Eurasische Träumer

Leonid Luks20.05.2014Außenpolitik, Innenpolitik

Putin wird unterstellt, dem alten Traum der Eurasier nachzuhängen. Doch sein Russozentrismus hat kein historisches Vorbild und entwickelt auch noch gefährliche Fliehkräfte.

Seit Jahren kokettiert Wladimir Putin mit dem eurasischen Gedanken, den er als eine Alternative zur europäischen Idee zu popularisieren sucht. Die „Eurasische Union“, die er demnächst gründen möchte, wurde von ihm als eine Art Gegenmodell zur EU konzipiert.

Handelt es sich bei Putin aber wirklich um einen „Eurasier“ im neuen Gewand, wie dies von vielen Interpreten vermutet wird, so z.B. von Cornelius Janzen in seinem Beitrag in 3Sat: „Putins Eurasien. Die Ideologie hinter Russlands Expansionismus“? Wohl kaum.

Um die 1921 im russischen Exil gegründete Eurasierbewegung ranken sich zurzeit so viele Gerüchte und Legenden, dass es zunächst erforderlich ist, einige der Kernsätze ihres Programms zu rekonstruieren, um zu zeigen, welch ein Abgrund sie von den heutigen angeblichen Erben des eurasischen Vermächtnisses trennt.

Die eurasische Idee als Klammer der Nation

Als ihr größtes Trauma betrachteten die Eurasier den vorübergehenden Zerfall des Russischen Reiches infolge der Revolution von 1917. Sie wollten eine erneute Auflösung der russischen Staatlichkeit um jeden Preis verhindern und suchten nach einer neuen einigenden Klammer für das Russische Vielvölkerreich. Sie wussten, dass der proletarische Internationalismus, mit dessen Hilfe die Bolschewiki das 1917 zerfallene Reich erneut zusammenfügten, das Imperium auf Dauer nicht festigen konnte. Nationale Emotionen seien bei Arbeitern in der Regel wesentlich stärker als die Klassensolidarität, so einer der Gründer der Bewegung, Nikolaj Trubeckoj (1890-1938). Russland müsse deshalb, wenn es ein einheitlicher Staat bleiben wolle, einen neuen Träger der Einheit finden, und dies könne nur die eurasische Idee sein, die das Gemeinsame zwischen allen Völkern des Russischen Reiches hervorhebe.

Die Originalität der Eurasier bestand darin, dass sie der asiatischen Komponente in der russischen Geschichte und Gegenwart wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenkten als dies bis dahin üblich gewesen war. Die mangelnde Beachtung des asiatischen Elements in der russischen Tradition war sicherlich damit verbunden, dass Russland seit Peter dem Großen unentwegt um seinen Ruf einer europäischen Macht kämpfte. Die westliche Öffentlichkeit ihrerseits reagierte auf diese Bemühungen in der Regel skeptisch. Die These, Russland sei eine Art Fremdkörper in Europa, sei, trotz seiner oberflächlichen Europäisierung, in seinem Wesenskern „asiatisch“ geblieben, war im Westen sehr verbreitet.

Argumente dieser Art riefen bei führenden Vertretern der russischen Bildungsschicht apologetische Reaktionen hervor. Sie versuchten um jeden Preis zu beweisen, dass Russland ein Bestandteil Europas sei. Ganz anders verhielten sich die Eurasier. Auf den westlichen Isolationismus antworteten sie mit einem ebenso ausgeprägten östlichen Isolationismus. Auch sie waren der Meinung, dass Russland in Europa nichts zu suchen habe. Es müsse sich dem Osten zuwenden und das Fenster nach Europa, das Peter der Große öffnete, schließen.

Ihr erster Sammelband trug den programmatischen Titel „Der Aufbruch nach Osten“. Ihre Hinwendung zum Osten unterstrichen die Eurasier durch die Verklärung der Periode der Tatarenherrschaft in Russland (1240-1480), was heftige Proteste bei den führenden russischen Exildenkern hervorrief. Die Tatarenherrscher wurden von den Eurasiern als die ersten Vertreter der Idee von der Einheit des eurasischen Territoriums betrachtet. Diese Idee sei später von Moskau übernommen worden. Das Moskauer Reich stellte für die Eurasier eine Synthese der byzantinischen Tradition mit dem Tatarentum dar.

„Die größte geteilte Nation der Welt“

All diese Gedankengänge haben mit dem Putin’schen ideologischen Konstrukt nur wenig gemein. Das von Putin angestrebte imperiale Gebilde soll nicht auf einer multikulturellen Synthese, wie sie den Eurasiern vorschwebte, sondern in erster Linie auf dem russischen Nationalismus basieren. Als seine wichtigsten Verbündeten betrachtet der Kremlherrscher nicht die asiatischen Völker des ehemaligen Sowjetreiches, sondern die russischen Minderheiten in den Nachfolgestaaten der UdSSR.

