Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden. Josef Ackermann

Immer gen Westen!

Russland hat sich seit Jahrhunderten nach Europa orientiert. Erst durch Wladimir Putins „gelenkte Demokratie“ hat sich das geändert. Doch der Blick nach China ist keine Lösung.

Durch ihre radikale Infragestellung der europäischen Werte verabschieden sich Wladimir Putin und andere Verfechter der Moskauer „gelenkten Demokratie“ von einer Tradition, die, bis auf einige Ausnahmen, den roten Faden der russischen Staatlichkeit seit den Reformen Peters des Großen zu Beginn des 18. Jahrhunderts darstellte.

Bis zur petrinischen Umwälzung war in Russland das Gefühl von der eigenen Auserwähltheit tief verankert. Symbolisiert wurde dieses Überlegenheitsgefühl durch die Theorie von „Moskau – dem Dritten Rom“. Anders als oft vermutet, hatte diese Theorie eher einen defensiven Charakter. Ursprünglich vom Pskower Mönch Filofej zu Beginn des 16. Jahrhunderts formuliert, stellte sie einen Appell an den damals in Moskau herrschenden Großfürsten Wassili III. dar, die Reinheit der Orthodoxie zu schützen und zu bewahren. Den Fall von Konstantinopel im Jahre 1453 führte der Mönch auf die Abkehr des Byzantinischen Kaiserreiches von der reinen Lehre der Kirche zurück. Nach dem Untergang von Byzanz blieb Russland als der einzige unabhängige Staat übrig, in dem noch der orthodoxe Glaube herrschte. Deshalb sollte es sich in eine unangreifbare Festung der Orthodoxie verwandeln.

Der Moskauer Staat wurde nun von einigen politischen Denkern Russlands als eine Art Abbild des Himmelreiches auf Erden betrachtet, als ein Staat, der auf Wahrheit beruhte (Gosudarstwo prawdy). Die technologische und wirtschaftliche Rückständigkeit Russlands gegenüber dem Westen rief keine Minderwertigkeitsgefühle hervor. Die Leistungen des Abendlandes galten aufgrund des dortigen Mangels an richtigem Glauben als irrelevant.

Peter der Große öffnete das Fenster nicht zufällig nach Westen

Allmählich geriet aber der Moskauer Staat aufgrund seiner Autarkie und Selbstbezogenheit in eine immer tiefer werdende kulturelle Stagnation. Um diese Stagnation zu überwinden, benötigte Russland dringend Anregungen von außen. Und woher konnten diese kommen, wenn nicht aus dem Westen? Es sei kein Zufall gewesen, dass Peter der Große, als er Russland zu Beginn des 18. Jahrhunderts grundlegend reformieren wollte, das Fenster nicht nach Osten oder Süden, sondern nach Westen geöffnet habe, sagt der russische Kulturhistoriker Wladimir Weidlé. Intuitiv habe Peter I. durch die Wiederherstellung der Einheit der europäischen Welt den für die russische Kultur fruchtbarsten Entwicklungsweg gewählt, setzt Weidlé seine Ausführungen fort.

Die Selbstgenügsamkeit und Selbstzufriedenheit der russischen Gesellschaft ging mit den Umwälzungen Peters des Großen jäh zu Ende. Für die überwältigende Mehrheit der Russen brach jetzt eine Welt zusammen. Moskau stellte von nun an nicht mehr den Hort des reinen Glaubens, das Abbild des Himmelreiches auf Erden, sondern lediglich ein unterentwickeltes Territorium dar, das erst zivilisiert werden musste.

Keine andere Revolution in der Geschichte des Landes, nicht einmal die Bolschewistische, erschütterte die bestehende Wertehierarchie so stark wie die petrinische. Das Land begab sich auf eine Aufholjagd, um den Rückstand gegenüber dem wirtschaftlich und technologisch davoneilenden Westen zu beseitigen. Von einem ausgesprochenen Sendungsbewusstsein konnte angesichts dieser Sachverhalte keine Rede mehr sein.

