Russischer Sonderweg

Leonid Luks12.06.2014Außenpolitik

Gibt es einen fundamentalen Gegensatz zwischen den russischen und den westlichen Wertvorstellungen? – Anmerkungen zu einer Kontroverse.

In seinem „FAZ“-Artikel „Die Mutter aller Kriege ist das Missverständnis“ spricht der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew von einem fundamentalen Gegensatz zwischen den russischen und den westlichen Wertvorstellungen, der sich während des jetzigen Konflikts um die Ukraine deutlich offenbare. Diesen Wertekonflikt versucht Jerofejew durch folgenden Ausspruch von James Joyce zu veranschaulichen: „Man sagt mir, stirb für Irland. Ich aber sage, soll Irland doch für mich sterben!“ Diese Worte des irischen Schriftstellers, die aus der Sicht Jerofejews für die westliche Mentalität typisch seien, kommentiert er folgendermaßen: „Man kann sich kaum vorstellen, dass ein gewöhnlicher Russe so etwas im 21. Jahrhundert über sein Land sagen würde, denn das widerspricht dem russischen Prinzip des Patriotismus und des Dienstes an der Heimat.“

Ein anderer fundamentaler Unterschied zwischen Russland und dem Westen besteht für Jerofejew darin, dass die für den Westen typischen Eigenschaften wie „Mäßigung und Vorsicht (in Russland seit Jahrhunderten) als biedermeierliche Begriffe“ verspottet würden.

Nationaler Nihilismus der russischen Volksschichten

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Artikel Jerofejews ausgerechnet in dem Jahr erschienen ist, in dem Europa an den 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges erinnert – der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, deren Beginn von unzähligen Europäern mit Begeisterung begrüßt wurde. Der nationalistische Überschwang war damals im Westen im Überfluss vorhanden. Man verhielt sich dort also keineswegs im Sinne des von Jerofejew zitierten Ausspruchs von Joyce. Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler spricht in diesem Zusammenhang von einer „Sakralisierung des Krieges“, die damals in vielen kriegführenden Staaten zu beobachten war. „(Dies) war gleichbedeutend mit einer Immunisierung gegen jede Kalkülrationalität.“

Wo blieben damals „Mäßigung und Vorsicht“, die die westliche Mentalität angeblich auszeichneten? Erst nach den verheerenden Erfahrungen der beiden Weltkriege fand in Europa ein Paradigmenwechsel statt, der zu einer partiellen Entthronung der bis dahin beinahe unumschränkt herrschenden Nationalidee führte.

Und wie verhält es sich mit dem „russischen Prinzip des Patriotismus und des Dienstes an der Heimat“? Handelt es sich dabei wirklich um „ewige russische Werte“, um eine Art zweiter Natur der Russen, wie Jerofejew dies annimmt? Wohl kaum. So war z.B. die Mehrheit der russischen Soldaten im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges nicht mehr bereit, den eigenen Staat vor den äußeren Gegnern zu verteidigen. Diese ihre Haltung führte der russische Historiker Georgij Fedotov darauf zurück, dass die russischen Volksschichten zu Beginn des 20. Jahrhunderts „ihren eigenen Staat, seine politischen Ziele und Ideen nicht mehr verstanden“.

Kein Wunder also, dass das Zarenregime sich als das schwächste Glied in der Kette der kriegführenden Mächte erwies und als Erstes an den Herausforderungen des Krieges zerbrach. Welche Dimensionen der nationale Nihilismus der russischen Volksschichten damals erreichte, ließ sich daran ablesen, dass die Zusammenarbeit Lenins mit dem Deutschen Kaiserreich, die von der damaligen russischen Regierung dokumentarisch belegt wurde, dem Siegeszug der Bolschewiki in keiner Weise schadete. Ein weiteres Indiz für die Abkehr der russischen Volksschichten von der aus der Sicht Jerofejews typisch russischen „patriotischen Haltung“, war deren im Wesentlichen gleichgültige Reaktion auf den demütigenden Brest-Litowsker Frieden vom März 1918, der dem späteren Siegfrieden der Westmächte in Versailles zum Verwechseln ähnlich war.

Eine ans Groteske grenzende Verklärung des Russentums

Einen ganz anderen Charakter sollte der 1941 ausgebrochene deutsch-sowjetische Krieg haben. Das Verhalten der überwältigenden Mehrheit der russischen Bevölkerung entsprach nun in der Tat den Prinzipien, die Jerofejew als typisch russisch bezeichnet. Der russische Patriotismus wurde zu der wohl wichtigsten Kraft, die sowohl zum Überleben der Sowjetunion als auch zum Zusammenbruch des Dritten Reiches beitrug. Den Paradigmenwechsel, der sich in Russland zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg vollzog, konnte man am Beispiel von zwei Politikern ablesen, die jeweils mit dem Kriegsgegner kooperierten. So hatte Lenins Zusammenarbeit mit den Deutschen seiner Popularität, wie gesagt, kaum geschadet, die Kollaboration von General Wlasow mit dem Dritten Reich hatte ihn hingegen in den Augen der großen Mehrheit der Russen gänzlich diskreditiert.