In seiner Rede anlässlich der Angliederung der Krim an die Russische Föderation bezeichnete Putin die Russen als eine der größten, wenn nicht als die größte geteilte Nation der Welt. Mit den eurasischen Ideen hat diese russozentrische Sicht demnach nur wenig Ähnlichkeit, denn bereits 1927 hob Trubeckoj hervor: Die Zeit der Alleinherrschaft der Russen im Russischen Reich sei endgültig vorbei.

Putins Russozentrismus führt zu einer zunehmenden Entfremdung zwischen Moskau und den islamischen Staaten der ehemaligen UdSSR, was keineswegs im Sinne der „klassischen“ Eurasier wäre. Das Ausmaß dieser Entfremdung spiegelte sich während der Abstimmung in der UN-Vollversammlung zur Krim-Frage wider. Kein einziger dieser Staaten hatte sich mit Moskau solidarisiert.

Es gibt zwar trotz dieser fundamentalen Unterschiede auch einige Gemeinsamkeit zwischen dem Putin’schen Weltbild und demjenigen der Eurasier. So die Ablehnung solch westlicher Werte wie Liberalismus, Pluralismus oder Individualismus oder die Verklärung eines starken und autoritären Staates. In einem entscheidenden Punkt trennen sich aber ihre Wege erneut, und dies betrifft die Einstellung zum sowjetischen Regime. Die Sowjetnostalgie wird in Russland seit Jahren von oben gefördert, die Sowjetsymbolik ist allgegenwärtig, die sowjetische Hymne, wenn auch mit einem neuen Text, stellt seit 2000 erneut die offizielle Hymne Russlands dar.

Vom Niedergang der Schaffenskraft

Ganz anders verhielt es sich mit der Einstellung der prägenden Gestalten des Eurasiertums zum Sowjetsystem. Es existierte zwar in der Eurasierbewegung ein prosowjetischer Flügel, dem, wie man inzwischen weiß, auch einige sowjetische Agenten angehörten und der 1929 zur Spaltung der Bewegung führte. Für die führenden Denker des „klassischen“ Eurasiertums kamen jedoch Kompromisse mit der Sowjetdiktatur nicht infrage. Im Jahre 1937, als der stalinistische „Große Terror“ seinen Höhepunkt erreichte, veröffentlichte Nikolaj Trubeckoj einen Artikel unter dem Titel „Der Niedergang der Schaffenskraft“.

Obwohl der Artikel kein einziges Wort über den Terror enthielt, stellte er eine vernichtende Kritik des Stalinismus dar. Die repressive Politik des Regimes habe zur Erlahmung der Kreativität im Lande geführt, so Trubeckoj: „Die zum Schweigen verurteilten Menschen verlernen allmählich auch zu sprechen.“ Auf diese durch die Partei verursachte kulturelle Stagnation führt Trubeckoj die Unfähigkeit des Stalinismus zurück, seinen eigenen kulturellen Stil zu entwickeln. Trubeckoj war davon überzeugt, dass der Kommunismus zum Untergang verurteilt sei, weil er sein schöpferisches Potenzial gänzlich verbraucht habe.

In Wirklichkeit sollte aber das System, dessen baldigen Untergang Trubeckoj vorausgesagt hatte, noch ein halbes Jahrhundert lang das Weltgeschehen entscheidend prägen. Die politische Vitalität des Kommunismus wurde von Trubeckoj eindeutig unterschätzt, nicht aber die kulturelle. Denn schon damals sagte er mit großem Weitblick voraus, dass eine Ideologie, die nicht imstande sei, die kulturelle Elite zu inspirieren, die nur den offiziösen künstlerischen Kanon dulde, auf die Dauer keine Überlebenschance habe. Frühzeitig erkannte der Vordenker der Eurasier-Bewegung die epigonenhafte Sterilität des stalinistischen Kulturverständnisses, dem auch die Nachfolger Stalins bis zur Gorbatschow’schen Perestrojka im Wesentlichen treu blieben.

Wenn man nach den Ursachen für den Zusammenbruch des sowjetischen Regimes sucht, darf man die Diagnose Trubeckojs keineswegs außer Acht lassen. Nicht nur die wirtschaftliche Schwäche, nicht nur die technologische Rückständigkeit, sondern auch der „Niedergang der Schaffenskraft“, der in Russland infolge der stalinistischen Gleichschaltung zu beobachten war, bedingte letztendlich den Untergang des Sowjetreiches. Davon wollen allerdings die Sowjetnostalgiker im heutigen Russland nichts hören.

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