Die Revolution der Bolschewiki wurde von europäischen Ideen inspiriert

Im 18. Jahrhundert wurden russische Herrscher, vor allem Peter der Große und Katharina II., zu Lieblingen der westlichen Aufklärer. Ihr Unternehmen – ein aus der Sicht des Westens unterentwickeltes Land der europäischen Kultur anzupassen – wurde allgemein bewundert.

Nach der Französischen Revolution von 1789 distanzierten sich die russischen Monarchen zwar vom aufklärerischen Vermächtnis Peters I. (der reformorientierte Zar Alexander II. (1855-1881) stellte hier eine der wenigen Ausnahmen dar). Ein Austritt aus dem europäischen „Konzert der Mächte“ kam aber für die Petersburger Herrscher nicht infrage. Im Kampf der Ideen, der nach der Revolution ausbrach, wurde Russland zu einer der wichtigsten Stützen des europäischen Legitimismus.

Auch bei den Bolschewiki handelte es sich keineswegs um Verfechter des russischen „Sonderweges“. Ihre Revolution wurde durch europäische Ideen inspiriert, nicht zuletzt durch diejenigen der Französischen Revolution. 1917 schien Russland zu einer neuen Heimat der Ideale von 1789 geworden zu sein, der Ideale, die die westliche Bourgeoisie aus der Sicht der Bolschewiki angeblich verraten habe.

Russland als Experimentierfeld des europäischen Geistes

Was Russland anbetrifft, so verwandelten die Bolschewiki das von ihnen beherrschte Land in ein Experimentierfeld zur Verwirklichung von Ideen, die sie für die höchste Ausprägung des europäischen Geistes hielten. Ihrem Selbstverständnis nach setzten sie auch das Werk Peters des Großen fort, indem sie die „rückständigen“ russischen Strukturen zu modernisieren suchten.

Die Folgen ihrer Handlungen waren allerdings denjenigen ihres großen Vorgängers geradezu entgegengesetzt. Peter der Große hatte die Kluft zwischen Ost und West, zumindest teilweise, überwunden, die Bolschewiki hingegen schotteten Russland erneut von der Außenwelt ab. Das Land wurde wieder, ähnlich wie der Moskauer Staat im 16. und im 17. Jahrhundert, autark und verlor den Anschluss an die Moderne.

Umso erstaunlicher waren die Prozesse, die sich auf dem Kontinent in den letzten anderthalb Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts anbahnten. Zwei Teile Europas, die siebzig Jahre lang voneinander getrennt gewesen waren, begannen zusammenzuwachsen. Ein Teil der russischen Eliten wurde nun von der Sehnsucht erfasst, nach Europa zurückzukehren. Und es wäre völlig verfehlt, diese Sehnsucht als „romantische Schwärmerei“ abzutun, wie dies gelegentlich geschieht.

Denn sie hatte ganz konkrete politische Folgen. Das politische Wunder der friedlichen Revolutionen von 1989, die Überwindung der europäischen Spaltung und die deutsche Einheit wären ohne diese „Sehnsucht“ und ohne den Verzicht des Reformflügels in der Gorbatschow-Equipe auf die „Breschnew-Doktrin“, die der Idee des „gemeinsamen europäischen Hauses“ eklatant widersprach, undenkbar gewesen.

Die russischen „Europäer“ stehen mit dem Rücken zur Wand

Die Heimat der „Diktatur des Proletariats“, das „Mekka“ der Unterdrückten der Erde wurde nun ähnlich „entzaubert“, wie Peter der Große dies vor dreihundert Jahren mit Moskau, dem unvergänglichen „Dritten Rom“ getan hatte. Nach dem petrinischen Verzicht auf den russischen „Sonderweg“ hatte das Land eine Chance erhalten, prägend an der Weiterentwicklung der europäischen Kultur in ihrer Gesamtheit mitzuwirken. Die Gorbatschow’sche Umwälzung schien Russland erneut, nach einer etwa siebzigjährigen Trennung vom westlichen Diskurs, diese Chance zu gewähren.

