung durch die fehlende Meinungsfreiheit in Russland, dies vor allem im Bereich der Philosophie: „Für einen Philosophen ist eine Rückkehr nach Russland sinnlos“, schrieb er in seinen autobiografischen Notizen.

Berdjaews vorübergehender Flirt mit dem sowjetischen Regime rief bei vielen russischen Exildenkern große Enttäuschung hervor. In seinem Nachruf auf Berdjaew schrieb der Exilhistoriker Georgij Fedotow: „Dieser unbeugsame Geist, … der keiner Autorität … gehorchen wollte, beugte sein stolzes Haupt gegenüber der Geschichte, und zwar in einer ihrer schrecklichsten (Formen): gegenüber der kommunistischen Revolution.“

Es fand eine tiefe Spaltung in den russischen Emigrantenkreisen statt, die sogar die Hierarchen der russisch-orthodoxen Kirche in Frankreich miterfasste. So war der Pariser Metropolit Ewlogij der Moskauer Führung für ihre Bereitschaft, den Emigranten entgegenzukommen, außerordentlich dankbar und rief (trotz einiger Zweifel) zur Aussöhnung der Pariser Exilkirche, die dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt war, mit dem Moskauer Patriarchat auf. Die Bischofssynode des Pariser Exarchats lehnte indes diese Initiative des in der Zwischenzeit verstorbenen Metropoliten am 16. Oktober 1946 ab.

Regime mit menschlichem Antlitz

Von den in Frankreich ansässigen russischen Emigranten entschlossen sich etwa fünf Prozent zur Annahme des sowjetischen Passes. Etwa die Hälfte der neuen Sowjetbürger kehrte auch nach Russland zurück. Wenn man bedenkt, welch tragische Folgen diese Entscheidung für viele Rückkehrer hatte, die nun den sowjetischen Sicherheitsorganen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert waren, muss die Propagierung der Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft, an der sich auch manche prominente Emigranten beteiligten, als ein besonders unverantwortlicher Akt bezeichnet werden.

Hoffnungen auf einen Neuanfang in Russland nach der Bezwingung des Dritten Reiches hatten indes nicht nur zahlreiche Emigranten, sondern auch große Teile der sowjetischen Gesellschaft. Viele erwarteten, dass „die Kolchosen nach dem Krieg abgeschafft würden“ – solche Aussagen wurden von den sowjetischen Sicherheitsorganen unmittelbar nach dem Krieg oft registriert.
All diejenigen, die der Illusion erlagen, Stalin werde dazu bereit sein, seinem Regime ein „menschliches Antlitz“ zu verleihen, wurden bald eines Besseren belehrt.

Dass die von der Außenwelt abgeschottete sowjetische Bevölkerung dieser Fehleinschätzung erlag, ist nicht verwunderlich. Völlig unverständlich ist aber die Tatsache, dass zahlreiche Emigranten, denen alle Informationen über den Charakter des stalinistischen Systems zur Verfügung standen, den gleichen Fehler begingen.

Nun droht der russischen Exilgemeinde erneut eine Spaltung. Zahlreiche Nachkommen prominenter „weißer“ Emigranten bekundeten in einem gemeinsamen offenen Brief vom 26. November eine vorbehaltlose Solidarisierung mit dem außenpolitischen Vorgehen der Moskauer Führung. Die Angliederung der Krim an die Russische Föderation wird als eine Art Erfüllung des Vermächtnisses der „weißen Bewegung“ bezeichnet, die für ein „einiges und unteilbares“ Russland gekämpft hatte. Der Pariser Historiker Fürst Dmitri Schachowskoi, der zu den Initiatoren des Briefes zählt, spricht in einem Interview, ähnlich wie Putin, von einer sakralen Bedeutung der Krim für Russland. Es finde jetzt eine Art Anknüpfung an die alte Idee der „Heiligen Rus“ statt (Rus – alte Bezeichnung für Russland bzw. für den ostslawischen Raum).

Der Präsident stellt europäische Werte infrage

Eines wird von den Unterzeichnern des Briefes allerdings zu wenig bedacht. Nämlich die Tatsache, dass Putin die Anlehnung an das Vermächtnis der „weißen“ Gegner der Bolschewiki mit einer ausgesprochenen Sowjetnostalgie verknüpft, mit einer Sehnsucht nach der Vergangenheit, die im oben erwähnten Brief der Emigranten als eine „Zeit des Schreckens“ bezeichnet wird. So wurde die Ende 1943 entstandene Stalin-Hymne im Jahre 2000, wenn auch mit einem neuen Text, zur Nationalhymne der Russischen Föderation erklärt. Dies stellt ein besonders spektakuläres Indiz für die bewusste Anknüpfung der Putin’schen „gelenkten Demokratie“ an die sowjetische Vergangenheit dar, von der die Unterzeichner des Briefes sich expressis verbis distanzieren. Der Versuch, die „weißen“ Ideen bzw. das Ideal der „Heiligen Rus“ mit dem sowjetischen Erbe zu verknüpfen, gleicht einer Quadratur des Kreises. Die beiderseitige Enttäuschung ist hier vorprogrammiert.

Der Brief vom 26. November löste übrigens im russischen Exil heftige Proteste aus. Der in Paris lebende Theologe Antoine Arzhakowski, der ein Gegenschreiben zu diesem Brief initiierte, hob Anfang Januar hervor, dass die „Putinversteher“ eine Minderheitenposition unter den Nachkommen der alten Emigranten verträten. Die Mehrheit hingegen bekenne sich zu den europäischen Werten, die der russische Präsident zurzeit mit seiner Politik radikal infrage stelle.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu