Zurück nach Europa

Leonid Luks18.11.2011Gesellschaft & Kultur, Politik

Die derzeitige Krise rüttelt an den Grundfesten der Europäischen Union. Das chinesische Modell ist jedoch keine Alternative. Was wir jetzt brauchen, sind neue Visionen. So wie zu Zeiten des Kalten Krieges.

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“Manche Grundlagen, auf denen die EU basiert, werden zurzeit infrage gestellt”:http://www.theeuropean.de/ivan-krastev/8500-im-teufelskreis-der-europa-skepsis. Nicht selten wird das chinesische Modell, das auf einer Entmündigung der Bevölkerung bei gleichzeitiger Sicherung des wirtschaftlichen Wachstums basiert, zu einer Alternative für die europäische Wertegemeinschaft stilisiert. Den Bewunderern des chinesischen Modells könnte man die Lektüre der Legende vom Großinquisitor aus den “„Brüdern Karamasow“”:http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Brüder_Karamasow von Fjodor Dostojewski empfehlen. Der Großinquisitor nahm den Menschen die Bürde der Freiheit und versprach ihnen stattdessen, die Sattheit, die Befriedigung ihrer „irdischen“ Bedürfnisse. Dass ein solcher „Deal“ mit der Achtung der Menschenwürde nicht zu vereinbaren ist, hat vor allem die Geschichte der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts zur Genüge bewiesen. Damals wurden mehrere Alternativen zum demokratischen Modell ausprobiert, und zwar mit verheerenden Folgen für die jeweils Betroffenen.

Ursache: Orientierungslosigkeit

“Wenn man nach den Ursachen der jetzigen Krise des europäischen Gedankens sucht”:http://www.theeuropean.de/hermann-otto-solms/8126-vertrauenskrise-in-europa, so ist sie sicherlich mit einer gewissen Orientierungslosigkeit verbunden, die nach der Beendigung des Ost-West-Konflikts begann. Bis 1989/91 stellte der europäische Gedanke im frei gebliebenen westlichen Teil des Kontinents eine Alternative zu den „geschlossenen Gesellschaften“ der „vergessenen“ östlichen Hälfte Europas dar. Die Gefahr, die von dem bis an die Zähne bewaffneten Warschauer Pakt ausging, wirkte mobilisierend auf die offenen Gesellschaften des Westens, stärkte ihre Identität. Nicht zuletzt diesem Ausharrungsvermögen des Westens verdankt man den „Völkerfrühling“ von 1989. Denn das, wonach die Völker des Ostens nun strebten, war nicht die kommunistische „lichte Zukunft“, sondern die Übernahme der Gesellschaftsmodelle, die im Westen bereits verwirklicht worden waren. Dies war der eigentliche Sinn des damals so virulent gewordenen Wunsches nach einer „Rückkehr nach Europa“.

Ein politisches Wunder

Die Euphorie, die nach der Überwindung der europäischen Spaltung ausbrach, verflog jedoch schnell. Manche Schwierigkeiten der Transformationsprozesse verdrängten die Tatsache aus dem Bewusstsein, dass die Europäer 1989/91 eine Art politisches Wunder erlebt hatten, das kurz zuvor so gut wie niemand für möglich hielt – eine (bis auf Rumänien) friedliche Demontage der kommunistischen Regime, die bis dahin auf jede Infragestellung ihres Machtmonopols mit der Anwendung von uferloser Gewalt reagiert hatten. Diejenigen, die wegen der jetzigen Schuldenkrise oder aufgrund des zu langsamen Aufbaus demokratischer Strukturen in den postsozialistischen EU-Staaten am europäischen Gedanken zweifeln, sollten vielleicht daran erinnert werden, was der europäischen Idee vorausging: die Trümmerlandschaften des Jahres 1945, die stalinistischen Schauprozesse, Auschwitz und der Gulag. Aus all diesen Vorkommnissen zogen die westlichen Verfechter der Integrationsprozesse ein klares Fazit: „Nie wieder!“ Aber auch die Osteuropäer, insbesondere die osteuropäischen Dissidenten, hinterließen den heutigen Europa-Skeptikern ein Vermächtnis. Das Wirken der Dissidenten zeigt, dass Visionen keine Phantasiegebilde, sondern mächtige Faktoren der politischen Veränderungen sein können: Dazu zählte z.B. der Glaube an ein Europa ohne Grenzen, in der Zeit, als der Eiserne Vorhang diesen Glauben zu einer skurrilen Utopie zu degradieren schien. Auch heute, in der Zeit der vorübergehenden Orientierungslosigkeit, die in der EU nach ihrem wohl größten Erfolg – nach der Überwindung der europäischen Spaltung – herrscht, “sind vergleichbare Visionen unentbehrlich”:http://www.theeuropean.de/georg-schulze-zumkley/7240-europa-im-21-jahrhundert.

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