Die Generation Y ist sehr pragmatisch und ideologiefrei. Kerstin Bund

Der Abschied vom Westen?

Spätestens seit Katharina II. orientierte sich Russland geopolitisch zunehmend gen Europa. Dieser Tendenz werden selbst Putins antieuropäische Tiraden über kurz oder lang keinen Abbruch tun.

Der russische Politologe und Direktor des Moskauer Carnegie-Zentrums, Dmitrij Trenin, fragte vor Kurzem in der russischen Wirtschaftszeitung „Wedomosti“, welche geopolitischen Optionen Russland nun verblieben, nachdem sich das Fenster zum Westen für das Land „geschlossen“ habe.

Eine „Einheitsfront“ lässt sich nicht bilden

Russland müsse sich jetzt stärker an Entwicklungs- und Schwellenländer anlehnen, die man seit einigen Jahren auch als die Länder des „Globalen Südens“ bezeichne, so Trenin. Diese Länder hätten in den letzten Jahren ihren Rückstand gegenüber dem hochentwickelten Westen erheblich verringert. Mit seinen Rohstoffreserven, seiner internationalen Erfahrung und seiner hochentwickelten militärischen Technologie könne Russland durchaus eine wichtige Rolle in dieser Staatengruppe spielen, setzte Trenin seine Ausführungen fort.

Zugleich warnte er aber die Kreml-Führung vor der Illusion, sie könne die Länder des „Globalen Südens“ zu einem geschlossenen Vorgehen gegen die von den USA dominierte „Neue Weltordnung“ bewegen. Jeder dieser Staaten verfolge nur seine eigenen Interessen, die mit den Interessen der anderen Staaten der Region in der Regel kaum übereinstimmten. Eine „Einheitsfront“ lasse sich auf einer so fragilen Basis nicht bilden.

Abgesehen davon wies Trenin darauf hin, dass die Kluft zwischen den Wertvorstellungen der Staaten des „Globalen Südens“ und denjenigen Russlands in der Regel viel tiefer sei als die Kluft zwischen den russischen und den westlichen Werten. Dessen ungeachtet habe Russland aufgrund der seit Beginn der Ukraine-Krise entstandenen Konstellation keine andere Wahl als eine Hinwendung zum „Globalen Süden“, so das Fazit Trenins.

Russlands geopolitische Zukunft

Trenins strategische Überlegungen lassen sich als eine Art Anleitung zum Handeln für die Verfechter der Moskauer „gelenkten Demokratie“ verstehen. Diese scheinen in der Tat davon auszugehen, dass die Tür in Richtung Westen für Moskau nun verriegelt sei, und dass Russlands geopolitische Zukunft im Osten bzw. im „Süden“ liege. Kein Wunder, dass die Gedankengänge der zu Beginn der 1920er-Jahre im russischen Exil entstandenen Eurasierbewegung im herrschenden Establishment des Landes immer populärer werden.

Auch die Eurasier propagierten eine geopolitische Neuorientierung Russlands in Richtung Osten und setzten sich schonungslos mit der bei den russischen Bildungsschichten generationenlang verbreiteten „europäischen Sehnsucht“ auseinander. Am Sinn der Europäisierung habe im Petersburger Russland kaum jemand, wenn man von kleinen slawophilen Kreisen absehe, gezweifelt, so die Eurasier. Ein Denken außerhalb des westlichen Koordinatensystems sei nicht mehr vorstellbar gewesen.