Handelte es sich bei dem damaligen russischen Patriotismus um eine Kraft, die sich in einem fundamentalen Widerspruch zu den westlichen Werten befand? Wohl kaum. Eher das Gegenteil traf zu. Die Tatsache, dass die Rote Armee vor den Toren Moskaus und Leningrads nicht nur ihr eigenes Land, sondern auch die gesamte vom Nationalsozialismus bedrohte Welt verteidigte, trug beträchtlich zu ihrem Selbstbewusstsein bei. Von den westlichen Alliierten ihrerseits wurde dieser Kampfeinsatz des neuen russischen Verbündeten zunächst uneingeschränkt begrüßt. So erklärte Winston Churchill am Tag des Hitler’schen Überfalls auf die Sowjetunion: „Der Kampf jedes Russen … ist der Kampf aller freien Menschen … in allen Teilen der Welt.“

Die seit der bolschewistischen Revolution bestehende und scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen Ost und West begann sich damals zusehends zu verringern. Aber gerade diese Entwicklung löste bei dem Kreml-Tyrannen außerordentliche Ängste aus. Sowohl das Streben der eigenen Untertanen nach mehr Eigenständigkeit als auch die Öffnung des Landes gegenüber der freien Welt empfand er als eine beispiellose Gefahr. Die erneute Disziplinierung der auf ihren Sieg so stolzen Nation betrachtete die stalinistische Führung nun als ihr wichtigstes Ziel. Paradoxerweise verband sie die Straffung der staatlichen Kontrollmechanismen über die eigene Bevölkerung mit einer ans Groteske grenzenden Verklärung des Russentums. Die Tatsache, dass Russland nach der petrinischen Revolution zu einem unverzichtbaren Bestandteil der europäischen Völkergemeinschaft geworden war, wurde nun geleugnet, der Westen wurde dämonisiert, ein fundamentaler Gegensatz zwischen den russischen und den westlichen Wertvorstellungen wurde postuliert.

Den vom Regime verbreiteten russozentrischen Wahn nahmen nicht wenige Russen für bare Münze. Sie glaubten also aufrichtig, dass die größten Entdeckungen und Erfindungen in der neuesten Geschichte der Menschheit von Russen gemacht worden waren, dass „Russland die Heimat der Elefanten“ sei (so parodierten kritisch denkende russische Intellektuelle die chauvinistische Kampagne des Regimes). Aber auch die Sehnsucht nach der Überwindung des Ost-West-Gegensatzes, nach der „Rückkehr Russlands nach Europa“, blieb in einigen Teilen der russischen Gesellschaft weiterhin bestehen. Diese Sehnsucht sollte allerdings erst zur Zeit der Gorbatschow’schen Perestroika konkrete Umrisse erhalten. Das politische Wunder der friedlichen Revolutionen von 1989 bis 1991 und die Überwindung der europäischen Spaltung wären ohne diese Sehnsucht undenkbar gewesen.

Der russische Sonderweg

Inzwischen ist allerdings die Euphorie der Jahre 1989-91 verflogen. Isolationistische Kräfte sowohl im Osten als auch im Westen, die den europäischen Charakter Russlands infrage stellen, nehmen an Stärke zu. Die russischen „Europäer“, denen der Kontinent die friedliche Überwindung der jahrzehntelangen Kluft im Wesentlichen verdankt, stehen zurzeit mit dem Rücken zur Wand. Die Verfechter der Putin’schen „gelenkten Demokratie“ versuchen die Entmündigung der russischen Gesellschaft mit einer Liebeserklärung an die eigene Nation zu verknüpfen und postulieren, ähnlich wie dies die stalinistische Führung getan hatte, einen fundamentalen Gegensatz zwischen dem angeblich „gesunden“ und traditionsbewussten Russentum und dem dekadenten, dem Untergang geweihten Westen. In einer besonders extremen Form vertritt diese Gedankengänge der rechtsradikale Publizist Alexander Dugin, der einen immer größeren Einfluss auf den innerrussischen Diskurs auszuüben scheint. Vor einigen Jahren charakterisierte Dugin die Russen folgendermaßen: „Wir sind eine Nation kosmischer Dimension … Wir sind ein Volk Gottes … Russland und das Universum – das sind Synonyme.“

Erneut versuchen also die Verfechter des russischen „Sonderweges“, beide Teile Europas, die essenziell aufeinander angewiesen sind, künstlich voneinander zu trennen und Russland, ähnlich wie in der Stalin-Zeit, von den weltweiten kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklungen abzukoppeln. Erneut nehmen sie dadurch die Stagnation des eigenen Landes, den „Niedergang seiner Schaffenskraft“ in Kauf. Wie werden die „russischen Europäer“ auf diese verhängnisvolle Entwicklung reagieren?

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