Inzwischen ist allerdings die Euphorie der Jahre 1989–91 verflogen. Isolationistische Kräfte sowohl im Osten als auch im Westen, die den europäischen Charakter Russlands infrage stellen, nehmen an Stärke zu. Die russischen „Europäer“, denen der Kontinent die friedliche Überwindung seiner jahrzehntelangen Kluft im Wesentlichen verdankt, stehen zurzeit mit dem Rücken zur Wand und scheinen ihre Auseinandersetzung mit den radikalen Gegnern des Westens verloren zu haben – dies vor allem nach der Errichtung der „gelenkten Demokratie“ Wladimir Putins.

Abkehr von den europäischen Ideen durch Putin

Die im Jahre 2000 vollzogene autoritäre Wende wird in Russland in einem immer stärkeren Ausmaß durch die Abkehr von den europäischen Ideen und durch die Liebeserklärung der Kreml-Führung an die eigene Nation begleitet.

Nach der Angliederung der Krim an die Russische Föderation im März 2014 erreichte diese neue Tendenz ihren vorläufigen Höhepunkt. Russland gilt nun für die Kreml-Propagandisten als Hort der traditionellen Werte, die vom „dekadenten“ Westen angeblich verraten worden seien, und zugleich als ein wahrhaft „souveräner“ Staat („souveräne Demokratie“). Aus der Sicht Moskaus unterscheide dies Russland von den Staaten der Europäischen Union, die sich angeblich in einer beinahe kolonialen Abhängigkeit von den USA befänden.

Dem russozentrischen Konstrukt, der zu einer Art offiziellen Ideologie des Putin-Systems wurde, fehlen gerade diejenigen Elemente, die der russischen Kultur, vor allem der russischen Literatur, eine außergewöhnliche Attraktivität verliehen. Denn zum Wesen der russischen Literatur gehörten ihre Wahrheitssuche und ihr Freiheitsdrang.

Die Verteidiger der „gelenkten Demokratie“ hingegen haben ihre „Wahrheit“ bereits längst gefunden und auf die Freiheit sind sie gerne bereit, zu verzichten, wenn sie nicht direkt zur Steigerung der imperialen Größe des Landes beiträgt. Durch ihre Selbstbeweihräucherung verzichten die Moskauer Russozentristen ausdrücklich auf das Vermächtnis Peters des Großen, das die russische Kultur gegenüber der Außenwelt öffnete und ihr zur außerordentlichen Blüte verhalf. Das Rad der Geschichte wird nun quasi um einige Jahrhunderte, in die vorpetrinische Vergangenheit, zurückgedreht, als Russland aufgrund seiner Selbstbezogenheit und Autarkie den Anschluss an die Moderne verlor.

Kompensation durch Annäherung an China

Die immer stärkere Abwendung von Europa versucht die russische Führung durch eine Annäherung an China zu kompensieren. So berichtet die regierungsnahe Zeitung „Argumenty nedeli“ (4.6.2015) stolz, dass die Importe aus China nun in einem immer stärkeren Ausmaß die deutschen Maschinen ersetzten, die aufgrund der 2014 vom Westen verhängten Sanktionen nach Russland nicht mehr gelangen könnten.

Der im Februar 2015 ermordete Regimekritiker Boris Nemzow hielt indes die im Kreml gehegten Hoffnungen, China würde den Verlust der westlichen Märkte kompensieren, für eine Illusion. Im April 2014 sagte er in einem Interview, Peking werde seine Monopolstellung dazu ausnutzen, um Preise für die russischen Energielieferungen massiv nach unten zu drücken. Abgesehen davon stelle eine allzu starke Abhängigkeit von China eine große Gefahr für die territoriale Integrität Russlands dar. Umfassende territoriale Forderungen Pekings in Bezug auf Sibirien und den russischen Fernen Osten seien bekannt.

Und noch eine Warnung darf in diesem Zusammenhang nicht fehlen. Formuliert wurde sie vom russischen Exilhistoriker Georgij Fedotow, der bereits im Januar 1940 Folgendes sagte: „Niemandem ist es bisher gelungen, Russland nach Asien zu verbannen, nicht einmal den Russen selbst.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Leonid Luks: Der Abschied vom Westen?

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