Welche Folgen die Übernahme fremder Wertvorstellungen und die weitgehende Entfremdung von der eigenen Kultur haben können, beschrieb der Vordenker der Eurasier-Bewegung, Fürst Nikolai Trubetzkoy, 1920 in seinem Buch „Europa und die Menschheit“, das man als eine Art „Kommunistisches Manifest“ der Eurasierbewegung bezeichnen kann. Die Kulturarbeit der nichteuropäischen Völker finde nur dann die Anerkennung der Europäer, wenn sie ganz den europäischen Maßstäben entspreche, so der „eurasische Karl Marx“. Es sei aber verständlich, dass europäische Völker, die sich in ihrem eigenen kulturellen Element bewegten, wesentlich produktiver seien als europäisierte Nichteuropäer. Daher bleibe bei den Nichteuropäern ständig das Gefühl der eigenen Rückständigkeit bestehen, sie seien fortwährend von Minderwertigkeitskomplexen geplagt. „Rückständigkeit ist das unentrinnbare Gesetz der Völker, die sich auf den Weg der Europäisierung begeben.“

Die Worte Fjodor Dostojewskis über die anbetungswürdigen Schätze der westlichen Kultur, über die „heiligen Steine“ des Westens wären bei den Eurasiern undenkbar gewesen. Ebenso undenkbar wäre im eurasischen Vokabular die These Dostojewskis von der russischen Mission, Asien zu europäisieren: „In Europa waren wir […] Sklaven, in Asien werden wir als Herren auftreten, in Europa waren wir Tataren, in Asien sind wir Europäer“, schrieb Dostojewski 1881 in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“.

Russland als Führer nichteuropäischer Völker gegen Europa

Für die Eurasier hingegen lag die Zukunft Russlands nicht in der Stärkung seiner Position als europäische Großmacht, sondern darin, dass es zum Führer einer weltweiten Auflehnung der nichteuropäischen Völker gegen Europa werden könne. Hier sind verblüffende Parallelen zur Argumentation der Bolschewiki sichtbar, die ebenfalls Russland zum Zentrum der Auflehnung gegen die europäische Hegemonie machen wollten. Indes bestand zwischen den beiden Programmen ein grundlegender Unterschied. Im Gegensatz zu den Eurasiern glaubten die Bolschewiki keineswegs an den Eigenwert der nichteuropäischen Kulturen.

Ähnlich wie die Mehrheit der von den Eurasiern so scharf kritisierten Westeuropäer glaubten auch die Bolschewiki daran, dass die westliche Kultur einen universalen Charakter habe. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges schrieb Lenin über den asiatischen Befreiungskampf, der sich damals intensivierte:

„Heißt das vielleicht, dass der materialistische Westen verfault ist und das Licht nur aus dem mystischen, religiösen Osten leuchtet? Nein, gerade umgekehrt. D.h., dass der Osten endgültig den Weg des Westens betreten hat, dass neue Hunderte und Aberhunderte Millionen Menschen jetzt am Kampfe für die Ideale teilnehmen, zu denen sich der Westen durchgekämpft hat. Verfault ist die Bourgeoisie des Westens, vor der schon ihr Totengräber steht – das Proletariat.“

Bei der Revolte, die den Eurasiern vorschwebte, handelte es sich um eine Auflehnung ganz anderer Art. Sie sollte sich nicht nur nach außen, sondern auch und vor allem nach innen richten. Die Nichteuropäer müssten nämlich das vom Westen übernommene Vorurteil von der Minderwertigkeit ihrer eigenen Kultur überwinden und die Egozentrik, die hinter diesem angeblichen Universalismus der Westeuropäer stecke, entlarven.

Das radikal Neue als die Erneuerung des Alten

Der Kulturrevolution, für die die Eurasier plädierten, war das futuristische Pathos der bolschewistischen Revolution fremd. Ihr „Goldenes Zeitalter“ lag nicht in der „lichten Zukunft“, sondern in der Vergangenheit. Aber nicht in der unmittelbaren Vergangenheit, wie dies bei den russischen Monarchisten der Fall war, sondern in der fernen Vorzeit. Das radikal Neue stelle im Grunde die Erneuerung des ganz Alten dar, sagte 1923 Trubetzkoy. Jede radikale Erneuerung knüpfe an die ganz alte und nicht an die unmittelbare Vergangenheit an. Trubetzkoy bezog sich hier auf die Tatsache, dass die Eurasier das Petersburger Russland im Namen des alten Moskauer Russlands, im Namen der Idee vom „dritten Rom“ ablehnten. So handelte es sich bei den Eurasiern um Revolutionäre und Traditionalisten zugleich, um „konservative Revolutionäre“.

