Russisches Schreckgespenst

Leonid Luks18.04.2014Außenpolitik

Der Anschluss der Krim erinnert nur auf den ersten Blick an eine Strategie von Hitler. Russland verfolgt andere Pläne – und droht zu scheitern.

Zu den deprimierendsten Erfahrungen der jetzigen Moskauer Führung gehörte wohl die jüngste Abstimmung in der UN-Vollversammlung zur Krim-Frage. Abgesehen von Russland selbst sprachen sich lediglich zehn Staaten für die Angliederung der Krim an die Russische Föderation aus. 100 Staaten waren dagegen, 58 enthielten sich der Stimme.

So wird Russland zu einem Staat praktisch ohne Verbündete – eine recht ungewöhnliche Konstellation für dieses größte Flächenland der Erde, mit dem seit Beginn der Neuzeit viele Völker ihre Hoffnungen verknüpft hatten. Nach dem Fall von Konstantinopel im Jahre 1453 waren es die orthodoxen Untertanen des Osmanischen Reiches, die von Moskau eine Unterstützung in ihrem Kampf gegen die türkische Herrschaft erwarteten. Im nationalistischen 19. Jahrhundert richteten die unterdrückten Slawen des Habsburger und des Osmanischen Reiches ihre hoffnungsvolle Blicke in Richtung Russland.

Alles andere als alltäglich

Schließlich erklärte Lenin nach dem Sieg der bolschewistischen Revolution Moskau zum Zentrum der antikapitalistischen und antikolonialen Weltrevolution, und es wurde in der Tat von Millionen von Menschen als ein solches gesehen.

Auch im Bereich der zwischenstaatlichen Beziehungen war Russland seit seinem Eintritt in das europäische „Konzert der Mächte“ zu Beginn des 18. Jahrhunderts selten isoliert. So wurde es zum Bestandteil von Koalitionen, die sowohl gegen den napoleonischen Hegemonialdrang als auch gegen den deutschen „Griff nach der Weltmacht“ (Fritz Fischer) im Ersten und im Zweiten Weltkrieg kämpften.

Es gab zwar auch Phasen, in denen Russland international vereinsamt war, so während des Krimkrieges, dann in der frühsowjetischen Periode oder auch in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes. Diese Phasen stellten allerdings immer nur Episoden dar. Die heutige Isolierung, die sich infolge der Krimkrise ergab, ist also für Russland alles andere als alltäglich.

Zu den wenigen Bevölkerungsgruppen außerhalb der Grenzen der Russischen Föderation, die von Moskau noch als potenzielle Verbündete betrachtet werden, und als deren Schutzmacht es sich gebärdet, gehören die russischen Minderheiten in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Nicht zuletzt aus diesem Grund werden in Ost und West wiederholt Parallelen zwischen dem Vorgehen des Dritten Reiches im Jahre 1938, als es sich zur Schutzmacht der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei erklärt hatte, und der heutigen Ukraine-Politik Moskaus gezogen.

All diese Analogien lassen allerdings die grundlegenden Unterschiede zwischen den beiden Konstellationen außer Acht. So vor allem die Tatsache, dass die Angliederung der von den Deutschen bewohnten Gebieten für Hitler lediglich die erste Stufe einer von ihm geplanten rassenhierarchischen Neuordnung Europas darstellte. Es schwebte ihm eine Revolution vor, die noch radikaler werden sollte als diejenige der Bolschewiki, worauf bereits der Faschismusforscher Ernst Nolte (1966) hinwies.

Rechtsradikale Tendenzen

Abgesehen davon zeichnete Hitler eine Art „Endzeit“-Denken aus, die Vorstellung vom unmittelbar bevorstehenden Endkampf zwischen der arischen und der jüdischen Rasse: „Abschluss und Ende der Geschichte standen unmittelbar bevor und waren auf jeden Fall zu Hitlers Lebzeiten einzulösen“, so der Historiker Frank-Lothar Kroll.

Mit Putins Programm, das man eher als einen traditionellen imperialen Revisionismus bezeichnen kann, hat dieses „Endzeit“-Denken wenig gemeinsam. Am rechten Rand des heutigen politischen Spektrums in Russland existieren allerdings durchaus Gruppierungen, die zu vergleichbaren apokalyptischen Szenarien neigen, wie sie für die nationalsozialistischen Ideologen typisch waren. Dies betrifft vor allem die sogenannten Neoeurasier um den rechtsradikalen Publizisten Alexander Dugin. Die Restauration des früheren russischen Imperiums stellt für Dugin, anders als für andere imperiale Nostalgiker in Russland, nur die erste Stufe seines strategischen Plans dar. Denn das eigentliche Ziel des wiederhergestellten Imperiums soll der Kampf um die Weltherrschaft, der „Endkampf“ sein.

Seit Jahren versucht Dugin, das politische Establishment Russlands mit seinem rechtsextremen Gedankengut zu infizieren, wobei er auch beträchtliche Erfolge zu verzeichnen hatte. Trotz dieser äußerst besorgniserregenden Entwicklung war Dugin allerdings bisher noch nicht imstande, den von ihm angestrebten Rang eines Chefideologen des Putin-Regimes zu erreichen.

Seine Endkampf-Ideologie stellt noch kein offizielles Regierungsprogramm dar. Auch die Tatsache, dass die Moskauer Führung sich zurzeit zu einer antifaschistischen Kraft par excellence stilisiert, könnte der politischen Karriere Dugins schaden, denn mehrmals äußerte er sich lobend über das Dritte Reich. Vergleichbare Äußerungen aus dem Munde der heutigen russischen Machthaber wären kaum denkbar. Trotz ihres russozentrischen Triumphalismus nach der Angliederung der Krim sind sie sich auch, anders als Dugin, durchaus darüber im Klaren, dass Russland nicht imstande ist, die westlichen Sieger des Kalten Krieges in die Knie zu zwingen.

Hinter dem aggressiven Verhalten der Kreml-Führung versteckt sich eine tiefsitzende Angst vor der weiteren Verbreitung der mit dem Westen assoziierten Wertvorstellungen, also vor der Moderne. Ihr abenteuerliches Vorgehen auf der Krim entsprang nicht in erster Linie der Solidarität mit den angeblich bedrängten Landsleuten auf der Halbinsel, vielmehr aber dem Wunsch, den westlichen Nachbarn für seine pro-europäische Wahl zu bestrafen.

Zwar schwimmt Putin zurzeit auf einer Welle der nationalistischen Begeisterung. Nach einer vor Kurzem durchgeführten Umfrage des Lewada-Zentrums begrüßten 86 Prozent der befragten Russen die Aufnahme der Krim in die Russische Föderation.

Kein Schritt Richtung Ziel

Seinem Ziel einer partiellen Wiederbelebung des Sowjetimperiums, und zwar in der Form einer „Eurasischen Union“, kam Putin allerdings auch nach seinem Krim-Coup wohl keinen Schritt näher. Denn auch die autoritär regierten Nachfolgestaaten der UdSSR (potenzielle Mitglieder der geplanten Union), auf deren Territorien sich russische Minderheiten befinden, sind durch das Vorgehen Moskaus in der Ukraine abgeschreckt. Ihre Bereitschaft, den Hegemonialanspruch Russlands im Rahmen des neuen multinationalen Gebildes zu akzeptieren, lässt nach.

Die Tatsache, dass bei der UN-Abstimmung zur Krim-Frage von den 15 ehemaligen Sowjetrepubliken nur drei (neben Russland Weißrussland und Armenien) die Aufnahme der Krim in die Russische Föderation unterstützten, müsste der russischen Führung zu denken geben.

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