Auch hier, zumindest was den Traditionalismus der Eurasier anbetrifft, scheint sich die Putin-Equipe an das eurasische Vermächtnis anzulehnen. Nach der Abkehr von dem reformatorischen Impetus ihrer Vorgänger gebärdet sie sich nun als Verteidigerin der traditionellen Werte, die der „dekadente“ Westen angeblich verraten habe.

Trotz mancher Übereinstimmungen zwischen dem Eurasiertum und dem ideologischen Konstrukt, das zu einer Art offizieller Ideologie des heutigen Russlands geworden ist, besteht eine beinahe unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden Ideologien. Als die Eurasier vom russischen „Auszug nach Osten“ sprachen (so hieß ihre programmatische Schrift vom Jahre 1921), appellierten sie nicht in erster Linie an China, Indien oder Persien, sondern an die östlichen Völker, die das Territorium des Russischen Reiches bewohnten. Sie träumten von einer multiethnischen, multikulturellen und sogar multireligiösen Synthese. In ihrer programmatischen Schrift „Ewrasijstwo“ (Eurasiertum) vom Jahre 1926 meinten sie z. B. bei den Buddhisten und Moslems, die seit Generationen in Russland lebten, eine unbewusste Neigung zum orthodoxen Glauben zu entdecken.

Putin und seine „russozentrische“ Sicht

Im Putin’schen Programm hingegen spielt der Multikulturalismus so gut wie keine Rolle. Als ihre zuverlässigsten Verbündeten betrachtet die heutige russische Führung nicht die nichtrussischen Völker „Eurasiens“, sondern in erster Linie die russischen und russischsprachigen Minderheiten außerhalb der Russischen Föderation – Vertreter der sogenannten „Russischen Welt“ (Russkij mir). Solch eine russozentrische Sicht wäre für die Eurasier undenkbar gewesen. Die Zeit der Alleinherrschaft der Russen in Russland sei endgültig vorbei, hob Nikolai Trubetzkoy bereits 1927 hervor.

Kein Wunder, dass der russozentrische Kurs der Moskauer Führung bei vielen Nachfolgestaaten der UdSSR, auf deren Territorien, ähnlich wie in der Ukraine, starke russische Minderheiten leben, großes Misstrauen hervorruft. Die Bereitschaft dieser Staaten, auch der Mitglieder der vor Kurzem entstandenen Eurasischen Union, Moskaus Politik zu unterstützen, solle nicht überbewertet werden, betonte Dmitrij Trenin in seinem bereits zitierten Artikel in der Zeitung „Wedomosti“. Diese Staaten hätten weder die „Angliederung der Krim an die Russische Föderation noch die Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens“ offiziell anerkannt.

Russland wird seine „Rückkehr nach Europa“ wieder aufnehmen

Der Kreml-Führung ist es also nicht gelungen, die Lücke zu füllen, die 2014 entstanden ist, als die Westmächte, die Boris Jelzin 1992 noch als die „natürlichen Verbündeten Russlands“ bezeichnet hatte, zu Kontrahenten Moskaus wurden.

Dessen ungeachtet bleibt Russland, trotz der antiwestlichen Tiraden seiner heutigen Machthaber, weiterhin eine „europäische Macht“, wie Katharina II. 1767 das von ihr regierte Land definierte. Das „Fenster nach Europa“, das Peter der Große zu Beginn des 18. Jahrhunderts geöffnet hatte, veränderte den Charakter Russlands so stark, dass es für die Kritiker der petrinischen Reform nicht mehr möglich war, das Rad der Geschichte auf Dauer zurückzudrehen. Man kann davon ausgehen, dass auch die heutige Infragestellung der „europäischen Wahl“ Russlands nicht von Dauer sein wird. Früher oder später wird das Land den zu Beginn dieses Jahrhunderts unterbrochenen Prozess seiner „Rückkehr nach Europa“ sicherlich wieder aufnehmen.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Leonid Luks: Immer gen Westen!

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